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Genussreise Wein und Werte

Tunesien eröffnet als erste muslimische Nation im Herbst eine eigene Weinstraße. Sie soll den Saft, die antike Archäologie und die traditionelle punische Küche miteinander verknüpfen.

Tunesien
Ernte von Muskattrauben in der Weinregion um Grombalia. Wein und Weinanbau gehört seit 2500 Jahren zur Kultur des Landes. Foto: Katharina Eglau

Munter klickern die leeren Flaschen. Für Sekunden strömt der Wein, dann folgen Korken und Etikett, bevor der fertige Soltane Rosé aus der Abfüllmaschine in den weißen Sechserkartons verschwindet. Ein Hotelkunde braucht Nachschub, also wird auf dem tunesischen Weingut Kurubis trotz Erntestress noch eine Extraschicht draufgepackt.

Das Anwesen liegt am Rande der Stadt Korba. Von den umliegenden Hügeln aus sieht man das Mittelmeer liegen, auf dem einst die karthagische Flotte gegen Rom zog. Turmhoch mit Traubenkisten beladen keucht der nächste Pickup die staubige Straße zum Hof hinauf. Sofort herrscht in der Produktionshalle wieder absolute Konzentration. Jeder kennt seine Handgriffe, alle packen mit an, die tunesischen Arbeiter, der französische Weingutbesitzer und sein Kellermeister, während die Trauben aus den gelben Plastikkartons auf das Förderband prasseln. Stumm stehen die Männer nebeneinander, fixieren die tiefblauen Reben, klauben flink die noch verbliebenen Weinblätter heraus, bevor die Beerenknäuel in der lärmenden Edelstahlmaschine verschwinden, die sie zu Saft zerquetscht.

Im August und September herrscht Hochbetrieb im Weingut Kurubis. Tag für Tag werden frisch geerntete Trauben angeliefert. Erst kommen Chardonnay und Muscat für die leichteren Weiß- und Roséweine, später Syrah und Mourvèdre für die schweren Rotweine. Nach acht Wochen Hektik sind alle Edelstahltanks voll, der Traubensaft fermentiert und es kehrt wieder etwas Ruhe ein in den Betrieb, der seit 2005 existiert. „Wir sind das kleinste Gut im ganzen Land, aber haben den Ehrgeiz, den besten Wein von Tunesien zu liefern“, sagt Besitzer Didier Cornillon, ein Franzose, der noch zwei Weingüter in Armenien und in Uruguay besitzt. Mit seinem tunesischen Partner bewirtschaftet er gut zwanzig Hektar, produziert 130.000 Flaschen im Jahr und stellt als einziger im Land auch einen Champagner her. Mit Tunesien und seinen 11,5 Millionen Einwohnern fühlt er sich tief verbunden. Nach den Attentaten von Bardo und Sousse wollte er etwas für das Land tun und antwortete auf den Terror mit einem neuen Wein. Kiss nannte er den Cuvée, auf dessen Etikett er den Chanson „Wenn man nichts als die Liebe hat“ von Jaques Brel drucken ließ. „Freude und Friede, das sind die Werte, die wir mit diesem Wein vermitteln wollen“, schrieb Cornillon als Kommentar darunter.

An diese Werte will auch das neue Projekt anknüpfen, was in diesem Herbst Premiere hat. Tunesien startet seine eigene Weinstraße, die erste überhaupt in einem islamischen Land. Für die Besucher soll sie den heutigen Wein, die antike Archäologie und die traditionelle punische Küche miteinander verknüpfen. „Der Wein gehört seit 2500 Jahren zur Kultur unseres Landes – das wissen viele Europäer nicht“, sagt Mohamed Ben Cheikh, Chef des Verbandes der Produzenten von Alkoholgetränken, selbst Gutsbesitzer und einer der treibenden Kräfte. Die Hinweisschilder mit den roten Magon-Logos sind bereits aufgestellt. Stolz verweisen die Organisatoren auf den genialen Namensgeber ihrer Route. Der Katharger Magon schrieb vor 2300 Jahren eine 28-bändige Enzyklopädie über Landwirtschaft und Weinbau seiner Heimat, das wichtigste Standardwerk der gesamten Antike. Bei der Zerstörung von Karthago im Jahr 146 vor Christus verschonten die Römer Magons Schriften und ließen sie auf Anordnung des Senats ins Lateinische übersetzen. 66 Fragmente sind bis heute erhalten geblieben darunter zehn über Weinherstellung, die zu den ältesten Rezepturen der Menschheit gehören.

