Lade Inhalte...

Großbritannien Wo der Brexit wirklich weh tut

Zwischen Nordirland und der irischen Republik wächst mit dem nahenden Ausstieg aus der EU die Angst vor wirtschaftlicher Isolation und der Rückkehr des Terrors. Eine Bürgerbewegung will mit einem Spezialstatus für Nordirland das Schlimmste verhindern.

Straße zwischen Monaghan und Fermanagh
Hier, zwischen den Grafschaften Monaghan und Fermanagh, war zu Zeiten der blutigen Unruhen eine unpassierbare Barrikade. Seit knapp 20 Jahren können die Menschen im Grenzgebiet frei pendeln. Foto: rtr

Die Erinnerung lässt sich nicht abschütteln. Sie verfolgt John Sheridan bis zum heutigen Tag. „Noch immer läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich nur daran denke“, gesteht der Farmer, der im nordirischen Grenzland, unweit der Stadt Enniskillen, wohnt. Woran der 56-Jährige sich erinnert: Das sind die Zeiten der Troubles. der blutigen Unruhen, die Nordirland in seiner Jugend erschütterten. 

Vor allem hier an der Grenze zur irischen Republik, wo Sheridans Farm liegt, war es eine Albtraum-Zeit. „Wenn du morgens das Hoftor geöffnet hast, konntest du nicht wissen, ob du gleich sieben Meter hoch in die Luft fliegen würdest. Zu den motorisierten Polizei- und Armee-Patrouillen auf den Landstraßen, die es ebenfalls treffen konnte, hieltest du immer schön Abstand. Und wenn du abends eine Disco in der örtlichen Tanzhalle besucht hast, bist du stets auf der Hut gewesen. Das erste, wonach du instinktiv Ausschau gehalten hast, war die Ausgangstür“, erzählt Sheridan.

Die Grenzgebiete in der Grafschaft Fermanagh, in denen seit jeher viele protestantische Farmer lebten, waren vom Terror jener Jahre besonders betroffen. Jedem im Gedächtnis geblieben ist das nächtliche Klopfen an Farmhaus-Türen, das den Tod bedeuten konnte – und die Racheaktionen loyalistischer Gangs. Die verheerendste Wirkung hatte die IRA-Bombe von 1987, die bei einer Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal von Enniskillen zehn Zivilisten und einen Polizisten tötete. 

Brexit-Referendum: „Lügner haben Lügen aufgetischt“

John Sheridan, selbst protestantischer Herkunft und seinerzeit Teil der „belagerten“ Familien an der Grenze, war allerdings nie einer, der sich in einer Wagenburg verschanzt hätte. Einen Teil seines Lebens hat Sheridan im Süden, in der irischen Republik, verbracht – dem Ursprungsland seiner Frau. 

Sheridan hat einen Fuß in beiden Teilen der Welt. „Mir geht’s hier vor allem um eines“, meint der Grenzland-Farmer, „nämlich um den Frieden.“ Der wurde bekanntermaßen in den neunziger Jahren mühsam erkämpft und im Karfreitags-Abkommen von 1998 besiegelt. Er hat zur Abrüstung der IRA geführt und zur Demilitarisierung der Region.

Diesen Frieden, räumt John Sheridan ein, habe Nordirland nicht zuletzt auch der EU zu verdanken: Den Milliardenbeträgen, mit denen Europa den Frieden untermauerte, und den offenen Grenzen, die die gleichzeitige EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs und der irischen Republik ermöglicht hat. „Europa hat uns die längste Friedenszeit meines Lebens beschert“, sagt der Farmer. Dass all dies nun gefährdet sein soll, ist ihm unbegreiflich: „Die Leute verstehen nicht, was wir hier haben. Wie weit wir in unserer Entwicklung gekommen sind.“

Mit der Gefährdung gemeint ist natürlich der kommende EU-Austritt der Briten, der Brexit. Sheridan seufzt, während er in seiner Küche frischen Tee aufgießt. Beim Brexit-Referendum im Vorjahr hätten „Lügner Lügen aufgetischt“ und frustrierte Wähler „gedankenlos“ ihre Stimme abgegeben: „Und jetzt sind meine Farm, mein Lebensunterhalt, die Zukunft meiner Familie und die Zukunft all unserer Gemeinden hier auf dieser Insel bedroht.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum