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Geschichtsschreibung "Weltgeschichte kann man nicht erzählen"

Jörg Fisch, der eine Reihe globaler Phänomene zwischen Friedensschluss und Witwenverbrennung erforscht hat, betrachtet das Schreiben von Globalgeschichte mit Skepsis.

29.09.2012 23:21
Robert Peel (1788-1850), Ahnherr aller britischen Bobbys Foto: Getty

Professor Jörg Fisch wurde gerade emeritiert. Wir treffen uns in seinem ehemaligen, bis auf die Bücherkisten leer geräumten Büro in der Züricher Universität. Hier war er seit 1987 Ordinarius für allgemeine neuere Geschichte. Er hat u. a. eine Geschichte Südafrikas und eine Weltgeschichte der Witwenverbrennung geschrieben. 2010 erschien „Das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Domestizierung einer Illusion“. Jörg Fisch ist Mitherausgeber der auf 21 Bände angelegten neuen Fischer-Weltgeschichte. Drei von ihnen erschienen am 26. September. Dies ist das zweite einer Folge von Gesprächen zur Global- und Weltgeschichte.

Gibt es eine Weltgeschichte der Witwenverbrennung?

Es gibt ein weltweites Phänomen, dass dem Toten die Frau, die Frauen, die Diener ins Jenseits folgen. Dem bin ich nachgegangen. Es gibt kaum eine Kultur, die diesen Gedanken nicht in der einen oder anderen Weise verfolgt hat. Ich bin ihm im alten Ägypten, in Japan und China, in Ozeanien und Zentralasien nachgegangen. Der Kampf gegen die Witwenverbrennung und ihr Ende, die ja keineswegs ihr Ende ist – all das behandle ich in dem Buch „Tödliche Rituale – Die indische Witwenverbrennung und andere Formen der Totenfolge“. Aber das alles ist natürlich keine Weltgeschichte, sondern die Geschichte eines globalen Phänomens. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Wir sollten uns davor hüten, sie zu verwechseln.

Die Fischer-Weltgeschichte ist keine Globalgeschichte?

Wir sind ganz bewusst bei dem Titel Weltgeschichte geblieben. Wir bieten keine Stammesgeschichte des Homo sapiens. Wir beginnen – wenn Sie wollen ganz traditionell – mit Ägypten und Vorderasien, dann geht es weiter mit der Mittelmeerwelt der Antike. Das ist der übliche Weg. Von dem sind wir nicht abgewichen. Daneben gibt es die Geschichten anderer Räume, die wir in anderen Bänden behandeln werden. Die Weltgeschichte besteht aus vielen Strängen, die auch nicht immer miteinander verbunden waren. Man kann sie nicht als eine Geschichte erzählen. Sie setzt sich aus vielen Einzelgeschichten zusammen. Man muss immer wieder neu einsetzen. Die Grundeinheiten sind aber nicht – wie das 19. Jahrhundert uns glauben machen wollte – Staaten oder Nationen, sondern Regionen, ganze Weltteile.

In die gliedert sich die Fischer-Weltgeschichte?

Es gibt Spezialisten für chinesische, für präkolumbianische Geschichte und so weiter. Die schreiben die einzelnen Bände oder aber einzelne Abschnitte der Fischer-Weltgeschichte. Die Chronologie allein ergibt keinen Sinn. Das 15.?Jahrhundert ist keine globale Einheit. Auch das 17. oder das 11. Jahrhundert nicht. Der Raum bildet die Einheit. Nicht die Zeit.

So schreibt dann jeder Fachautor seine Geschichte?

Nein. Wir legen Wert darauf, dass in jedem Band Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Religion, Kultur vorkommen. Darauf sollen die Autoren Rücksicht nehmen. Sie können nicht einfach ihren Hobbys nachgehen. Aber natürlich hat es keinen Sinn, starr vorzugehen. Es soll nicht ein Schema durchgedrückt werden. Wenn mal ein paar Jahre nichts passierte in der religiösen Entwicklung einer Weltgegend, dann zwingen wir natürlich nichts rein.

Es gibt also gar keine Weltgeschichte?

Es gibt die Geschichte einzelner Räume und die der Beziehungen zwischen diesen Räumen. Die sind mal intensiver und mal weniger intensiv. Es kommt noch etwas hinzu: die Leser. Die haben bestimmte Interessen. Sie wissen etwas und wollen etwas mehr darüber wissen. Wir wollen sie dort abholen, wo sie sind. Die Leser sind nicht bei der Globalgeschichte.

Aber heute sehen wir den Planeten von außen, als ein Ganzes. Hat das nicht unseren Blick auf die Menschheit und ihre Geschichte verändert?

Dieser Blick von außen ist doch nur eine Metapher. Wer hat ihn schon wirklich? Der Einzige, der wirklich eine Geschichte vom Urknall bis heute schreiben könnte, ist Gott. Er ist der einzige Universalhistoriker. Er steht uns aber als Autor der Fischer-Weltgeschichte bedauerlicherweise nicht zur Verfügung. Die Idee der Totalität ist eine religiöse Idee. Für die wissenschaftliche Forschung taugt sie nicht. Darum ist sie nicht überflüssig oder gar schädlich. Im Gegenteil: Sie ist ein wichtiges Korrektiv gegen gar zu enge nationalistische Blicke auf die Geschichte. Man wird animiert, über den Tellerrand hinaus zu schauen, Verbindungen nachzugehen.

Die Fischer-Weltgeschichte wird im Wesentlichen von deutschen Autoren geschrieben?

Es gibt Ausnahmen. Der nächste Woche erscheinende Band 11 über Südasien zum Beispiel stammt von David Arnold, einem der Begründer der Subaltern Studies Group. Er war zuletzt Professor für asiatische und Weltgeschichte an der Warwick University in Coventry. Die alte Fischer-Weltgeschichte war ein internationales Projekt. Damals wurden viele Bände übersetzt. Das hatte auch den wenig schmeichelhaften Grund, dass es für viele Forschungsfelder damals im deutschsprachigen Raum einfach keine kompetenten Historiker gab. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig geändert.

Der Band erschien am 26. September?

Mit zwei anderen. Außer ihm noch: „Europa in der frühen Neuzeit“ von Robert von Friedeburg; „Zentralasien“ von Jürgen Paul. Sie sehen die meisten Bände stammen von einem Autor. Es sind also keine Aufsatzsammlungen, sondern große Erzählungen, zusammenhängende Geschichtsschreibung großer geschichtlicher Räume.

Nirgends eine Weltgeschichte in Sicht!

Das ist ganz falsch. Man könnte vielmehr sagen: Jeder einzelne Band ist geradezu antiglobal. Aber das Ganze ergibt eine Globalgeschichte. Wir setzen auf die Leser. Die werden ihre eigenen Vergleiche ziehen. In ihren Köpfen entstehen bei der Lektüre Globalgeschichten.

Aber es gibt doch auch systematische Fragen. Wie erhält sich eine Macht? Was bewirkt Veränderungen? Solche Fragen kommen gar nicht vor?

Es liegt bei den einzelnen Autoren, wie stark sie allgemeine Fragen mit hineinnehmen in die jeweilige Geschichte. Man kann das gerade nicht systematisieren. Das Systematische ist nicht Sache des Historikers. Hinzu kommt: Wer sein Buch schreibt, weiß ja nicht, was die anderen schreiben. Das macht die Vergleiche sehr schwierig. Aber wir werden im letzten Band solche systematischen Fragen zur Weltgeschichte behandeln.

Gibt es ein Ergebnis des Studiums der Weltgeschichte?

Ohje, was fragen Sie da?! Doch, es gibt ein sehr wichtiges Ergebnis. Das hat aber mit Weltgeschichte nichts zu tun. Sie erfahren es, wo immer Sie anfangen, in die Vergangenheit zu gehen. Nichts war immer so. Die Rede, etwas müsse weiter so sein, weil es schon immer so gewesen sei, ist nie mehr als eine Behauptung. Eine sehr interessierte Behauptung. Sie will etwas durchsetzen. Sie ist nie das Ergebnis vorurteilsfreier historischer Forschung.

Noch etwas?

Es gibt keine homogenen Regionen. Es gibt nicht einmal homogene Völker. Wir sind alle Mischprodukte. Die Vorstellung, es gebe so etwas wie sortenreine Bevölkerungen, ist ein Irrtum. Das zeigt die Geschichte. Nun gar hier in Mitteleuropa! Da ziehen seit Jahrtausenden alle möglichen Bevölkerungen durch die Lande.

Aber wenn es gelänge, alle Fremden draußen zu halten?

Wenn die Menschen dieselbe Sprache sprechen, streiten sie sich über die Religion. Haben sie dieselbe Religion, streiten sie wegen der Hautfarbe. So homogen sie auch sein mögen, die kleinsten Unterschiede können zu den mörderischsten Konflikten führen. Selbst, wenn man die Fremden heraushalten könnte, so könnte man doch nicht verhindern, dass aus Nachbarn Fremde – gemacht – würden.

Das Interview führte Arno Widmann

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