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„Germany’s Next Topmodel“ Ein Traum vom gesunden Schönheitsideal

Alles nur Geschmackssache? Von wegen! In der Mode geht es um gemeinsame Ideale. Warum große Größen jenseits der 38 plötzlich als schön gelten.

Christian Siriano - New York Fashion Week
Model Ashley Graham (Mitte) bei der Christian Siriano Fashion Show in New York. Foto: afp

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Das gilt überall. Nur auf dem Laufsteg nicht. Denn die größte Lüge, die über die Mode grassiert, ist diese: In der Mode geht es um Individualität, um Einzigartigkeit. Das Gegenteil ist der Fall: Immer schon ging es in der Mode, anders als beim persönlichen Stilempfinden, um Gemeinsamkeit, um ein gemeinsames Verständnis von Attraktivität und Anmut, das sich in Trends und Kollektionen summiert. Und im Aussehen derer, die die Entwürfe über den Laufsteg tragen oder auf großformatigen Werbebildern präsentieren.

Die Mode ist und war immer bemüht, eine größtmögliche Öffentlichkeit auf einen gemeinsamen ästhetischen Nenner zu bringen. Das aber ist in globalisierten und digitalisierten Zeiten kaum mehr möglich. „Das gesellschaftliche Schönheitsideal ist heute diverser und geht hin zu mehr Fragmentierung“, sagt Diana Weis. Auch durch das Internet werden immer neue, kleinteiligere Zielgruppen sichtbar, die erreicht und umworben werden wollen. „Homogene Schönheitsideale gibt es innerhalb dieser Gruppen noch immer, aber übergeordnet entsteht ein diverseres Bild.“ Diana Weis ist promovierte Modetheoretikerin, lehrt Modesoziologie und Ästhetik in Berlin und Hamburg, setzt sich in ihrer Arbeit mit Körperbildern und -normen auseinander.

„Die Leute haben gerade ein bisschen genug davon, immer diese gleichförmigen Models vorgesetzt zu bekommen“, glaubt sie. Deswegen müsse jedes Label seinen Laufsteg auch mit Frauen abseits der Modelnorm füllen. Frauen mit Fältchen und grauen Haaren, mit schiefen Nasen und großen Ohren, mit Tätowierungen, Pigmentstörungen, breiten Hüften – es gibt viele Beispiele, die die vermeintlich neue Lust auf das ganz besondere, das spezielle Gesicht illustrieren.

„Vermeintlich“, weil diese Entwicklung eben neu gar nicht ist. Laut Weis kann man sogar von einem Rückwärtstrend sprechen: In den 90ern waren mit Claudia Schiffer, Cindy Crawford, Naomi Campbell oder Christy Turlington die Supermodels populär. „Die waren nicht so divers, aber doch klar erkennbar: Es ging ganz extrem darum, wer genau für welchen Designer wirbt“, sagt Weis. Schnell nahm der Hype absurde Züge an, „für weniger als 10 000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf“, kokettierte Linda Evangelista damals. „Irgendwann hatten die Leute kein Interesse mehr daran“, sagt Weis. „Also haben sich die gesichtslosen Models durchgesetzt.“

„Germany’s Next Topmodel“ hat Finalistin mit Größe 36

Wie nachhaltig sich jetzt der Trend hin zum Charaktergesicht gestaltet und wie explizit er auch auf gesellschaftliche Körpernormen und Ideale rückwirken wird, lässt sich nur schwer prognostizieren. Zumindest in Bezug auf Models mit größeren Größen aber sagt Louisa von Minckwitz: „Ich erlebe eine ganz massive Veränderung in meiner Branche.“ Mit Louisa Models leitet sie seit 37 Jahren eine der führenden Modelagenturen Deutschlands, hat Entwicklungen in der Branche also nicht nur beobachtet, sondern erlebt und mitgestaltet.

„Vor fünfzehn Jahren war es noch undenkbar, dass ein Model mit der Konfektionsgröße 42/44 gebucht wird“, sagt sie. „Wenn früher ausnahmsweise mal ein runderer Typ gefragt war, dann hat man eben ein Model mit der Größe 36 mit Schaumstoff ausstaffiert.“ Mittlerweile sei das nicht mehr nötig, jede Agentur hat Models mit größeren Größen parat, die unter den hübsch anglisierten Begriffen „Curvy“ oder „Plus Size“ gehandelt werden. „Wir haben bei entsprechenden Anfragen lange Zeit auf befreundete Agenturen verwiesen, aber haben mit der Zeit gemerkt, dass solche Kundenwünsche immer häufiger werden“, also baut die Agentin ihr Angebot an kurvigen Frauen kontinuierlich aus.

Aller Kritik zum Trotz seien es selbst Formate wie „Germany’s Next Topmodel“, in dessen Staffelfinale am heutigen Abend immerhin eine Teilnehmerin mit der Größe 36 steht und das lange Zeit doch eigentlich gängige Model-Konfektionen propagierte, weswegen mittlerweile auch Frauen abseits dieser Norm in die Branche drängen. Schließlich wisse die Gesellschaft durch Shows und Magazinbeiträge heute viel mehr über das Modeldasein. „Wenn ich früher gesagt habe, dass ich eine Modelagentur führe, konnten sich die Leute nichts darunter vorstellen“, sagt Louisa von Minckwitz. „Die haben sich nie Gedanken darübergemacht, wer da eigentlich gerade in der Magnum-Werbung das Eis in die Kamera hält und woher das Mädchen kommt.“ Mit dem größeren Wissen über die Branche wächst auch das Interesse daran. „So ist das auch ein Traumberuf geworden für viele ganz unterschiedliche Mädchen.“

Auch größere Größen als Ideal wahrnehmen

Der Traum dieser Mädchen ist das eine. Auf der anderen Seite aber muss auch eine Öffentlichkeit stehen, die Frauen in größeren Größen als ein neues Ideal akzeptiert. Dass sich eben diese, die breite Öffentlichkeit, für ein neues Frauenbild in der Mode offenbar empfänglich zeigt, kann auch am sozialen und politischen Klima unserer Zeit liegen. „Wenn man sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts anguckt, dann war es immer so, dass diese Ideale ein bisschen geschwankt haben“, erklärt Modetheoretikerin Weis. „Das lässt sich wissenschaftlich nur schwer belegen, aber es gibt die These, dass in härteren Zeiten ein mütterliches, weicheres Frauenbild gefragt ist.“

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