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Hambacher Forst Der Widerspenstigen Schonung

In Wäldern wie dem Hambacher Forst kämpften im 16. Jahrhundert Bauern gegen Feudalherren.

Braunkohlentagebau Hambach
So viel Aufhebens um so ein kleines Wäldchen … Luftaufnahme des Hambacher Forsts, oben rechts. Foto: dpa

Wenn sich der Blick in diesen Tagen auf den Hambacher Wald westlich von Köln richtet, so geht er meistens in die Höhe: Zu den alten Stieleichen und Hainbuchen, die das Gesicht des Waldes prägen, zu den Baumhäusern der Waldschützer, die dort leben, oder zu den Bechsteinfledermäusen und Mittelspechten, die dem Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) wichtige Argumente für die Bewahrung des historisch durchaus bedeutsamen Waldstücks liefern.

RWE rodet Hambacher Wald

Unter dem Wald liegt die Braunkohle, die der Energieriese RWE nach der Rodung des Waldes fördern möchte. Doch der wahre Schatz des Hambacher Waldes liegt in den Erdschichten dazwischen: In der gesamten Niederrheinischen Bucht hinterließ die letzte Eiszeit Lößböden, die zu den fruchtbarsten in Europa zählen. Dieser Bodenschatz ist einer der Gründe dafür, warum Nordrhein-Westfalen zu den am dichtesten besiedelten Regionen Europas zählt.

Und er ist der Grund dafür, dass auch der kleine Überrest des Hambacher Waldes, der aktuell von der Rodung bedroht ist, einzigartig und schützenswert ist. Denn auch wenn der Hambacher Forst kein Urwald ist, wie oft fälschlicherweise geschrieben wird, so ist er doch ein Ökosystem, in das der Mensch seit mehr als zehntausend Jahren höchstens bewahrend eingegriffen hat.

Die Bevölkerungsexplosion in Mitteleuropa, die für die Natur so problematisch geworden ist, hatte längst eingesetzt, als gegen Ende des 8. Jahrhunderts der später heiliggesprochene Arnold von Arnoldsweiler seinen Brotherrn Karl den Großen auf der Jagd im Wald begleitete. Mit einer List rang er ihm das Versprechen ab, ein Waldstück so groß, wie er es während der Mittagsrast des Kaisers umreiten könne, den umliegenden Dörfern zur gemeinschaftlichen Nutzung zu überlassen. Dies war die Geburtsstunde des „Bürgewaldes“, der von den bäuerlichen Ansiedlungen als Allmende verwaltet wurde.

Dank der Übereinkunft, dass die Bauern Brennholz entnehmen durften und ihre Schweine zur Mast in den Wald treiben durften, jedoch kein Baum gefällt werden durfte, blieb das große Waldstück bis ins späte 19. Jahrhundert weitgehend unberührt erhalten. Dann ging auch der Bürgewald allmählich in Privatbesitz über – Kiefernschonungen, die wie Fremdkörper hier und dort im Restwald stehen, zeugen von dieser Wende und von beginnenden, jedoch nur sporadischen Versuchen, den Mischwald auch forstwirtschaftlich zu nutzen.

Doch der wirklich drastische Eingriff kam erst Mitte der 1970er Jahre, als sich die umliegenden Gemeinden, inzwischen Besitzer des Waldes, im Schatten der Ölkrise bereiterklärten, den Wald an Rheinbraun (heute RWE) zu verkaufen, um ihn zur Gewinnung der darunterliegenden Braunkohle abholzen zu lassen.

Was dann verschwand, war nicht nur die weite Fläche der Baumkronen, die man heute noch auf alten Luftbildern sieht. Es war auch das gewachsene, alte System aus Wurzeln, Pilzen und Bakterien, heute auch als das „Internet des Waldes“ bezeichnet, durch das Bäume miteinander kommunizieren, durch das die Buchen Nährstoffe gezielt an ihre eigenen Nachkommen weiterleiten. Ein System von Totholz und Verfall, Besiedelung durch Kleinstlebewesen und Neubeginn, das Biologen aufgrund der jahrtausende alten, unberührten Vernetzung im Boden für unwiderbringlich halten.

Bürgewald soll gerettet werden

Schaut man nicht nur auf die Erdkunde und die Heiligenlegenden, sondern auch in die Geschichtsbücher, so führt der Begriff des Bürgewaldes und der Allmende – ein der „Allgemeinheit“ verwandtes Wort – auch zurück zu den Bauernkriegen, in denen sich Menschen im 16. Jahrhundert gegen die Privatisierung des Allgemeinbesitzes auflehnten, gegen die Ausbeutung von Ressourcen für die Bereicherung Einzelner und gegen das fortschreitende Feudalsystem, das eine alte Kultur genossenschaftlichen Wirtschaftens beendete.

So harren die Menschen, die den Bürgewald seit sechs Jahren besetzen, dort nicht nur aus, um einen kleinen, aber noch nicht zu kleinen Rest eines einzigartigen Ökosystems zu retten. Sie sehen sich auch als Erben der Allmendebauern. Und beobachten mit Freude, dass die Bewohner der umliegenden Ortschaften, die den Wald schon aufgegeben hatten, jetzt zu Tausenden zurückkehren, um doch noch zu verteidigen, was ihnen genommen werden soll; dass der belagerte Wald auch jetzt noch zu einem offenen Lehrraum für die vielen wird, die glauben, dass es Zeit ist, die Demokratie selbst in die Hand zu nehmen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Hambacher Forst

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