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Glücksforscher Easterlin im Interview Vom Glück, glücklich sein zu können

Auf der Suche nach dem Glück scheitern wir oft an unseren hohen Erwartungen. Gibt es überhaupt einen Königsweg zu Wolke sieben? Ein Gespräch mit dem Glücksforscher Richard A. Easterlin.

19.10.2009 14:10
Geld macht glücklich - mehr Geld nicht - besagt das Happiness-Income-Paradox. Foto: dpa

Mr. Easterlin, wie glücklich sind Sie, wenn Sie Ihr Leben heute betrachten - auf einer Skala von 1 bis 10?

Haha, die Frage kenne ich doch ...

Die stellen Sie und Ihre Mitarbeiter Ihren Testpersonen in aller Welt. Und - Ihre persönliche Antwort?

Nun, alles in allem bin ich ganz glücklich. Ich würde die 9 auf der Skala wählen.

Was macht Sie glücklich?

Die Arbeit als Glücksforscher macht mich immer noch zufrieden, und ich genieße ein sehr glückliches Familienleben. Die beiden Dinge zusammen, würde ich sagen, machen mein Glück aus. Natürlich lässt mich auch die anstehende Preisverleihung in Washington ein bisschen nach oben rutschen auf der Skala.

Sie bekommen den höchstdotierten Preis für Arbeitsmarktforschung. Was hat Sie bewogen, das Glück der Menschen in einzelnen Ländern wissenschaftlich zu untersuchen - fast Ihr ganzes Forscherleben lang?

Ich hatte das Glück, als Volkswirtschaftler in den 70ern in Stanford zu arbeiten, am Center for Advanced Studies. Da kam ich immer wieder in engen Kontakt mit Kollegen aus anderen Disziplinen, unter anderem den Sozialforschern und Psychologen, die damals einige neue Ideen über die Gesellschaft entwickelten. Sie hatten eine ganz neue Qualität von Daten über die Menschen zur Verfügung. Und so kam ich auf den Gedanken, diese Daten zu nutzen und herauszufinden, ob das allgemeine Wirtschaftswachstum bei uns in den Staaten das Glücksgefühl des Einzelnen steigert.

Sie hatten Zweifel daran, dass mehr Geld glücklicher macht?

Ich hatte Zweifel daran, dass der absolut messbare Wohlstand das entscheidende Kriterium ist. Damals entstand die Idee eines relativen Wohlstands - das heißt: Wichtig schien den jungen Amerikanern in jener Zeit nicht, wie viel sie tatsächlich in der Tasche hatten, sondern ob diese Summe den Erwartungen entsprach, die sie beim Aufwachsen in ihrer Familie entwickelt hatten. Davon machten sie unter anderem ihre Entscheidung für oder gegen eigene Kinder abhängig - von ihrem relativen Wohlstand, nicht dem absoluten, der sehr viel höher lag als der ihrer Eltern, als diese jung gewesen waren. Daraus folgten schon damals demografische Veränderungen in der Gesellschaft, und ich glaube, vor allem diese Erkenntnis brachte mich weg von der Orientierung am absoluten Einkommen zu einer eher soziologischen Sichtweise.

Wie bekommt man heraus, wie glücklich sich Menschen fühlen?

Man muss die Leute einfach nur fragen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die nicht in der Lage sind, auf die Frage "Wie glücklich sind Sie?" zu antworten.

Nun dürfte jeder seine eigene Vorstellung vom Glück haben - wie können Sie da Vergleiche anstellen oder einen Durchschnitt ermitteln?

Alle Menschen, egal, wo sie leben, widmen sich im Prinzip den gleichen Dingen: Sie arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen; sie bauen eine Familie auf; sie sorgen sich um ihre Gesundheit. Diese drei unmittelbaren Faktoren bestimmen auch das Glücksempfinden der Menschen. Deshalb sind Daten aus diesen drei Feldern durchaus miteinander vergleichbar.

Und das Ergebnis scheint ebenso universell zu sein: Mehr Geld macht die Menschen nicht glücklicher. Ist das wirklich so überraschend?

