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Geisterjäger Den Toten auf der Spur

Ein Surren, Schatten, plötzlich ein Schrei: Mit echten Geisterjägern auf Tour in einem Kölner Reichsbahnbunker.

Bunker
Claudia, Hagen, Wula und Tom suchen in einem alten Luftschutzbunker der Reichsbahn nach „wertneutralen Energien“. Foto: Max Grönert

Es ist kalt im Bunker. Sehr kalt. „Acht Grad“, sagt Tom Pedall. Er trägt ein schwarzes Käppi und eine Fleece-Jacke. „Ghosthunter NRWup“ steht auf seinem Rücken. Draußen knallt die Sonne vom Himmel. Kinder juchzen auf dem nahen Spielplatz. Hoch oben in den Bäumen jubilieren die Amseln. Wir stehen im Eingangsbereich des einstigen Kölner Reichsbahnbunkers an der Werkstattstraße in Nippes und frösteln. Gleich werden wir Geister jagen. Tom, Claudia, Hagen, Wula. Der Fotograf. Die Reporterin. Und Bella, die Hündin.

Seit sieben Jahren gehen die Ghosthunter aus Wuppertal und Rheinland-Pfalz gemeinsam auf Geisterjagd: zehn Männer und Frauen, die sich in ihrer Freizeit dem Paranormalen verschrieben haben. Das Wort Geister hört keiner von ihnen gern. „Sagen wir doch einfach ‚wertneutrale Energien‘“, sagt Tom (46), der unter der Woche in der Betreuungsbranche arbeitet. Vor einigen Jahren hörten er und seine Lebensgefährtin Claudia Winterkamp eines Nachts auf dem Dachboden ein Poltern, „als ob jemand Möbel verrücken würde“. Das konnte nicht sein: „Da war niemand.“

Seitdem steht das Paar paranormalen Phänomenen durchaus aufgeschlossen gegenüber. Angst, sagt Tom, mache ihm die Welt jenseits des Sichtbaren nicht. „Es gibt keine bösen Geister. Allenfalls Verstorbene, die Kontakt mit uns aufnehmen möchten und ab und zu vorbeischauen“. Seine Mutter zum Beispiel rieche gelegentlich den Zigarettenrauch seines lange verstorbenen Vaters. „Und der hat eine sehr seltene Marke geraucht.“

Wula Sichelschmidt – ausrasierte Seiten, das restliche Haar zu einem kurzen Zopf geflochten – sah als Kind eine Lichtkugel in einer Tüte verschwinden, die einer verstorbenen alten Dame gehört hatte, Hagen Munsch, ein stämmiger Mittvierziger, hörte nachts Schritte auf dem Flur, obwohl niemand zu sehen war, und sah gemeinsam mit dem Bruder im Kinderzimmer ein leuchtendes grünes Männchen, für das er bis heute keine Erklärung hat. Deswegen ist auch er sich sicher, „dass es da etwas geben muss“. Wie auch immer man dieses „Etwas“ nennen wolle.

Dinge, die das menschliche Auge nicht erfasst

Wir steigen im Gänsemarsch hinab in den Bunker, im wuchtigen Gepäck Infrarotkameras, einen Cell-Sensor und einen Gauss-Master zum Messen elektromagnetischer Felder, Diktiergerät und Videokamera. Feuchte Wände, dumpfe Luft. In einer Ecke lehnt eine Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Seit einigen Jahren ist das ehemalige Quartier der Werkluftschutzwache der Reichsbahn ein Museum. Bis zu 18 Mann konnten hier bei Fliegerangriffen unterkommen.

Christian Kleefisch wurde der Bunker am 21. Dezember 1944 zum Verhängnis. Als eine Fliegerbombe in das Dach einschlug, fegte eine mächtige Druckwelle durch die Räume und riss einen Eisenschrank von der Wand. Der kippte um und begrub den Bunker-Kommandanten unter sich. „Tragische Geschichte“, sagt Tom und beginnt den Raum mit einer Infrarotkamera zu fotografieren. Die, sagt er, sehe Dinge, die das menschliche Auge nicht erfasse.

Das Team war schon 2014 zweimal kurz hintereinander im Bunker. Bei jedem Besuch, sagt Tom, habe man elektromagnetische Felder gemessen, für die es keine Erklärung gebe. Das wird heute nicht anders sein.

