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Gewalt gegen Kinder „Wer wegschaut, trägt Mitverantwortung“

Laut Kriminalstatistik wurden vergangenes Jahr Tausende Kinder Opfer von Gewalt. Auf einer Pressekonferenz suchen Kinderhilfe und BKA nach Lösungen. Darunter sind auch umstrittene Ideen.

Gewalt gegen Kinder
Das Schweigen bleibt das größte Problem: Die Dunkelziffern liegen weit höher. Foto: rtr

Wer zu Pressekonferenzen über Gewalt gegen Kinder geht, muss sich auf manches gefasst machen. Ein unfassbarer Trend ist zum Beispiel der Webcam-Child-Sex-Tourism.

Dabei werden Minderjährige, oft irgendwo in Asien, vor laufender Kamera missbraucht. Der Kunde fliegt nicht mehr selbst hin, sondern sitzt an einem ganz anderen Ort, etwa in Deutschland, und gibt sowohl dem Erwachsenen als auch dem Kind per Video-Schalte sexuelle Anweisungen. Gegen eine finanzielle Gegenleistung, versteht sich. Die Kinder stammen meist aus armen Familien. Die Eltern brauchen das Geld. In Einzelfällen sind ihnen ihre Kinder vielleicht auch egal.

Dass Eltern ihre Kinder für derlei Grausamkeiten mit enormen seelischen Langzeitfolgen hergeben, geschieht freilich ebenso in Deutschland – etwa in Freiburg im Breisgau. Hier soll eine Mutter, wie zu Jahresbeginn bekanntwurde, ihren inzwischen neun Jahre alten Sohn gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten sexuell missbraucht haben. Darüber hinaus soll das Kind über das Netz zur Vergewaltigung angeboten und vermittelt worden sein. Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sagte am Dienstag vor dem Hintergrund dieser und anderer Fälle, man stoße da „an Grenzen“.

Münch war gemeinsam mit Kinderhilfe-Chef Rainer Becker, dem unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, sowie dem Leiter des Kompetenzzentrums Kinderschutz in der Medizin, Professor Jörg M. Fegert, in der Bundespressekonferenz erschienen, um über Gewalt gegen Kinder Bericht zu erstatten. Grundlage war die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik. Dabei ging es um Fakten ebenso wie um etwaige Gegenmittel.

Die Polizei, so viel ist sicher, registrierte im vergangenen Jahr 4247 Kinder, die schwer misshandelt wurden. Das sind ungefähr so viele wie im Jahr zuvor. 1830 davon waren jünger als sechs Jahre alt. 143 Kinder wurden getötet. 13 539 Kinder wurden als Opfer von Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt erfasst – das sind 250 Kinder jede Woche. Die Polizei zählte außerdem 16 317 Fälle des Besitzes und der Verbreitung von kinderpornografischem Material. Das allerdings sind lediglich die bekannten Fälle – also das, was Kriminalisten das „Hellfeld“ nennen.

Taten geschehen häufig in Familien

Denn sehr häufig geschehen die Taten in Familien. Die Täter werden daher oft nicht angezeigt. So sagte Fachexperte Fegert, laut einschlägiger „Dunkelfeld“-Studien würden 13 Prozent aller Kinder Opfer sexueller Gewalt, und selbst konservativ geschätzt sei es immer noch die Hälfte. „Das sind gigantische Zahlen.“ Bleibt die Frage, was man dagegen tun kann. Am Dienstag waren drei wesentliche Rezepte im Gespräch.

BKA-Chef Münch plädierte für die umstrittene Vorratsdatenspeicherung. Dass es sie nicht gebe, sei für ihn „schwer erträglich“. Bei 35 000 Hinweisen auf Kinderpornografie und deren Verbreitung hätten 8400 Ermittlungsverfahren eingestellt werden müssen, da sich die IP-Adressen – sprich: die Besitzer der entsprechenden Computer – nicht mehr hätten feststellen lassen. Auch Rörig betonte: „Datenschutz darf nicht über Kinderschutz stehen.“

Der Beauftragte für Kindesmissbrauch mahnte überdies schwerere Strafen an. So müsse die Höchststrafe für den Besitz von Kinderpornografie von drei auf fünf Jahre heraufgesetzt werden. Münch hält das für nicht ganz so wichtig. Kinderhilfe-Chef Becker beklagte schließlich, dass die für den Kampf gegen Kindesmissbrauch zuständigen staatlichen Institutionen wie beispielsweise die Justiz kleingespart würden und betriebswirtschaftliches Denken überwiege. Das sei „ethisch zweifelhaft“ und werde der Sache nicht gerecht.

Die vier Männer, die übrigens anders als sonst in der Bundespressekonferenz üblich fast ausschließlich weiblichen Journalisten gegenübersaßen, zeigten sich jedenfalls entschlossen, nicht aufzugeben. „Niemand kann diesen Kampf allein gewinnen“, sagte Rörig. „Wir brauchen eine konzertierte Aktion für Kinderschutz.“ Münch mahnte unmissverständlich: „Wer wegschaut, trägt Mitverantwortung.“

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