Nun, die Volkswirtschaftler gingen in den 60ern ja fest davon aus, dass wirtschaftliches Wachstum auch den Einzelnen glücklicher macht. Und diese Ökonomen haben mit ihrer Haltung einen enormen Einfluss auf die Realpolitik. Ich habe mich gefragt: Stützen die Daten, die uns die Sozialwissenschaftler über die Zufriedenheit der Menschen liefern, die These der Ökonomen eigentlich? So gesehen sind die Ergebnisse unserer Langzeit-Forschungen schon eine Überraschung.

Was war die größte Überraschung?

Dass wir ein paradoxes Modell bekommen haben - ich nenne es "Happiness-Income-Paradox". Das besagt Folgendes: Wenn wir Menschen zu einer bestimmten Zeit befragt haben, meist als junge Erwachsene, und deren Daten miteinander verglichen haben, ergab sich zunächst das erwartete Bild: Leute mit höherer Bildung und höherem Einkommen sind im Schnitt glücklicher als Leute mit geringerem Einkommen. Aber wenn man sie über viele Jahre beobachtet und immer wieder befragt, wird es paradox: Die Menschen fühlen sich kaum oder überhaupt nicht glücklicher, auch wenn ihr Einkommen beträchtlich steigt - das gilt für beide Gruppen, auch wenn das Einkommen der Bessergestellten überproportional gestiegen ist. Ein scheinbarer Widerspruch, der zumindest gegen die allgemeinen Erwartungen steht.

Ihre Erklärung dafür?

Wenn Leute auf ein höheres Wohlstandslevel kommen, dann nehmen sie das sehr schnell als selbstverständlich an. Sie passen also den Referenzpunkt für ihr Glücksempfinden immer wieder automatisch ihrer neuen Gehaltsstufe an - und nivellieren so ihre Zufriedenheit.

Und wenn das Einkommen zum Beispiel bei einer Familie aus dem gehobenen Mittelstand auf das niedrigere Level aus Studententagen sinkt, fühlen sich dieselben Leute unglücklicher als je zuvor - auch das behaupten Ihre Langzeit-Studien.

Richtig, die Psychologen haben dafür den Begriff "Verlustangst" eingeführt. Auf die Wirtschaft übertragen funktioniert das im Prinzip so: Wenn Sie auf ein niedrigeres Level zurückfallen, dann beziehen Sie Ihr Empfinden auf das hohe Level, das Sie einmal hatten, also auf einen festgelegten Referenzpunkt - und empfinden den Verlust als überproportional schmerzlich. Wir haben das zuletzt bei Menschen in Osteuropa und speziell in Ostdeutschland untersucht, wo der Übergang zur freien Marktwirtschaft viele auf eine Berg- und Talfahrt geschickt hat.

Wem können Sie es verübeln, dass er seiner modernen Küche und dem schicken Geländewagen nachtrauert, wenn Top-Manager sogar in Krisenzeiten noch dicke Boni einstreichen?

Ich verüble niemandem etwas. Aber mein Anliegen ist es, zu betonen, dass es andere Dinge außer dem selbstreinigenden Ofen gibt, die uns glücklich machen. Da stehe ich eher auf Seiten der Sozialwissenschaftler und Psychologen, die sagen: Natürlich ist es nett, immer mehr Besitztümer anzuhäufen - aber dafür sind viele Leute bereit, andere Glücksfaktoren wie Gesundheit und Familienleben zu opfern.

Können Sie das belegen?

Ja, die Studie eines US-Sozialforschers hat das sehr anschaulich gemacht. Darin wurden Leute befragt, ob sie einen besser bezahlten Job annehmen würden, bei dem sie viel mehr unterwegs wären und der ihnen weniger Zeit für ihre Familie ließe. Sie konnten unter vier Antworten wählen: sehr wahrscheinlich, eher wahrscheinlich, weniger wahrscheinlich, ziemlich unwahrscheinlich. Ein Drittel wählte die erste Option, ein weiteres Drittel die zweite. Zwei Drittel aller Befragten sagten also, dass sie den Job auf Kosten der Familie annehmen würden. Das letzte Drittel antwortete "eher unwahrscheinlich". Und kein einziger wählte die letzte Option.

Finden Ihre Studien in Zeiten der globalen Krise mehr Aufmerksamkeit bei Politikern oder Wirtschaftsleuten?

Ich würde die Steigerung zwischen 3 und 3,6 Prozent einordnen, aber das sind die gefühlten Werte ... (lacht). Nein, in den Staaten passiert da nicht viel, das Interesse aus Europa ist da deutlich größer. Das liegt sicher daran, dass viele Europäer weniger von der Idee ausgehen, dass jeder schon irgendwie weiß, was am besten für ihn ist, sondern dass der Staat dabei eine Rolle spielen kann. Auch die OECD zeigt Interesse. Aber die Vereinigten Staaten haben nicht mal angefangen, sich für unsere Ergebnisse zu interessieren.

Sind Sie bei Ihren Studien auch auf Glücksvorstellungen gestoßen, die sich von unseren westlich geprägten Ideen komplett unterscheiden?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben Daten aus so unterschiedlichen Regionen wie Nigeria, Osteuropa und den Vereinigten Staaten verwendet - allen geht es beim Glück um ähnliche Dinge. Wir haben aber sicher nicht die ultimativen Maßstäbe. Was wir beispielsweise außer Acht lassen, ist die politische Ebene: Inwiefern beeinflusst das jeweilige politische System das Glück des Einzelnen? Sind uns auch bestimmte Bürgerrechte in diesem Zusammenhang wichtig? Aber unser Ansatz, die Alltagserfahrung der Menschen abzufragen, ist auf jeden Fall besser, als allein das Pro-Kopf-Einkommen zum Maßstab zu machen. Auch der Ansatz der Vereinten Nationen ist willkürlich gewählt; die errechnen ihren Human Development Index aus einem Daten-Mix zu Schulbildung, Lebenserwartung und Grundeinkommen.

Im Himalaya-Königreich Bhutan hat der Regent die Mehrung des "Bruttosozialglücks" als Staatsziel ausgerufen. Auf der Liste erstrebenswerter Aktivitäten stehen weit oben auch "nicht-produktive Tätigkeiten" wie Schlaf, persönliche Hygiene, religiöse Aktivitäten und Beteiligung am Gemeinschaftsleben. Sollte man solche Dinge auch bei uns wichtiger nehmen?

Ich denke, solche Dinge sind wichtig. Aber die Maßstäbe, die hier benutzt werden, sind von oben übergestülpt. Statt die Leute zu fragen, wie es ihnen geht, wird hier von der Art, wie sie ihre Zeit verwenden, auf ihr vermutliches Befinden geschlossen. Es ist also nur eine andere Art der Berechnung nach Pro-Kopf-Einkommen. Der König sagt: Wenn sich dieses oder jenes verändert, dann müssten meine Leute besser dran sein. Man spielt ein bisschen die Rolle eines Gottes, der sagt: Ich weiß, was dich glücklich macht, und so sei es.

Macht es wirklich keinen Unterschied für mein Lebensglück, ob ich in einem armen oder reichen Land aufwachse?

Nun, wenn Sie sich einen Querschnitt zu einem bestimmten Zeitpunkt ansehen, dann stimmt es, dass Menschen in reichen Gesellschaften glücklicher sind. Meine Frage ist nun: Sind diese Gesellschaften glücklicher, weil sie ein höheres Einkommen haben? Oder gibt es andere Lebensbereiche, die uns zufrieden machen? Und da tendiere ich zu der Ansicht: Mit dem Wohlstand haben die reichen Gesellschaften auch Strategien entwickelt, manche Alltagsnöte zu lindern - zum Beispiel bei der Jobsuche, bei der Gesundheitsvorsorge.

Das trifft auf die USA nicht unbedingt zu.

Nein, da sehe ich bei den wohlhabenden Nationen ziemliche Unterschiede in der Art und Weise, wie sie sich den Bedürfnissen ihrer Bürger widmen. Die USA sind da sicher nicht an der Weltspitze.

Wer wäre ein gutes Vorbild?

Die Skandinavier sehe ich da weit vorne, aber auch andere europäische Länder, Deutschland inbegriffen. Diese Regierungen widmen sich der Frage nach dem allgemeinen Wohlstand auf differenziertere Weise, als es in den Vereinigten Staaten geschieht.

Dabei ist das "Streben nach Glück" sogar in der US-Verfassung verankert, als unveräußerliches Menschenrecht. Ist das immer noch eine gute Idee - staatlich garantiertes Glück?