Drei Tagesetappen über 120 Kilometern soll es zunächst geben. Den Anfang macht Tunis mit der spektakulären „Grotte der tausend Amphoren“ in Megrine, die der Winzergenossenschaft Karthago gehört, plus dem Bardo-Museum, wo antike Mosaike vom Weinbau erzählen. Von dort führt der Weg in die Winzerregion um das Städtchen Grombalia zu dem Gut Neferis. Diese Etappe ist mit dem Museum von Nabeul verknüpft, das eine stattliche Sammlung von Amphoren besitzt. Am Schluss steht das Gut Kurubis auf der Halbinsel Kap Bon zusammen mit Kerkouane, der einzigen noch erhaltenen punischen Stadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Doch auch andere Güter scharren bereits mit den Füßen und wollen mitmachen wie Shadrapa nahe der römischen Weltkulturstätte Dougga oder Ceptunes nahe dem Bergmassiv Ressas, einem der spektakulärsten Naturorte des Landes. „Wir sind vernarrt in unseren Wein“, sagt Ceptunes-Kellermeister Hamdi Maher, der bereits 26 Ernten auf dem Buckel hat und dessen Familie seit fünf Generationen im Weinbau tätig ist. „Wein herstellen ist ein künstlerischer Beruf“, sagt er, der keine Minute ruhig stehen kann. Ständig wandern seine Augen umher, schellt sein Handy, mustert er prüfend das Temperaturtableau seiner Gärtanks oder packt mit an, wenn sich einer der Schläuche zu sehr krümmt. „Man braucht Fantasie, Hingabe und Elan“, sagt er, während er zwischen seinen runden Edelstahl-Kolossen hin und her springt. Mal zapft er eine Kostprobe frischen Rosé, mal einen alten Roten oder einen seiner Muskatweine, auf die er besonders stolz ist. Jedes Mal steckt er seine Nase tief ins Glas, saugt den Duft ein, lässt den Wein im Mund kreisen, bevor sich ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht setzt. „Ich bin wie ein Fisch, wenn ich eines Tages den Wein verlassen müsste, werde ich sterben“, sagt er, dessen Frau aus einer streng religiösen Familie stammt und noch nie ein Glas probiert hat.

700.000 Euro von der EU

Mit 700.000 Euro fördert die Europäische Gemeinschaft die neue Weinstraße, bei der die Besucher auf Sizilien beginnen und dann nach Tunesien übersetzen. Sie ist Teil des „Iter Vinis“, einem Netzwerk von Weinrouten in 18 europäischen Ländern, welches der Europäische Rat 2009 ins Leben rief. Die neuen Touren sollen den Tourismus attraktiver und farbiger machen, weg vom Pauschalurlauber-Image und der All-Inklusive-Monotonie. Seit Jahrzehnten setzt Tunesien auf Sonne, Strand und Meer und schenkte dem Kulturtourismus eher wenig Bedeutung. Und so traf der Kalaschnikow-Anschlag 2015 auf Badegäste in Sousse die Ferienindustrie mit voller Wucht. Es folgten zwei Jahre Flaute, erst jetzt beginnt sich das Urlaubsgeschäft wieder zu erholen. „Nach Attentaten wie in Paris oder Barcelona bricht der Tourismus in diesen europäischen Ländern nicht in gleicher Weise ein“, bilanziert einer der betroffenen Hoteliers, weil dort die Besucher aus den unterschiedlichsten Motiven anreisen. „Bei uns dagegen herrscht eine Art Monokultur.“

