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Gute Mauern, schlechte Mauern

Japan will sich mit Beton vor der Wucht des Wassers schützen. Auch andernorts versucht der Mensch, Unliebsames auszusperren. Hierzulande begann vor 57 Jahren der Bau einer Mauer, die längst Geschichte ist

Betonmauer bei Tanohata
Wasser kennt kaum Grenzen: Hohe Wellen brechen sich an einer Betonmauer bei Tanohata in der Präfektur Iwate. Foto: rtr

Am 13. August 1961 wird in Berlin die Teilung Deutschlands in Zement gegossen. Das Pflaster wird aufgerissen, es werden Gräben gezogen, Zaunpfähle einbetoniert, Drahtgeflecht gespannt. Nach und nach wird aus dem Zaun, der Ost und West voneinander trennt, die Berliner Mauer. Bis zu deren Fall am 9. November 1989 sterben mindestens 140 Menschen bei dem Versuch, die Grenze innerhalb des Stadtgebiets zu überwinden. Der 13. August ist ein Tag, an dem aber nicht nur der Toten gedacht werden sollte, sondern auch der guten Kräfte, die eine Mauer – egal, wo sie steht – zu Fall bringen können.

Sich dieser guten Kräfte zu vergewissern ist umso wichtiger, als der Mensch unaufhörlich Mauern in den Köpfen heraufbeschwört und Zäune zieht. Hohe, lange Zäune, die ihn, der sich auf der richtigen Seite wähnt, schützen vor dem, der auf der anderen, der falschen Seite auf der Lauer liegt.

In den USA soll der Zaun zu Mexiko die Menschen aus dem Süden daran hindern, ihr Glück im Norden zu suchen; und auch Europa schottet sich ab, zieht Zäune, Wälle, Mauern hoch. Dabei sind die Ängste der Mauerbauer diffus, in sich widersprüchlich. Und in der Aufregung wird oft eines übersehen: Wer aussperren will, was Angst macht, muss dennoch mit der Angst leben.

Auch in Japan baut der Mensch Mauern gegen die Angst, gießt tonnenweise Beton in Schalungen, um sich vor der Wucht des Wassers zu schützen. Vereinzelt fühlen sich die Menschen an den Küsten des Inselstaates zwar „eingemauert“, wie sie es ausdrücken. Aber, nach dem Tsunami im März 2011 mit mehr als 15 000 Toten und bis heute rund 3000 Vermissten, bedeuten diese Mauern vor allem Sicherheit. Und Sicherheit, selbst wenn sie eine trügerische sein sollte, hat zunächst etwas Beruhigendes. Dennoch bleibt die Frage: Vermögen diese hohen, festen, gut geplanten Schutzwälle wirklich, Naturgewalten in Schach zu halten, wo doch der Mensch schon so manche Mauer niedergerissen hat?

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