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Gentrifizierung Der Traum von der Villa Kunterbunt

Die größte WG Berlins lebt seit zwei Jahren in ihrem Eigenbau im Prenzlauer Berg. In der Hauptstadt steigen munter die Mieten. Das Hausprojekt M29 hat einen Weggefunden, sich dieser Aufwärtsspirale komplett zu entziehen.

06.10.2016 13:33
Susanne Götze
Mehrere tausend Menschen beteiligen sich an der Demonstration „Rigaer 94 verteidigen!“ Foto: imago stock&people

Vor fünf Jahren begannen in Berlin Prenzlauer Berg die ersten Leute mit wenig Geld wegzuziehen. Verschreckt von hohen Mieten, den Latte-Macchiato-Müttern und Porschebesitzern am Helmholtzplatz zogen die alternative Szene und Alteingesessene weiter, nach Lichtenberg, Pankow, Weißensee oder in andere Randgegenden. In keinem anderen Bezirk stiegen die Mieten so sehr wie im ehemaligen DDR-Szene-Bezirk; angeblich dem einzigen Ort in der sozialistischen Republik, wo man Haschisch kaufen konnte. Kein Wunder, dass heute von Kunst und Untergrundkultur nicht mehr viel übrig ist. Über die Mietsteigerungen schüttelten die einen die Köpfe, die anderen organisierten Demos und Bündnisse, um Zwangsräumungen zu verhindern. Doch gegen Gentrifizierung, Immobilienspekulation und dem Austausch der alteingesessenen Mieter kommt keiner an. Die meisten Anwohner stehen seitdem vor der Wahl: Entweder die bittere Mieterhöhung mit einem Latte runterspülen oder den Kopf in den Sand stecken und wegziehen.

Ute Werner und Dirk Brosske haben nichts von alldem gemacht. Das Paar ist vor fünf Jahren nicht aus, sondern in den Prenzlauer Berg gezogen und hat sich ein Haus gebaut. Zusammen mit einem Dutzend anderer Studenten, jungen Familien und Künstlern haben sie das schier Unmögliche angepackt und auf einem alten Garagengrundstück keine 500 Meter von der Schönhauser Allee ein Wohnprojekt gegründet. „Niemand von uns hatte Geld, aber wir alle wollten dasselbe: Solidarisch zusammen wohnen und leben ohne geldgeile Vermieter im Nacken“, erzählt Ute bei einem Tee in der großen Wohnküche im Dachgeschoss des Neubaus, dem „M29“. An diesem Abend kommen nur ab und zu einige Mitbewohner vorbei, schmieren sich eine Stulle, kochen Vollkornnudeln und tauschen sich darüber aus, wie man das hausgemachte Basilikum-Pesto am besten lagert.

An der Decke geht die Lampe aus alten Radfelgen an. Jemand hat auf den großen Küchentisch mit der eingebauten Spülmaschine seine Kressekeimlinge geparkt. „Wenn man wenig Startkapital hat, ist es immer schwerer – aber möglich“, erzählt die promovierte Chemikerin Ute. Vor dem „M29“ hat sie mit ihrem Freund Dirk in einer Zweizimmer-Wohnung in Neukölln gelebt, davor in etlichen WGs mit zwei, drei, aber auch mal sechs Leuten. Dann haben die beiden wieder Lust bekommen in Gemeinschaft zu wohnen – und das mit Anfang 30; einem Alter, in dem viele eher eine Kleinfamilie gründen anstatt nochmal das WG-Leben der 20er zu riskieren. Sie stießen zu einer Gruppe von Gleichgesinnten und suchten lange nach einem passenden Haus. Klar war: Eine Wohnung allein reicht nicht. Wenn nochmal WG, dann richtig: Mit Projektraum, Garten und Kneipe – eben eine richtige Villa Kunterbunt.

