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Gipsy Kings Das Comeback der Könige

Sie feierten weltweit Erfolge. Anfang der Neunziger wurde es still um die „Gipsy Kings“. Jetzt geht Bandleader Chico Bouchikhi mit früheren Kollegen wieder auf Tour.

Gipsy Kings
1982 - die „Gipsy Kings“ am Strand mit Brigitte Bardot. „Das ist fast eine Art Seelenverwandtschaft.“ Foto: collective privée

Der Kitschfaktor ist hoch. Tannenzweige zieren Wände und Stützpfeiler, leuchtend bunte Sterne hängen von der Decke, es glitzert und blinkt über und neben den vollbesetzten Tischen. Einzig das Abbild der Freiheitsstatue über dem Eingang der Konzerthalle will sich nicht so richtig einfügen in das weihnachtliche Ambiente an diesem warmen August-abend im südfranzösischen Arles. „Ein Tag Weihnachten im Jahr ist ein bisschen armselig“, erklärt Gastgeber Chico Bouchikhi die fragwürdige Dekoration. „Wo ich bin, möchte ich mir das Leben so einrichten, dass man eigentlich jeden Tag Weihnachten feiern könnte.“

Nach einigen Minuten wird das Gemurmel der Besucher abrupt von dem ohrenbetäubenden Sound aus den Boxen verschluckt. Van Halens „Jump“. Umrahmt von funkelnden Wunderkerzen werden zwei riesige Paella-Pfannen mit mehreren Metern Durchmesser in den Saal gerollt. Die Kellner servieren den ersten Gang.

Doch eigentlich ist das Essen nur Nebensache. Die etwa 500 Besucher sind erschienen, um ein Konzert zu sehen. Es ist quasi eine Art Wiedervereinigung der „Gipsy Kings“, nur dass sie das Kind nicht so nennen dürfen, weil es die „Gipsy Kings“ ja immer noch gibt. Dazu gleich mehr. An diesem Abend stehen „The Original Gypsies“ auf der Bühne, ein gutes Dutzend Musiker um die einstigen Bandgründer Chico Bouchikhi und die Brüder Patchaï, Canut und Paul Reyes. Ihr erstes gemeinsames Projekt seit dem Beginn der Spaltung der „Gipsy Kings“ im Jahr 1991. 

Damals erlebte die Band ihren vielleicht größten Höhenflug. Begonnen hatte die ganze Geschichte allerdings viel früher, Mitte der Siebziger. Der Flamenco-Sänger José Reyes, der einst an der Seite des Gitarristen Manitas de Plata tourte, gründete die Gruppe „José Reyes et Los Reyes“, die neben ihm aus seinen Söhnen Paul, Canut, Patchaï, André und Nicolas sowie dem in die „Gipsy-Familie“ eingeheirateten Schwiegersohn Chico bestand. Chico selbst war wie die Reyes-Familie in Arles groß geworden, als Sohn einer algerischen Mutter und eines marokkanischen Vaters ebenfalls mit Migrationshintergrund.

Bevor aus der Formation die „Gipsy Kings“ wurden kam noch Tonnino Baliardo hinzu, ein Neffe von Manitas de Plata, der bis heute mit Nicolas Reyes und weiteren, später zur Band gestoßenen Musikern, unter dem Namen „Gipsy Kings“ auftritt. Die jetzigen Rückkehrer Patchaï, Canut und Paul Reyes hatten die Formation nach und nach verlassen. Die „Original Gypsies“ möchten sich eigentlich gerne ebenfalls wieder den Namen „Gipsy Kings“ aneignen, scheiterten aber jüngst in einem Prozess gegen die Plattenfirma, der er gehört. Die Revision läuft. 

Bandleader Chico selbst hat seit 1991 sein eigenes Ding gemacht. Mit „Chico & the Gypsies“ feiert der 64-Jährige bis heute Erfolge, das neue Album „Mi Corazón“ ist derzeit in den Top-Ten der französischen Albumcharts. Stets an Chicos Seite, seit 38 Jahren, ist sein Manager und Freund Ruedi Ledermann. Der ebenfalls 64 Jahre alte Schweizer erinnert sich an die Zeit, als sich die Wege von Chico und den „Gipsy Kings“ getrennt hatten. Zum Ende eines fünfjährigen Vertrages hatte Chico damals das Gespräch mit den Produzenten gesucht, er wollte Abrechnungen sehen. „Die hatten unglaublich viel Geld verdient. Chico hatte einfach die Nase voll nach fünf Jahren, er wollte nicht nur eine Marionette sein. Wir haben vor unglaublichen Stadien gespielt und nie eine Abrechnung bekommen, sondern es wurde immer alles bezahlt.“ Die Musiker seien nach Hause gekommen mit der Gage, die Uhren wurden Rolex-Uhren, die Autos große Mercedes, die Beute war verteilt „und nach drei Wochen waren sie wieder mehr oder weniger Pleite“, erinnert sich Ledermann. 

Wie von einem mahnenden Beispiel spricht Ledermann vom traurigen Ende des Weltstars Manitas de Plata: „Er hat überall gespielt und vielleicht 100 Millionen Alben verkauft. Aber er ist mausearm gestorben. Es gab Benefizkonzerte für sein Begräbnis und die Plattenfirmen haben sich bereichert.“ Chico wollte für seine Band ein nachhaltigeres Konzept. „Am Anfang gingen sie für 1000 Dollar ins Studio und die Verkaufsrechte waren abgetreten“, sagt Ledermann. „Chico wollte das nicht mehr. Man kann nicht 30 Millionen Platten verkaufen ohne je einen Cent Tantieme zu erhalten.“ Die Produzenten hätten dann „eine ganz fiese Tour gefahren“, so der Manager, und sinngemäß die Band gegen ihn aufgebracht und den Musikern signalisiert, dass sie kein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit hätten. „Dann brach die Panik aus. Die anderen sagten zu Chico ‚lass uns in Ruhe, mach uns die Beute nicht kaputt. Die Plattenfirma ist unsere Milchkuh‘ – ohne zu realisieren, dass sie eigentlich die Kühe waren, die gemolken wurden.“ Es kam zur Trennung. Dass aber nun, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, Chico und drei der Reyes-Brüder wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen, sei etwas ganz Besonderes, sagt Chico. „Es zeigt auch, dass eigentlich niemals etwas wirklich verloren geht.“

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