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Gewalt in der DDR Die Kinder von Torgau

In dem sächsischen Jugendwerkhof wurden zu DDR-Zeiten Tausende Jugendliche gequält. Der Mann, unter dessen Ägide diese Anstalt errichtet wurde, heißt Eberhard Mannschatz. In einem Lehrbuch einer Hamburger Hochschule verharmlost er noch heute die Verbrechen von damals.

05.07.2012 20:29
Von Renate Oschlies
Der Rektor der Hamburger Evangelischen Hochschule, Andreas Theurich, informiert sich mit Kollegen im Museum der Gedenkstätte Torgau über Heim-Erziehungsmethoden in der DDR. Foto: Paulus Ponizak

In dem sächsischen Jugendwerkhof wurden zu DDR-Zeiten Tausende Jugendliche gequält. Der Mann, unter dessen Ägide diese Anstalt errichtet wurde, heißt Eberhard Mannschatz. In einem Lehrbuch einer Hamburger Hochschule verharmlost er noch heute die Verbrechen von damals.

Die Stahltore schlossen sich krachend hinter dem Barkas-Bus, der Heidemarie Burkart an einem Märztag im Jahre 1974 nach Torgau brachte. Sie sieht die sechs Meter hohen Mauern, die Wachtürme, den Stacheldraht und die Hunde. Als sie das Gebäude mit den kleinen, vergitterten Fenstern betritt, fühlt sie sich wie gelähmt.

Sie sucht eine Toilette, findet keine, klopft an einer Tür. Keine Antwort. Als sie die Tür behutsam einen Spalt öffnet, wird sie ihr an den Kopf geschlagen. Ein Erzieher stürzt auf den Flur und schreit: „An die Wand, umdrehen, Jugendliche Burkart.“ Sie müsse dringend zur Toilette, wendet das 15-jährige Mädchen ein.

Da fühlt sie im Rücken einen Schlag, sie fällt zu Boden, der Erzieher prügelt mit einem Stock auf sie ein, je lauter sie „Aufhören!“ ruft, desto stärker schlägt er zu. Heidemarie krümmt sich am Boden, sucht Kopf und Bauch zu schützen. Sie bleibt liegen, ihre Hose ist nass.

Sie wird in die Zuführungszelle für Neuankömmlinge gebracht. Ein abgedunkelter, winziger Raum, in dem ein Hocker und ein nach Chlor stinkender Kübel für die Notdurft stehen. „Ich fühlte mich elend und dreckig“, erinnert sie sich, „hier war ich ein Nichts, das war mir nun klar.“

Gewalt als Konzept

Es folgten die Aufnahmemaßnahmen: Duschen und Desinfizieren. Ihr Haar wird zur Glatze geschoren, sie erhält Anstaltskleidung, lernt, dass Häftlinge sich hier ausschließlich im Laufschritt zu bewegen haben. Sie erhält die Hausordnung mit der Anweisung, sie auswendig zu lernen. Erschöpft schläft sie auf dem Zellenfußboden ein. Das ist verboten. Erst am Abend wird eine Holzpritsche in die Zelle geschoben, das Liegen ist nur zur Nachtruhe erlaubt.

Gewalt und die Verweigerung jeder menschenwürdigen Behandlung gehörten in Torgau zum Konzept: Mit einer sogenannten „Explosions- oder Schocktherapie“ sollten die Jugendlichen von Anfang an gebrochen werden. Die Methode funktionierte fast immer. Drei Tage bleiben die Neuankömmlinge in diesem Einzelarrest.

Der langjährige Direktor Horst Kretschmar schreibt in seiner Diplomarbeit, durch eine völlig andere Lebensform solle eine „explosive Veränderung“ des Verhaltens der Jugendlichen im Umerziehungsprozess ausgelöst werden. „In der Regel benötigen wir drei Tage, um die Jugendlichen auf unsere Forderungen einzustimmen.“

Eiserne Disziplin, militärisch-sportlicher Drill, ein ausgeklügeltes System aus Kontrollen, Denunziationen und strengsten Bestrafungen bei jeder noch so kleinen vermeintlichen Verfehlung tun ihre Wirkung: Kaum einer begehrt hier noch auf.

Stefan Lauter wird 1985 in Torgau eingeliefert. Man lässt ihn im Flur stehen. Als er nach Stunden einen Erzieher fragt, wie es denn nun mit ihm weitergehe, schlägt der ihm blitzartig die Faust, die ein kiloschweres Schlüsselbund umfasst, ins Gesicht: „Du hast hier nichts zu fragen, hier fragen wir.“

Offene Wunden

Nun sind sie wieder hier, lange erwachsen, die alten Wunden nicht verheilt: Stefan Lauter und Heidemarie Burkart, die inzwischen Puls heißt. Sie sind nach Torgau gekommen, um am Ort ihrer größten Qualen ein paar Sachen richtigzustellen.

Denn vor einigen Wochen wurde bekannt, dass der Erfinder des Jugendwerkhofs in Torgau, Eberhard Mannschatz, in einem Lehrbuch der renommierten Hamburger Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie ein ganzes Kapitel von 40 Seiten füllt – zum „Rückblick auf die Soziale Arbeit in der DDR“.

Mannschatz war im DDR-Volksbildungsministerium für die Heimerziehung verantwortlich. Bis 1977 war er ein enger Mitarbeiter von Ministerin Honecker, danach Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Und dieser Mann darf nun in dem Lehrbuch zum „Grundkurs Soziale Arbeit“ die rigide DDR-Heimerziehung verharmlosen. Sogenannte „Zwangsadoptionen“ seien nur von den Medien erfunden, eine „PR-Terminologie“; ebenso die „angeblich rigiden Erziehungsmethoden in den Heimen“. Im Grunde habe man in Ost und West auf gemeinsamen sozialpädagogisch-ethischen Grundlagen gearbeitet.

Mannschatz, einst Margot Honeckers rechte Hand, formuliert weiter: „Es ging darum, einen jungen Menschen, der der Hilfe bedarf, nie und in keiner Lage alleinzulassen“. Er spricht von der „allumfassenden Fürsorge“, „keiner sollte ins Abseits geraten“. In seinen Planungen im DDR-Ministerium las sich das damals ganz anders, die stehen aber nicht im Hamburger Lehrbuch: „Das Ziel der Umerziehung besteht darin, die Besonderheiten in der Persönlichkeitsentwicklung zu überwinden, die Eigenheiten im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu beseitigen und damit die Voraussetzung für eine normale Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen.“

Verlogen und brutal

Eine Studentin der Hamburger Hochschule hatte das Mannschatz-Kapitel Ende vergangenen Jahres entdeckt, als sie dort ein berufsbegleitendes Studium begann. Als Oppositionelle wurde Evelyn Zupke in der DDR an keiner Uni zugelassen. Heute arbeitet die 50-Jährige als Sozialarbeiterin in Hamburg.

Sie war schockiert, als sie sah, dass diese verlogene Darstellung eines Mannes, der dazu beitrug, so vielen Kindern unendliches Leid anzutun, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR in einem deutschen Hochschullehrbuch steht – unkommentiert, als geschichtliche Wahrheit, in vierter Auflage. Dabei ist die Rolle von Mannschatz bei der Ausrichtung des Heimsystems seit Anfang der Neunzigerjahre im Rahmen der DDR-Aufarbeitung bekannt, selbst der Bundestag befasste sich damit.

Evelyn Zupke wendet sich an den Kursleiter Timm Kunstreich und an Direktor Andreas Theurich. Die Hochschule dankt für die „kritischen Anmerkungen“ und bietet ein Seminar an, um die unterschiedlichen Positionen mal zu debattieren. In keinem Fall aber werde man das Fachbuch zurückziehen oder die Freiheit der Wissenschaft zensieren, teilt man ihr mit.

Die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Hochschule seit 1995 und die Publikation seines Aufsatzes in dem Hamburger Lehrbuch öffnen Eberhard Mannschatz das Tor zur westdeutschen Wissenschaftswelt. Er veröffentlicht seitdem auch Schriften in anderen Verlagen. Darauf weist Zupke hin.

Aber die Kirchenleitung und Politiker antworten ausweichend auf ihre Beschwerde. Öffentlich wird die Sache, als Lutz Rathenow, der Stasi-Beauftragte in Sachsen, die Hochschule in einem offenen Brief auffordert, einem Hauptverantwortlichen für das unmenschliche DDR-Heimerziehungssystem keine Plattform mehr zu bieten. Es sei nicht hinzunehmen, „dass jemand wie Mannschatz als Kronzeuge gelungener Sozialarbeit in der DDR herangezogen wird“, schreibt Rathenow. Er lädt die Hochschule nach Torgau ein.

In Hamburg zieht man keine Konsequenzen. Der Bundestag wird aufmerksam. CDU-Fraktionschef Volker Kauder beschwert sich, beim zuständigen Bischof, der schaltet sich ein. Nun will die Hochschule doch Rathenows Einladung folgen.

An einem sonnigen Spätjunitag treffen sie sich also in Torgau – die Hamburger, die früheren Häftlinge Stefan Lauter und Heidemarie Burkart, Lutz Rathenow und Evelyn Zupke. Neugierig und abwartend belauern sie sich. Die Hamburger Professoren wirken angespannt, sie fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Und die, die wissen, was hinter diesen Mauern geschah, können nicht verstehen, wie man sich hinter jemanden wie Mannschatz stellen kann.

Beschauliche Idylle

Die neue Fassade des alten Jugendgefängnisses strahlt heute in sattem Gelb. Der Bau von damals ist von außen kaum wiederzuerkennen. Wachtürme, Stacheldraht, Stahltore und Sturmbahn wurden am Ende der DDR rasch entfernt. Den Rest besorgte ein privater Investor, der eine ländliche Wohnanlage daraus machte.

Holzbalkone im Biedermeierstil und Geranientöpfe gibt es jetzt. Die Leute, die heute hier wohnen, genießen die beschauliche Idylle. Die Treuhand verkaufte das Gelände 1996, die Pläne eines Vereins, eine Gedenkstätte einzurichten, scheiterten. Nur im Verwaltungsgebäude wurden der Erinnerungsstätte Räume zur Verfügung gestellt.

Wer diese Räume betritt, spürt sofort die Kälte, die einst hier geherrscht haben muss. Der Eintritt in diese Vergangenheit verfehlt seine Wirkung auch bei den Besuchern aus Hamburg nicht. Mit sichtbar wachsender Beklemmung gehen der Hochschuldirektor Andreas Theurich und seine Kollegen durch die schmalen, grau gestrichenen Räume.

Ein Raum ist bis zur Decke mit privaten Porträts früherer Insassen tapeziert: Ein Junge, den Kopf schräg über ein Heft gebeugt, bei den Hausaufgaben; einer, der so kindlich-schmächtig wirkt in seinem Jugendweiheanzug; Mädchen mit langen Locken. Zu hören als Tondokument sind ihre erschütternden Berichte darüber, was Torgau mit ihnen machte.

Vergewaltigung und Suizid

So geht die Gruppe von Raum zu Raum. Anstaltsfotos, hier ein Kassiber, da ein beschlagnahmtes Schmuckkettchen, eine Auswahl von Akten, die über jeden der mehr als 4?000 Jugendlichen, die hier bis 1989 eingewiesen wurden, angelegt wurden. Juliane Thieme, Mitarbeiterin der Gedenkstätte, berichtet über die alltäglichen Quälereien, die „Kollektiverziehung“ – die Strafe für eine Verfehlung des einzelnen wurde stets über die ganze Gruppe verhängt, wofür die Gruppe sich später mit neuen Quälereien rächte. Sie spricht von der Hackordnung, von Vergewaltigungen, von Suiziden. Von Strafen wie im Entengang in der Hocke treppauf, treppab gehen zu müssen, von kollektiven Toilettengängen nur zu bestimmten Zeiten.

Als einzige Originalräume sind im Keller eines anderen Traktes drei Arrestzellen erhalten. Die Zellen, wenige Quadratmeter groß, verdunkelt, eine Holzpritsche. An ihrer Unterseite Hilferufe und Graffiti. „Ich bin als Mensch geboren, ich will als Mensch hier raus“, hat ein Jugendlicher in seiner Verzweiflung geschrieben.

„Das ist ja unglaublich, so etwas habe ich noch nicht gesehen“, sagt Matthias Nauerth, Prorektor der Hochschule. Der Dozent Michael Lindenberg lehnt minutenlang betroffen an einer Wand. Daneben der „Fuchsbau“, ein etwa ein Meter hoher Kellerverschlag, ohne Luftzufuhr und Licht. Auch hier wurden Jugendliche zur Strafe eingesperrt.

Martyrium zwischen Psychiatrie und Heimen

Noch unter dem Eindruck dieser Führung sitzen später alle am Tisch zum Gespräch. Erst hier spricht Ralf Weber, der seine gesamte Kindheit, 14 Jahre, in Heimen und Jugendwerkhöfen verbrachte, zuletzt in Torgau. Er geriet als Sechsjähriger ins Räderwerk der DDR-Heimerziehung. Er galt als zappelig, unaufmerksam – hyperaktiv, würde man heute sagen. Ein Martyrium zwischen Psychiatrie und Heimen begann, mal wurde er als hochbegabt eingestuft, mal als verhaltensgestört. Ralf Weber bedankt sich als erstes bei den Hochschulvertretern dafür, „dass jetzt ein Dialog möglich ist.“

Die bekunden der Reihe nach ihre Betroffenheit und versichern unisono: Man betreibe an der Hochschule in Hamburg keine repressive Pädagogik. Man glaubt ihnen, dass sie so etwas wie hier wirklich noch nie gesehen haben. Prorektor Nauerth spricht von einem blinden Fleck in der Sozialpädagogik der Siebzigerjahre, die die Situation in der DDR nie im Blick hatte. Hochschullehrer Lindenberg bedankt sich sogar bei Evelyn Zupke, die Sache um Mannschatz öffentlich gemacht zu haben.

Selbst Timm Kunstreich, der Mannschatz kommentarlos ins Lehrbuch brachte, sagt zu Weber: „Was Ihnen passiert ist, das sind Menschenrechtsverletzungen. Wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nicht wieder geschehen kann.“ Und dann hält er eine Eloge auf Mannschatz, der ja Schlimmeres immer nur verhindert habe.

„Ich bin 68er, und ich bin stolz darauf“, sagt er. Wie mancher Weggefährte von damals scheint er die Weltsicht jener Jahre als erstarrte Ideologie mit sich zu tragen. Der Mann mit den in der Mitte gescheitelten, ergrauten längeren Haaren sieht in die Runde und spricht Evelyn Zupke an. Beleidigt nennt er ihr Handeln Denunziation.

Distanz zur Beschönigung

Rektor Theurich sucht zu entschärfen. Im November werde die Hochschule eine Fachtagung zur DDR-Heimerziehung veranstalten, auch eine Wanderausstellung der Torgauer Gedenkstätte sei willkommen. Selbstverständlich distanziere man sich von einer Beschönigung der DDR-Zustände, aber man könne nun mal kein Buch einfach vom Markt nehmen oder die Hochschullehre zensieren. Damit meint er eine Kommentierung des Mannschatz-Textes, die er auch nicht versprechen will.

Evelyn Zupke fragt: „Was machen Sie denn jetzt mit dem Mannschatz-Kapitel in Ihrem Buch?“ Kunstreich, der stolze 68er, zischt: „Das sag ich nicht.“

Heidemarie Puls, die bis heute an den Folgen ihrer viermonatigen Haft in Torgau leidet und ein Buch darüber schrieb, hat die Debatte wortlos verfolgt. „Ich hoffe, dass die wirklich wissen wollen, was hier passiert ist“, sagt sie. Da sind die Hamburger längst auf dem Heimweg.

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