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Genussreise Wein und Werte

Tunesien eröffnet als erste muslimische Nation im Herbst eine eigene Weinstraße. Sie soll den Saft, die antike Archäologie und die traditionelle punische Küche miteinander verknüpfen.

Tunesien
Ernte von Muskattrauben in der Weinregion um Grombalia. Wein und Weinanbau gehört seit 2500 Jahren zur Kultur des Landes. Foto: Katharina Eglau

Mit 32 Millionen Flaschen pro Jahr gehört Tunesien zu den größeren Weinnationen im Nahen Osten. 20.000 Menschen sind in dieser Branche beschäftigt, mit 9400 Hektar sind die Rebflächen etwa so groß wie an der Mosel. In dem nordafrikanischen Mittelmeeranrainer wird alles mit der Hand geerntet, meistens von Frauen, die zwischen fünf und neun Euro am Tag verdienen. 60 Prozent der tunesischen Produktion sind Billigweine, die vor allem in Staatsdomänen hergestellt werden. 40 Prozent kommen von privaten Gütern, die mittlere oder höhere Qualität haben. Im ganzen Land existiert kein einziges Fachgeschäft für Wein. Das Meiste wird über die großen Supermärkte verkauft. Und am Freitag, dem muslimischen Sonntag, sowie im Fastenmonat Ramadan sind auch hier die Alkoholregale verriegelt.

Reaktiviert wurde der antike Weinanbau im späten 19. Jahrhundert durch französische und italienische Siedler. Nach der Unabhängigkeit enteignete Tunesien die meisten Güter. Erst im Jahr 2000 wurden private Winzer wieder in breiterem Maße zugelassen. Und so entstanden die meisten der heutigen Vorzeigebetriebe in dieser Phase, wie auch das zur neuen Magon-Route gehörende Gut Neferis nahe Grombalia. Es bewirtschaftet 450 Hektar, seine ungewöhnliche Open-Air-Kelteranlage kommt aus Australien. In der Antike fand hier die entscheidende Schlacht des dritten punischen Krieges statt, mit der der römische Feldherr Scipio die Niederlage der Nordafrikaner besiegelte. Aus der französischen Protektoratszeit stammt das Gutshaus mit Kaminzimmer und herrschaftlicher Gartenterrasse, in dem ein Dutzend Gästezimmer eingerichtet werden sollen. Der ehemalige koloniale Weinkeller wird derzeit zu einem Restaurant für Touristengruppen umgebaut. Einige hundert Meter entfernt steht noch die Ruine der alten Siedlerkirche.

Kellermeister Rached Kobrosly, der die Produktion von jährlich 1,3 Millionen Flaschen steuert, studierte zunächst Biologie und dann Önologie an der Universität Bordeaux. „Das Problem von Tunesiens Wein ist, er hat kein schlechtes Image, er hat überhaupt kein Image“, schmunzelt er, dessen Betrieb fünfzig Mitarbeiter beschäftigt. „Unser Wein ist zu wenig bekannt – und das wollen wir ändern.“ Er selbst ist während der Erntezeit fast rund um die Uhr vor Ort. Mit der Qualität der Trauben ist er zufrieden, mit der Menge nicht. Seit zwei Jahren wird Tunesien von einer Trockenheit geplagt, die die Ernte um ein Drittel reduzierte. Beim Gang über den Hof erinnert er daran, dass Karthago einst der Weinkeller und die Kornkammer Roms war. „Mit dem Projekt Magon wollen wir diese große Epoche unseres Weins wiederbeleben.“ Auch die Qualität hat sich nach seiner Einschätzung in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. „Es existieren viel mehr private Weingüter – und Konkurrenz hebt das Geschäft.“ Mit Islamisten, versichert er, gab es bislang keinerlei Probleme. Alles andere sei eine Erfindung der Medien. „Wir sind seit drei Jahrtausenden ein multikulturelles Land“, sagt er. „Unsere Geschichte der Vielfalt der Kulturen ist genauso lang wie unsere Geschichte des Weins.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Tunesien

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