Lade Inhalte...

Genua Die Tragödie als Chance

Eine Woche nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua suchen die Menschen nicht mehr nur nach Erklärungen, sondern auch nach einem Dach über dem Kopf. Oder einem Silberstreif am Horizont.

Genua
Kein sicherer Ort: der abgesperrte Bereich unter der Morandi-Brücke. Foto: rtr

Als der Betonriese zusammenbrach, waren Rita Profeta und ihr Mann im Urlaub. Auf der anderen Seite Italiens, an der Adriaküste, zu Besuch bei Tochter, Schwiegersohn und dem einjährigen Enkel. „Die ersten Nachrichten wollte ich gar nicht glauben“, sagt Rita. „Und eigentlich kann ich es auch jetzt noch nicht glauben.“ Erst fünf Tage nach dem Unglück, dessen Bilder um die Welt gingen, sind Rita Profeta und ihr Mann nach Genua zurückgekehrt, als Obdachlose. Ihre Wohnung liegt in der Via Porro 12, direkt unter einem der beiden wie Mahnmale ins Nichts ragenden Stümpfe der eingestürzten Ponte Morandi. Sie wohnten in einem von elf evakuierten Wohnhäusern, die nun zusammen mit der Autobahnbrücke abgerissen werden.

Rita, die als Putzfrau arbeitet, und ihr Mann Francesco, Rentner, sitzen auf einer Bank im Hof des Bürgerzentrums Buranello, Anlaufpunkt für alle Betroffenen. Rita trägt noch silberglitzernde Strandschuhe, neben ihr ist das Urlaubsgepäck abgestellt, ein Koffer und eine Reisetasche, alles, was ihnen im Moment geblieben ist. Ihre früheren Nachbarn im Viertel, knapp 560 Menschen, sind von der Stadt in Hotels und Altenresidenzen untergebracht worden. Rita und Francesco sind Nachzügler. Die Helfer haben allerdings Probleme, ein Hotelzimmer zu finden. Denn das Ehepaar will seinen Hund Poldo, einen Labradormischling, nicht ins Tierheim geben. „Ich trenne mich nicht von ihm, er gehört zur Familie“, sagt Rita. „Wir haben sowieso schon so viel verloren.“

Tommaso Bellone, seine Frau Milena und die sechs und vier Jahre alten Töchter hatten in der Via Porro gerade erst ihre neue Eigentumswohnung bezogen – genau zehn Tage vor dem Unglück. Jetzt schlafen sie zu viert in einem kleinen Hotelzimmer ohne Kühlschrank und kommen jeden Mittag ins Bürgerzentrum, um in der Mensa zu essen. Tommaso, 49 Jahre alt, tätowierte Arme und Goldkreole im Ohr, ist Hafenarbeiter. 130 000 Euro hat die Wohnung samt Renovierung gekostet, sagt er. Die Familie hatte dafür gespart und einen Kredit aufgenommen. „Den müssen wir auch weiter abbezahlen“, sagt Tommaso. Für eine Wohnung, die es bald nicht mehr geben wird.

Die sechstgrößte Stadt Italiens hat immer schon mit beengten Verhältnissen zu kämpfen gehabt. Das erklärt vielleicht ihre oft merkwürdige Bauweise. Genua erstreckt sich auf einem sehr schmalen, inzwischen fast 30 Kilometer langen Streifen zwischen Mittelmeer und den Berghängen des Apennin. Vom Wasser weg geht es überall bergauf, Platz war immer kostbar.

Das sieht man in den dunklen, hohen, oft nur zwei Armlängen breiten Gassenschluchten des mittelalterlichen Hafenviertels mit seinen fünfstöckigen Häusern. Man sieht es auf der „Sopraelevata“, der sechs Kilometer langen hässlichen Schnellstraße, die seit Anfang der 60er Jahre auf Stelzen durch die Stadt führt, ganz nah an den Fassaden entlang. Man sieht es auch an der fast futuristisch im verschachtelten Stadtpanorama aufragenden Schleifen- und Stelzenkonstruktion des Autobahnkreuzes, wo die aus den Bergen kommende A7 auf die Küstenstrecke A10 zur Cote d’Azur trifft. In diesem Panorama klafft jetzt eine bizarre Lücke: Dort, wo vergangenen Dienstag ein 200 Meter langes Teilstück der Morandi-Brücke mitsamt Autos und Lastwagen darauf 45 Meter in die Tiefe stürzte und 43 Menschen in den Tod riss.

In den 60er Jahren war das Viadukt einfach über einem Dutzend Häuserblocks mit Eisenbahnerwohnungen errichtet worden. Jetzt ist die Gegend um die Via Porro, wo Rita und ihr Mann wohnten, ein Sperrgebiet, Rote Zone. Die Straße führt direkt unter einem der beiden einsturzgefährdeten Brückenstümpfe durch. An Absperrgittern wachen Polizisten und Zivilschutzleute. Nur die früheren Bewohner werden durchgelassen, um begleitet von Feuerwehrleuten das Nötigste aus ihren Wohnungen zu holen. Ein Mann schleppt zwei prall gefüllte Taschen heraus. Die Familie eines Werftarbeiters aus Ecuador hat einen Einkaufswagen mit Spielzeug, Kinderbüchern, Kleidung und Waschmittel vollgepackt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen