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Gewalt gegen Seniorin "Die Kinder spüren sich nicht mehr"

Bundesweit herrscht Entsetzen über die Misshandlung einer 83-Jährigen in München. Experten beobachten eine Tendenz Jugendlicher zu mehr Gewaltbereitschaft. Sie sind sich sicher: Einsperren bringt nichts.

12.03.2010 00:03
Iris Hilberth
Die Tendenz zur Gewaltbereitschaft ist bei Jugendlichen verstärkt. Foto: dpa

München. In München herrscht Entsetzen über zwei 13-Jährige aus dem Stadtteil Milbertshofen. Die Kinder sollen eine 83-jährige Frau in deren Wohnung brutal gequält, misshandelt und erniedrigt haben. Nach Aussagen der Mutter eines der Buben, der sich einer der mutmaßlichen Täter anvertraute, sollen sie der wehrlosen Rentnerin unter anderem eine Schnapsflasche in den Hals gerammt haben. Außerdem flößten sie ihr gegen ihren Willen Alkohol ein, spritzten ihr Rasierschaum und Würze in die Augen und traten sie. Die Frau liegt verletzt im Krankenhaus.

Beide Kinder sollen vor der Tat "nicht unauffällig" gewesen, aber auch nicht durch Gewaltdelikte aufgefallen sein. Insbesondere das Alter der Täter wirft die Frage nach einer neuen Dimension in der Jugendgewalt auf.

Mehr Gewaltbereitschaft

Die Bayerische Kriminalitätsstatistik besagt zwar, dass die Straftaten Minderjähriger zurückgegangen sind, Fabienne Becker-Stoll, Psychologin und Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik, beobachtet aber eine Tendenz der Zehn- bis Elfjährigen zu mehr Gewaltbereitschaft und Körperverletzung. Sie weist dabei darauf hin, dass solche Kinder, wie in dem Fall von Milbertshofen, Belastungen und Risikofaktoren ausgesetzt seien. "Ein Kind aus einer wohlbehüteten Familie würde so etwas nicht machen." Ein Kind, das von Anfang an in guter Beziehung zu Eltern und Freunden aufwachse, lasse sich nicht verleiten, sagt die Psychologin.

Dass ältere Schüler jüngere Kinder verprügelten, habe es schon immer gegeben, nur führe heutzutage die Nutzung der Medien dazu, dass man dies auch noch filme und sich bei anderen mit den Taten brüste. Auch bei den Tätern aus Milbertshofen vermutet Becker-Stoll, dass die beiden Jungen sich als Helden eines Clips gefühlt hätten.

"Das Erschreckende dabei ist, dass sie sich ein extrem wehrloses Opfer ausgesucht haben und offenbar Spaß und Freude daran hatten, es zu misshandeln." Solche Kinder, so die Expertin, spürten sich selbst nicht mehr, hätten kein Empathieempfinden, da sie offenbar beziehungslos aufwuchsen. Kinder, deren Familien nicht in der Lage seien zu erziehen, müssten durch Ganztagskindergärten und -schulen die Möglichkeit bekommen, in ein Sozialgefüge eingebettet zu werden, "um sich als wichtiger und kompetenter Teil der Gemeinschaft zu erleben". Becker-Stoll ist sich sicher: "Einsperren bringt gar nichts." Vielmehr müssten diese Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich an klare Verhaltensregeln zu halten. Als konstruktive Maßnahme begleitend zu einer Therapie könne sie sich etwa den Dienst in einem Altersheim vorstellen.

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