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Grenfell-Tower Zorn und Verzweiflung nach der Brandkatastrophe

Vor einem Jahr stand ein Hochhaus in Grenfell in Flammen, 72 Menschen kamen bei dem Brand ums Leben. Noch immer warten viele frühere Bewohner auf neue Wohnungen.

Grenfell Tower
Der brennende Grenfell Tower am 14. Juni 2017 Foto: afp

Wenn sich an diesem Donnerstag das schlimmste Feuer Großbritanniens seit Ende des Zweiten Weltkrieges jährt, werden die Hinterbliebenen, Freunde und Nachbarn der 72 Toten sowie Anwohner einen „Schweigemarsch für Grenfell“ durch ihr Viertel machen. Die anschließende Versammlung aber dürfte weniger von Erinnerung, Gemeinschaft und Versöhnung handeln als von düsteren Emotionen. Die Opfer der Grenfell-Brandkatastrophe wirken so zornig, verzweifelt und traurig wie am ersten Tag. Und warum auch nicht, fragt die örtliche Unterhaus-Abgeordnete Emma Dent Coad: „Sie haben schließlich alles Recht dazu, zornig zu sein.“

Der 63-Jährigen versagt bis heute die Stimme, wenn sie über jene Nacht spricht. Die nur wenige Fußminuten von Grenfell entfernt wohnende Labour-Parlamentarierin, damals gerade vier Tage im Amt, kam gegen 5 Uhr morgens an den Ort der Katastrophe. Vier Stunden zuvor war im vierten Stock ein Kühlschrank in Brand geraten. Ein eigentlich unbedeutendes Ereignis, wenn auch die Flammen aus dem offenen Küchenfenster schlugen. Doch eine erst kurz zuvor an dem 24-stöckigen Gebäude angebrachte Verkleidung aus Polyäthylen und Aluminium agierte als Brandbeschleuniger, binnen weniger Minuten stand das gesamte Gebäude in Flammen.
Aus Respekt vor den Opfern vernimmt die richterliche Untersuchungskommission zu den Hintergründen des Infernos diese Woche keine Zeugen. Vergangene Woche aber stand das Vorgehen der Feuerwehr auf dem Prüfstand. Die hatte in der Brandnacht an die rund 400 Bewohner zunächst die bewährte Parole ausgegeben: ‚Bleiben Sie in der Wohnung und warten Sie auf die Rettungskräfte.‘ Das erwies sich als schlimmer Fehler, nicht zuletzt, weil der Londoner Feuerwehr eine Leiter fehlte, die hoch genug gewesen wäre, um von Außen an das Gebäude zu kommen.

Erst zwei Stunden nach dem ersten Alarm änderte die Einsatzleitung ihr Vorgehen und ordnete die Evakuierung des nicht mit Sprinklern ausgestatteten Gebäudes über das einzige Treppenhaus an. In heroischem Einsatz retteten Feuerwehrleute mit schwerem Atemschutz 67 Bewohner, andere entkamen ohne Hilfe. Doch Alte, Behinderte, Kinder sowie eine Reihe von Bewohnern, die ihre Familienmitglieder nicht zurücklassen mochten, kamen durch Rauch und Flammen ums Leben – oder sprangen in den Tod. 

Von 72 Todesopfern spricht die unabhängige Untersuchungskommission unter Leitung des pensionierten Richters am Appellationsgericht Martin Moore-Bick. Oder waren es doch viel mehr? Vierzehn Tage nach der Katastrophe hatte die Kripo die Opferzahl als 79 „Tote und Vermisste“ angegeben – letzteres ein Hinweis darauf, dass bei Temperaturen von 1200 Grad von manchen Leichen nichts übrig bleiben würde. Manche Bewohner sprechen deshalb vom „Krematorium“ und bezweifeln die offiziellen Angaben. „Sie glauben, dass es mehr Opfer gegeben hat“, berichtet der Labour-Abgeordnete David Lammy, dessen Familie eine Freundin in den Flammen verlor, zumal in manchen der 150 Wohnungen illegal in Grossbritannien lebende Menschen untergekommen waren.

Rufe nach Anklage

Lammy, 45, ruft wie viele der Grenfell-Opfer nach einer gerechten Bestrafung der Täter, nach Anklagen wegen Totschlags oder wenigstens wegen fahrlässiger Tötung. Davon scheint die Kripo freilich weit entfernt. Moore-Bicks Kommission soll ohnehin keine individuelle Schuld feststellen, sondern lediglich die Ursachen der Katastrophe benennen und Empfehlungen aussprechen. Dem Gremium stehen viele Hinterbliebene bis heute extrem misstrauisch gegenüber; in ihrem Namen forderte Londons Bürgermeister Sadiq Khan dieser Tage den Vorsitzenden Richter dazu auf, die Anhörungen näher an den Brandort zu legen anstatt zehn Kilometer entfernt in der Innenstadt zu tagen. „Viele Opfer sind so traumatisiert, dass sie die U-Bahn nicht benutzen können“, gab Khan zur Begründung an.

Für anhaltenden Zorn sorgt auch die Tatsache, dass ein Jahr danach noch immer nicht alle 203 betroffenen Haushalte eine neue Unterkunft auf Dauer gefunden haben. „Alle haben ein Angebot erhalten“, teilte Premierministerin Theresa May am Mittwoch im Unterhaus mit und verwies darauf, manche Brandopfer lebten weiterhin lieber in Pensionen oder Billighotels als in neuen Sozialwohnungen.

Hingegen spricht die lokale Abgeordnete Dent Coad von 250 Menschen aus 120 Haushalten, denen der Stadtbezirk Kensington&Chelsea bis heute keine angemessene Unterkunft angeboten habe. Notwendig seien etwa 30 Behinderten-gerechte Wohnungen, angeboten worden seien von der konservativen Bezirksregierung lediglich drei, zählt die Labour-Politikerin auf. „Der Bezirk versagt jeden Tag aufs Neue.“

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