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Haemin Sunim „Glaub nicht alles, was du denkst“

Der Mönch und Bestseller-Autor Haemin Sunim über die Kunst, Dinge so zu akzeptieren wie sie sind, und wie man eine schwere Entscheidung trifft.

Haemin Sunim
Haemin Sunim sucht immer das Positive, auch wenn eine Situation erst mal unangenehm ist. Foto: Jörg Schulz /Chuck Knox Photography

Herr Sunim, Ihr Buch trägt den Titel: „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“. Welche sind das?
Wenn wir innehalten, können wir eine tiefere Verbindung mit den Menschen eingehen, die uns begegnen, mit unserer Familie, unseren Freunden. Wenn wir jedoch in Gedanken sind, haben wir keine Verbindung, selbst wenn diese Menschen da sind. Wir denken über andere Dinge nach und sind nicht mal gegenüber unseren Liebsten aufmerksam.

In diesem Zustand haben wir auch keinen Blick für die Schönheit der Natur. Wir sind eigentlich glücklich, wenn wir Bäume sehen, frische Luft atmen, Vögel hören. Aber wenn wir in unserer eigenen Welt gefangen sind und nur über die E-Mails nachdenken, die wir beantworten müssen, dann ist unser Geist immer in der Zukunft und wir vergessen, in was für einer schönen Umgebung wir uns gerade befinden. Durch das Innehalten gehen wir auch wieder eine Verbindung mit unserem Körper ein. Wir können entspannen, tief einatmen. Wir denken so oft, wir können erst loslassen, wenn wir in Rente sind oder einen teuren Urlaub buchen, aber du kannst einfach jetzt sofort einen tiefen Atemzug nehmen und dein Körper entspannt sich und du fühlst dich glücklich.

Viele Menschen bitten Sie um Rat. Zu welchen Problemen werden Sie am meisten gefragt?
Die am häufigsten gestellte Frage ist, wie man jemanden in seiner Umgebung ändern kann.

Die meisten Menschen wollen ihr Glück dadurch finden, dass sie kontrollieren, wie ein anderer sich verhält. Sie wollen die Angewohnheiten ihres Partners oder ihres Kindes verändern. Zum Beispiel: „Wenn mein Kind endlich auf mich hören würde, wäre ich glücklich“. Wenn es um Gewalt oder etwas Illegales geht, muss der Mensch natürlich intervenieren. Aber bei Kleinigkeiten, etwa wenn der Partner raucht und mir das nicht gefällt, müssen wir den anderen respektieren. Denn nur, wenn der andere sich respektiert und verstanden fühlt, wird er sich ändern. Vielleicht nicht so, wie ich das gerne hätte, aber er wird sich ändern.

Sie bereisen die ganze Welt und kommen mit vielen Menschen in Kontakt. Haben alle die gleichen Probleme oder gibt es kulturelle Unterschiede oder sind Probleme immer individuell?
Meiner Ansicht nach gibt es keine großen Unterschiede, wenn es sich um das alltägliche Leben handelt. Meistens geht es um Familienstreitigkeiten, Stress bei der Arbeit oder Persönlichkeitskonflikte. Unterschiedlich ist etwa die politische Situation, in der ein Mensch lebt. Aber die meisten Menschen sind mit ihrem persönlichen Leben beschäftigt und stören sich daran, dass der Partner immer die dreckigen Socken auf dem Fußboden liegenlässt.

Sie schreiben, die meisten Menschen haben Widerstände gegen das, was ist und was sie nicht ändern können und sind deshalb unglücklich. Wie gelingt es, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind?
Man kann damit anfangen, täglich auf die Dinge zu achten, für die wir dankbar sind. Zum Beispiel bin ich gerade in einem Hotel untergebracht, das weit draußen liegt, in dessen Nähe es keine Geschäfte gibt. Ich kann mich darüber natürlich beklagen, aber das wird nichts ändern, außer dass es mich unglücklich macht.

Ich habe mich dann mit einem Freund im Stadtzentrum zum Essen getroffen und dabei gelernt, mich in Frankfurts U-Bahn-Netz zurechtzufinden, mir ein Ticket am Automaten zu ziehen. Jetzt fühle ich mich nahezu unbesiegbar (lacht). Das ist die positive Seite daran und ich freue mich über diese Gelegenheit, etwas zu lernen. Ich kann den Dingen immer etwas Positives abgewinnen. Und so funktioniert es auch umgekehrt. Jemand der im teuersten und schönsten Hotel wohnt, wird etwas Schlechtes finden, wenn er danach sucht. Wenn wir Widerstände gegen die Umstände haben, leiden wir. Ich meine damit nicht, dass man nicht gegen soziale Ungerechtigkeit oder Gewalt vorgehen soll. Ich spreche von den Dingen, die wir nicht ändern können.

