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Genua Selfies auf der Trauerfeier

Die Gedenkfeier für die Opfer von Genua wird zum Politiker-Schaulaufen.

Trauerfeier für Opfer der Brücken-Katastrophe in Genua
Viele Angehörige boykottierten das Staatsbegräbnis. Foto: dpa

Staatsbegräbnisse sind meist hochrangigen Persönlichkeiten und Politikern vorbehalten. Italiens Populistenregierung hatte entschieden, auch die Opfer der Brückentragödie von Genua mit einer staatlichen Trauerfeier zu ehren. Beim Einsturz des vierspurigen Polcevera-Autobahnviadukts starben Familien auf dem Weg in den Urlaub, Berufstätige, die zur Arbeit fuhren, ein Paar auf Hochzeitsreise, vier junge Franzosen, die zu einem Rave nach Sardinien wollten, Lkw-Fahrer, etliche Jugendliche und Kinder. 43 Menschen verloren bei dem Unglück ihr Leben – nach bisheriger Bilanz. Doch beim Trauergottesdienst in der Riesenhalle „Jean Nouvel“ auf dem Messegelände von Genua waren am Samstag lediglich 18 mit weißen Rosen geschmückte Särge aufgebahrt. 

Das hatte zwei Gründe: Erstens wurde die Zeremonie abgehalten, bevor überhaupt alle Vermissten unter den tonnenschweren Betonklötzen der Brücke gefunden waren. Erst wenige Stunden zuvor entdeckten die Rettungskräfte ein Ehepaar mit Kind tot in den Trümmern. Die Leiche des letzten Vermissten wurde sogar erst nach der Trauerfeier entdeckt. Zweitens aber boykottierten die Angehörigen von 20 der Opfer die staatliche Zeremonie. Einige, weil sie ihre Toten lieber im privaten Kreis beerdigen wollten. Einige, weil sie enorme Wut auf den italienischen Staat hegen. 

Das trifft vor allem auf vier Familien aus Torre del Greco nahe Neapel zu, die ihre Söhne verloren haben. Die Eltern der jungen Männer geben dem Staat die Schuld, der seine Bürger nicht geschützt habe. Ein Vater sprach in Interviews von „staatlichen Morden“. Die Mutter des 26-jährigen Gerardo warnte bei der Beerdigung in Torre del Greco, einen Tag vor dem Staatsbegräbnis: „Die Politiker sollen sich nicht blicken lassen. Ihr Schaulaufen am Unglücksort ist eine Schande.“ Neapels Kardinal Crescenzio Sepe sagte in der Predigt: „Man kann und darf nicht wegen Fahrlässigkeit, Vernachlässigung, Unverantwortlichkeit, Oberflächlichkeit und Bürokratie sterben.“ 

Was den Einsturz auslöste und wer schuld hat, ist aber unklar. Die Staatsanwaltschaft geht von menschlichem Versagen aus und ermittelt. Eine viel diskutierte Hypothese lautet, dass die Querträger der 51 Jahre alten Brücke wegbrachen, weil sie aus Spannbeton statt aus Stahl waren. Die Populistenregierung beschuldigt den privaten Betreiber Autostrade per l’Italia, die Instandhaltung vernachlässigt zu haben und will ihm die Konzession entziehen.

500 Millionen für Aufbau 

Bei der Trauerzeremonie in Genua war von Wut auf Staat und Regierung wenig zu spüren. Vor Beginn gab es tatsächlich ein Politiker-Schaulaufen. Als die beiden Vizepremiers die Halle betraten, der Rechtspopulist Matteo Salvini und Fünf-Sterne-Chef Luigi di Maio, brandete minutenlanger Applaus auf. Vereinzelte Pfiffe und Buhrufe gingen unter. Salvini ließ sich am Rande sogar auf Selfies mit Anhängern ein. Fast die gesamte Regierung samt Premier war gekommen, ebenso Staatsoberhaupt Sergio Mattarela. 

Das Geschehen im abgesperrten, Angehörigen und geladenen Trauergästen vorbehaltenen Teil der Messehalle verfolgten im hinteren Teil auf Großbildschirmen mehrere Tausend Genueser. Viele hatten Tränen in den Augen. „Jeder von uns hätte auf dieser Brücke sterben können“, war ein häufig zu hörender Satz. Genuas Kardinal Angelo Bagnasco sagte in der Predigt, der Einsturz der Morandi-Brücke habe die Stadt mitten ins Herz getroffen. 

Am selben Tag, noch während in ganz Italien Staatstrauer galt, verkündete der Vorstandschef von Autostrade per l’Italia, Giovanni Castellucci, das Unternehmen werde eine halbe Milliarde Euro bereitstellen. Damit werde die Brücke innerhalb von acht Monaten abgerissen und aus Stahl neu gebaut. Auch werde man die Opfer-Angehörigen und obdachlos gewordenen Bewohner angrenzender Häuser unterstützen. Vizepremier Di Maio lehnte das Angebot ab. „Der Staat nimmt keine Almosen an“, schrieb er auf Facebook. 

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