Die Gruppe fand lange nichts. Die schönen alten Mietskasernen in Berlin sind heiß begehrt, teuer und es gab immer einen Käufer, der vertrauenswürdiger ist als ein paar junge Idealisten mit WG-Erfahrung. „Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ging es Schlag auf Schlag: Wir haben ein Grundstück gefunden und beschlossen, einfach unser eigenes Haus zu bauen“, erzählt die 35-Jährige im schwärmerischen Ton. Das 830 m2 große Areal mitten im Prenzlauer Berg hatte ein Bekannter geerbt und vermachte es der Gruppe zu einem fairen Preis. „Dann ging der Spaß erst richtig los: Architekten, Banken, Baufirmen – in den letzten Jahren haben wir viel gelernt“, meint Dirk, der seine Besucher gern aus der Wohnküche auf die selbstgezimmerte Dachterrasse mit der Grillecke führt oder zu der lustigen Bar im Projektraum, die wie ein kleines Häuschen in den Raum hineinragt. Der gelernte Tischler hat viel Arbeit in das Projekt gesteckt. Gehören tut ihm das Haus aber trotzdem nicht. „Man wird niemals Besitzer werden, egal wie viel man macht, das ist ja gerade die Idee“, meint Dirk, der seit einem halben Jahr wie seine Freundin den Chemie-Doktor in der Tasche hat. Die derzeit 21 Bewohner des M29 sind Mieter und werden es auch immer bleiben. Auf einer der fünf Toiletten im Haus prangt dazu passend der Spruch: „Die Häuser denen, die drin wohnen“.

Dass es die Gründer des M29 auch ohne eigenes Geld geschafft haben, hat viel mit diesem Credo zu tun. Sie haben es wie 110 andere Hausprojekte in Deutschland gemacht, deren erklärtes Ziel es ist, Wohnimmobilien dauerhaft dem privaten Immobilienmarkt zu entziehen. Das zumindest ist die Idee ihres Dachverbandes: Denn ohne die Hilfe des Mietshäuser Syndikates hätten die Gründer von „M29“ vielleicht trotzdem irgendwann aufgegeben. Selbst mit einem Grundstück hatte die Gruppe noch lange nicht die Baukosten für den Hausbau zusammen. „Alle Hausprojekte gründen einen eigenen Verein und eine eigene GmbH, an der sich dann das Mietshäuser Syndikat mit 12 400 Euro beteiligt“, erklärt Enrico Schönberg. Er ist schon seit vielen Jahren für das Hausprojektnetzwerk auf Achse. Ehrenamtlich berät er die Häuserszene in Berlin und Brandenburg. Das Mietshäuser Syndikat stand auch der Gruppe von Ute und Dirk zur Seite und unterstützte sie nicht nur bei den Finanzen, sondern auch beim Aufbau der Hausgemeinschaft. „Der größere Wert liegt nicht in der kleinen Einlage, sondern in der Beratung: Wir helfen dabei, den Hausverein zu gründen, die richtigen Banken zu finden und geben Tipps für die Organisation der Direktkredite“, so Schönberg. Mit der Beteiligung von knapp der Hälfte der Anteile an der Haus-GmbH sichert sich das Mietshäuser Syndikat ein Vetorecht, das einzig dazu da ist, eine Re-Privatisierung des Hausprojektes zu verhindern.

„Die Erfahrung mit Hausprojekten seit den 1980er Jahren zeigt, dass die Häuser allen guten Vorhaben zum Trotz am Ende doch wieder in privaten Händen landen und somit wieder Teil des Spekulationskreislaufs werden – damit wollen wir brechen“, meint Schönberg. Zudem zahlt jedes Mitglied im Syndikat einen „Solibeitrag“, der hilft, neue Projekte mit aufzubauen. Dieser steigt im Laufe der Jahre. Ute und Dirk sind also weder Besitzer des Hauses, noch werden sie jemals mietfrei darin wohnen können. Dafür sind sie Teil eines solidarischen Netzwerkes geworden, das in kleinen Trippelschritten den privaten Markt in Gemeinschaftseigentum umwidmet. Und sie wohnen in einem selbst gebauten Haus für eine mittlerweile sensationell billige – und vor allem stabile – Miete mitten im Gentrifizierungswahnsinn. Durch clevere Architekten konnte das Haus mit 800 m2 Wohnfläche mit allem Drum und Dran für nur 800 000 Euro gebaut werden.

Kein Wunder, dass bis zu 200 Bewerber auf ein Zimmer im „M29“ kommen. Für eine Wohnung mit Dachterrasse, Garten und großer Einbauküche muss man am Helmholzplatz mittlerweile locker 2000 Euro kalt auf den Tisch legen – Tendenz steigend. Die WG-Mitglieder des M29 zahlen alles inklusive 300 Euro pro Zimmer – und zwar so lange sie wollen.

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