Und was ist zum Beispiel mit dem Tod eines nahen Familienangehörigen?
In diesem Fall sollten wir statt in den inneren Widerstand zu gehen, das Gefühl der Trauer ehren. Anerkennen, dass es diesen Schmerz gibt, ihn nicht unterdrücken oder verleugnen. Und dann wird man realisieren, dass es völlig natürlich ist, dieses Gefühl zu haben. Natürlich bin ich traurig, wenn meine Eltern sterben. Mit dem Anerkennen der Trauer wird das Gefühl entstehen, sein Inneres auszudrücken zu wollen. Ich empfehle, das auf kreative Weise zu tun: Schreiben, Malen, Tanzen, Singen. Wenn man erbt, könnte man das Geld im Namen des Verstorbenen für eine gute Sache spenden.

Wie können wir uns verhalten, wenn jemand uns ungerecht behandelt oder wir hören, dass jemand etwas Negatives über uns sagt? Der erste Impuls wäre ja, sich zu ärgern.
Wenn du das Gefühl unfair behandelt worden zu sein unterdrückst, geht das Gefühl nicht weg, ein Groll bleibt übrig und der kommt immer wieder hoch. Der einzige Weg ist, deinen Mut zusammenzunehmen und dem anderen absolut ehrlich mitzuteilen, wie du fühlst. Aber du musst das in einem freundlichen Ton machen, denn wenn du ärgerlich bist, wird die Person in die Defensive gehen und nichts wird sich ändern. Ich empfehle, die Situation aus der Perspektive des anderen zu betrachten, zu verstehen, welche Logik hinter seinen Entscheidungen steckt. Wir sind oft in unserer eigenen emotionalen Sichtweise gefangen. Wenn du verstehst, welche Gründe dazu geführt haben, dass der andere so oder so gehandelt hat, suche einen Mittelweg, der deine und die Bedürfnisse des anderen befriedigt.

Aber um das zu schaffen, ist es unerlässlich die Dinge mit seinen Augen zu betrachten. Wenn eine Person unfreundlich ist, neigen Menschen dazu, das persönlich zu nehmen. Dann geht es im Kopf los: „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin wertlos“. In diesem Fall hilft es, zu untersuchen, wie die besagte Person andere behandelt. Wenn sie zu allen unfreundlich ist, ist das ihr Problem, nicht meins. Nicht ich werde angegriffen, sondern es ist die Natur dieses Menschen angriffslustig zu sein. Mein Rat: Nimm es nicht persönlich.

Was empfehlen Sie jemandem, der vor einer schweren Entscheidung steht?
Drüber schlafen. Triff keine übereilten Entscheidungen. Unser tiefes Bewusstsein arbeitet weiter und wird dir die richtige Antwort offenbaren. Entscheide nichts unter Druck, gib dir selbst etwas Zeit, vor allem, wenn es sich um eine wichtige Entscheidung handelt. Wenn es sich aber um etwas Banales handelt, etwa trinke ich einen Tee oder einen Kaffee, triff die Entscheidung sofort.

Was ist das Wichtigste im Leben? Liebe? Spiritualität?
Zu wissen, wer man selbst ist. Ich denke, das wollen wir alle. Wir tun so oft Dinge, ohne zu wissen, ob das etwas ist, was wir wirklich tun wollen. Wir fühlen Druck von den Eltern oder der Gesellschaft, zum Beispiel einen bestimmten Job zu ergreifen, weil der viel Geld bringt. Wenn wir also einen Job oder einen Partner wählen, ohne wirklich tief drinnen zu wissen, was uns entspricht, bereuen wir das für den Rest unseres Lebens. Wenn du herausgefunden hast, was dich wirklich glücklich macht, denke ich, dass es wichtig ist, anderen zu dienen und zu helfen, selbst wenn es kleine Dinge sind.

Haben die Weisheiten und Hinweise im Buch alle einen buddhistischen Hintergrund?
Nein, auch wenn vieles aus dem Buddhismus und meiner eigenen spirituellen Praxis stammt. Meistens beschäftige ich mich mit etwas und befrage meinen Geist, meine Seele. Dann verstehe ich, warum ich bestimmte Schwierigkeiten habe. Aufmerksamkeit ist wichtig. Und nicht an alles zu glauben, was man denkt, Platz lassen zwischen den Gedanken und dem Selbst. Die Aufmerksamkeit hilft zu erkennen: Das ist nur ein Gedanke, das ist nicht die Realität. Ich sage oft: Du bist der Himmel, nicht die Wolken Deiner Gedanken.

Sie sind weltweit als Redner gefragt, reisen sehr viel, schreiben Bücher und haben über eine Million Follower auf Facebook und Twitter. Wie schaffen Sie es, zu entschleunigen und zu meditieren?
Ich gehe. Auf Reisen spaziere ich in Parks und Gärten. Zuhause in Korea wandere ich jeden Morgen mindestens 45 Minuten lang auf einen Berg. Und natürlich meditiere ich täglich, auch wenn es nur 30 Minuten sind. Und manchmal nehme ich zwei, drei Monate an einem Meditationsretreat teil.

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