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Goebbels-Gobelin Der Teppich des Propagandaministers

Seit Jahren liegt bei der Oldenburger Polizei ein Gobelin von Joseph Goebbels - aber wem gehört er? Vier Parteien streiten um den Sensationsfund. Von Bernhard Honnigfort

Ein Teppich mit der Szene "Wie Hagen den Schatz der Nibelungen im Rhein versenken liess" aus der Nibelungensage liegt bei der Polizei in Oldenburg. Der Teppich soll vor 64 Jahren von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels in Auftrag gegeben worden sein. Foto: ddp

Zufallsfunde kann man überall machen. Nicht nur in der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin, wo kürzlich überraschend eine MfS-Spitzelakte des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras auftauchte, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss.

Auch im Keller der Oldenburger Polizei liegen Dinge, die erstaunen. In der Asservatenkammer, so fanden Reporter der Nordwest Zeitung kürzlich bei einer Routineanfrage heraus, liegen nicht nur beschlagnahmte Rauschmittel, Einbruchswerkzeuge, Kleidung oder Waffen. In einem gut gesicherten Stahlschrank liegt seit zwei Jahren ein herrenloser Teppich. Genau: ein Gobelin, etwa zwei mal vier Meter, Motiv: "Wie Hagen den Schatz der Nibelungen im Rhein versenken ließ". Ein mordsmäßig kitschiger Wandteppich mit zwei Hakenkreuzen am oberen Ende. Früherer Besitzer: Joseph Goebbels, Propagandaminister im Dritten Reich.

Das Ding liegt, wo es liegt, weil man nicht weiß, wem es heute gehört. "Wir sehen das leidenschaftslos", sagt Polizeisprecher Markus Scharf und tut, was die Oldenburger Polizei seit 2007 tut: Sie wartet ab, dass jemand die mächtige Textilie abholt. Damals beschlagnahmte sie bei einer Razzia den Teppich, den Goebbels von 1943 bis 1945 in einer Wiener Manufaktur für sich anfertigen ließ. Von dort wurde er nach Berlin geliefert. Zwei weitere Gobelins schafften den Weg nicht mehr in die Reichshauptstadt.

Bis vor zwei Jahren wusste die Fachwelt nichts von dem Gobelin. Nach dem Krieg fanden ihn die Alliierten, dann landete er im Besitz der DDR und galt als verschollen. Doch 2007 bekam die Oldenburger Polizei einen Tipp von Kollegen aus Rottweil in Baden-Württemberg und beschlagnahmte den Teppich im Gepäck eines Geschäftsmannes, der ihn angeblich für 300.000 Euro anbot.

Vier Parteien streiten

Eine Bremer Wahrsagerin, heißt es, soll den Handel angebahnt haben, aus dem dann nichts wurde. Der von der Polizei gestoppte Geschäftsmann soll den Goebbels-Gobelin zwei Jahre vor dem Mauerfall von einem Dresdner Antiquitätenhändler bekommen haben. Angeblich sollte er ihn für den Dresdner im Westen verkaufen. Aber dann habe er den Sachsen reingelegt und sich mit dem Teppich aus dem Staub gemacht.

Nun liegt er im Oldenburger Polizeikeller und vier Parteien streiten um das Stück, das in bestimmten Kreisen mit einem Faible für NS-Devotionalien einen Haufen Geld bringen würde. Die Wahrsagerin will ihn haben, die Erben des Dresdner Antiquitätenhändlers erheben Anspruch, außerdem der ertappte Geschäftsmann, und nicht zu vergessen: Deutschland. Das Bundesamt für offene Vermögensfragen hob ebenfalls den Finger. Es bat darum, den Teppich herauszugeben.

Vielleicht landet er am Ende aller juristischen Streitereien irgendwann im Deutschen Historischen Museum in Berlin. "Eine eigenwillige Geschichte", findet ein Sprecher. "Der Teppich kommt zwar aus dem Reichsministerium, aber das heißt nicht, dass Goebbels darauf Tango getanzt hat." Wirklich begeistert ist man im Museum nicht. Vielleicht sei er in einer Ausstellung zeigbar, allerdings nur im historischen Kontext, heißt es. Ansonsten hält sich die Freude in Berlin über den seltsamen Sensationsfund im Oldenburger Polizeikeller in überschaubaren Grenzen: "Wir wollen hier ja keine Devotionalien ausstellen."

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