Nein, ich glaube nicht daran, dass es in unserer Regierung kluge Köpfe gibt, die besser als alle anderen wissen, was den Einzelnen zufriedener macht. Aber ich habe dieses alte Glücksversprechen auch nie als staatliche Garantie empfunden. Ich denke, wir müssen eher an einer Balance arbeiten: Die Idee, dass jeder Einzelne über sein Glück entscheiden kann, muss respektiert werden, aber auch die Idee von einem Staat, der sich um die Rahmenbedingungen kümmert und Strategien zeigt, wie wir zu besseren Entscheidungen kommen. Was passiert, wenn jeder für sich nach Glück strebt, das zeigen unsere Langzeitstudien ja: Die Leute wollen einfach immer mehr Geld, schätzen den Effekt eines höheren Einkommens aber ständig falsch ein - und rennen immer wieder in die Falle. Glücklicher wird so niemand.

Wie kann man diesen Teufelskeis durchbrechen?

Die Frage müsste genauer lauten: Wie helfen wir den Leuten, bessere Entscheidungen zu treffen? Ich als Professor glaube natürlich daran, dass bessere Bildung und Aufklärung ein Schlüssel dazu sind. Leute verhalten sich heute beispielsweise gesundheitsbewusster durch die öffentliche Diskussion über die Schädlichkeit von Tabak. Man kann den Leuten ebenso beibringen, über ihre Vorstellungen von Wohlstand nachzudenken: Wenn du immer mehr Einkommen willst, werden sich auch deine Ansprüche immer höher schrauben - ein Rennen, das du nicht gewinnen kannst.

Also - wie soll die Hilfe zur Selbsthilfe aussehen?

Ich meine, die Leute haben es auch selbst in der Hand, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Staatliche Anregungen sind wichtig, das habe ich ja schon betont. Aber man kann sich auch selbst helfen. Wie viele psychologische Ratgeber zum Thema Glück gibt es auf dem Buchmarkt?

Ein paar hundert dürften es sein.

Und die meisten sind ziemlich wertlos, finde ich. Aber schon mit ein paar Anregungen kann man sich trotzdem die grundlegenden Fragen stellen: Wie viel Platz räume ich meiner Familie ein, wie viel ist mir meine Gesundheit wert? Wäre es nicht wunderbar, wenn bei der Sozialstudie, die ich vorhin erwähnt habe, mehr Leute antworten würden: "ziemlich unwahrscheinlich", dass sie ihre Familie nicht dem gut bezahlten Job opfern würden? Aber das haben sie selbst in der Hand. Das kann ihnen nicht der Staat verordnen.

Sind Sie heute ein glücklicherer Mann, nachdem Sie 40 Jahre lang über das Glücksgefühl anderer geforscht haben?

Nun ja, ich habe ja schon vom Start weg ziemlich viel Glück gehabt. Ich bin Akademiker, und obwohl ich immer Angestellter war, habe ich immer eine gewisse Kontrolle über die Art und die Qualität meiner Arbeit gehabt. Das halte ich für wichtig, wenn es um die eigene Zufriedenheit geht. Heute bin ich College-Professor - und die sind auf der Zufriedenheitsliste ganz schön weit oben.

Lässt sich Glück überhaupt konservieren? Im Deutschen gibt es den Unterschied zwischen dem generellen Gefühl, ein glückliches Leben zu führen, und dem kurzen, glücklichen Moment - eine flüchtige Sensation, die sich nicht festhalten lässt.

Ich betrachte Glück als Allgemeinzustand, nicht als kurzzeitige Stimmung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich befand mich einmal mit meiner Frau auf einem Urlaubsflug nach Hawaii. Die Stewardess kam bei mir vorbei und fragte mich, ob ich etwas zu trinken wollte. Ich entschied mich für Kaffee. Der stellte sich als grässlich heraus - ich konnte das Zeug nicht trinken. Ich hatte einfach die falsche Entscheidung getroffen. In dem Moment dachte ich: Was für ein Mist! Aber hätte mich an diesem Tag jemand gefragt, wie glücklich ich wäre, hätte ich gesagt: Hey, ich fliege hier mit meiner Frau in einen wunderschönen Urlaub - das ist das wahre Leben!

Interview: Thomas Wolff

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