Mit 32 Millionen Flaschen pro Jahr gehört Tunesien zu den größeren Weinnationen im Nahen Osten. 20.000 Menschen sind in dieser Branche beschäftigt, mit 9400 Hektar sind die Rebflächen etwa so groß wie an der Mosel. In dem nordafrikanischen Mittelmeeranrainer wird alles mit der Hand geerntet, meistens von Frauen, die zwischen fünf und neun Euro am Tag verdienen. 60 Prozent der tunesischen Produktion sind Billigweine, die vor allem in Staatsdomänen hergestellt werden. 40 Prozent kommen von privaten Gütern, die mittlere oder höhere Qualität haben. Im ganzen Land existiert kein einziges Fachgeschäft für Wein. Das Meiste wird über die großen Supermärkte verkauft. Und am Freitag, dem muslimischen Sonntag, sowie im Fastenmonat Ramadan sind auch hier die Alkoholregale verriegelt.

Reaktiviert wurde der antike Weinanbau im späten 19. Jahrhundert durch französische und italienische Siedler. Nach der Unabhängigkeit enteignete Tunesien die meisten Güter. Erst im Jahr 2000 wurden private Winzer wieder in breiterem Maße zugelassen. Und so entstanden die meisten der heutigen Vorzeigebetriebe in dieser Phase, wie auch das zur neuen Magon-Route gehörende Gut Neferis nahe Grombalia. Es bewirtschaftet 450 Hektar, seine ungewöhnliche Open-Air-Kelteranlage kommt aus Australien. In der Antike fand hier die entscheidende Schlacht des dritten punischen Krieges statt, mit der der römische Feldherr Scipio die Niederlage der Nordafrikaner besiegelte. Aus der französischen Protektoratszeit stammt das Gutshaus mit Kaminzimmer und herrschaftlicher Gartenterrasse, in dem ein Dutzend Gästezimmer eingerichtet werden sollen. Der ehemalige koloniale Weinkeller wird derzeit zu einem Restaurant für Touristengruppen umgebaut. Einige hundert Meter entfernt steht noch die Ruine der alten Siedlerkirche.

Kellermeister Rached Kobrosly, der die Produktion von jährlich 1,3 Millionen Flaschen steuert, studierte zunächst Biologie und dann Önologie an der Universität Bordeaux. „Das Problem von Tunesiens Wein ist, er hat kein schlechtes Image, er hat überhaupt kein Image“, schmunzelt er, dessen Betrieb fünfzig Mitarbeiter beschäftigt. „Unser Wein ist zu wenig bekannt – und das wollen wir ändern.“ Er selbst ist während der Erntezeit fast rund um die Uhr vor Ort. Mit der Qualität der Trauben ist er zufrieden, mit der Menge nicht. Seit zwei Jahren wird Tunesien von einer Trockenheit geplagt, die die Ernte um ein Drittel reduzierte. Beim Gang über den Hof erinnert er daran, dass Karthago einst der Weinkeller und die Kornkammer Roms war. „Mit dem Projekt Magon wollen wir diese große Epoche unseres Weins wiederbeleben.“ Auch die Qualität hat sich nach seiner Einschätzung in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. „Es existieren viel mehr private Weingüter – und Konkurrenz hebt das Geschäft.“ Mit Islamisten, versichert er, gab es bislang keinerlei Probleme. Alles andere sei eine Erfindung der Medien. „Wir sind seit drei Jahrtausenden ein multikulturelles Land“, sagt er. „Unsere Geschichte der Vielfalt der Kulturen ist genauso lang wie unsere Geschichte des Weins.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Tunesien

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