Schatten und paralysierte Katzen

Ein Museumsbesucher will sogar einmal einen Schatten wahrgenommen haben, der von der Einschlagstelle der Bombe ins Arztzimmer huschte. Kleefisch? Und Wula hatte damals Schwierigkeiten, den verhängnisvollen Raum auch nur zu betreten. Mehrere Anläufe habe sie gebraucht. „Es war, als würde ich gegen eine unsichtbare Wand laufen.“

Heute ist alles in Ordnung. „Ich spüre nichts.“ Gerade hat sie in der Küche eine Tüte mit Ingwer-Fruchtgummis herumgereicht. Claudia streift mit dem Cell-Sensor durch die Räume. Bei Lampen und Leitungen beginnt der kleine Apparat zu surren. „Wir müssen erst einmal überprüfen, was zur Grundausstattung des Bunkers gehört. Damit wir später bei der Untersuchung sagen können, ob es Ungereimtheiten gibt.“

Bella schläft.

Claudia gehört mit Tom zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe. Auch die Bankkauffrau aus Wuppertal hat in ihrem Leben Dinge gesehen, die sie bis heute ins Grübeln bringen. Diese merkwürdige, rund 60 Zentimeter große Kugel aus Staub oder Nebel beispielsweise, die ihr eines Nachts den Weg vom Bad ins Schlafzimmer versperrte. Dann war da noch die Sache mit den Katzen, die wie paralysiert auf eine bestimmte Stelle an der Wand starrten und ganz merkwürdig maunzten.

„Hört sich an, als ob jemand mit uns kommunizieren will“

Die Erklärungen, die sie ein paar Tage später wegen des Nebelballs im Netz einholte, befriedigten sie wenig. „Der geballte Rauch aller Zigaretten, die ihr an diesem Abend geraucht habt.“ – „Ein Kugelblitz.“ – „Wisch mal Staub!“ Claudia schnaubt noch heute verächtlich, wenn sie an den „Unsinn“ der Kommentatoren denkt. Sie frage sich noch immer, „was diese komische Kugel gewesen sein mag“.

Für die meisten Erscheinungen gebe es eine rationale Erklärung, sagt Tom. Und genau das vermittele er auch den Kunden, die sich um Rat und Hilfe an die Ghosthunter wenden. Die übrigens keine Bezahlung für ihre Dienste nehmen. Der Bedarf nach Aufklärung sei groß, „vor allem, wenn ein neuer Gruselfilm in die Kinos gekommen ist“. Drei Anfragen aus ganz Deutschland hatte das Team allein in der vergangenen Woche. Von den Eltern eines Dreijährigen, der Geister gesehen haben will, von einem konsternierten Hausbesitzer, dessen Mieter das gleiche Problem haben. Von einer alten Dame, an deren Wänden plötzlich große schwarze Flecken aufgetaucht sind. „Ein Medium hat ihr gesagt, es handle sich dabei um die Manifestationen von Toten, die auf dem Grundstück gestorben sind.“ Jetzt sollten die Geisterjäger die Sache richten. Tom schüttelt den Kopf. „Wie kann man jemandem so etwas einreden? Ich habe der Dame gesagt, dass das vermutlich Schimmelflecken sind, und ihr geraten, mal zum Arzt zu gehen.“

Wir stehen inzwischen im ehemaligen Schlafsaal des Bunkers. Stockbetten mit je drei Pritschen, zusammengefaltete Wolldecken auf blanken Matratzen. Es scheint noch kälter geworden zu sein. Das Messgerät in Claudias Hand beginnt zu summen und zu schnarren, der Cell-Sensor in der Hand der Reporterin tickt mal schneller, mal langsamer. Wir stehen im Kreis, die Kamera läuft.

„Es hört sich an, als ob jemand mit uns kommunizieren will“, sagt Claudia. Langsam geht sie durch den Raum, fährt mit dem Gerät an den Wänden, an den Betten entlang. Plötzlich fasst sie sich in den Nacken. „Mir war auf einmal ganz komisch“, wird sie später sagen. „Da war so ein kalter Hauch.“ Wula starrt sie an, „Hast du was am Kopf?“ Eben habe sie die Vorstellung von jemandem mit einer Kopfverletzung gehabt. „Ist Kleefisch nicht an einer Kopfverletzung gestorben?“, fragt Tom aus dem Hintergrund.

Die Reporterin schluckt.

Der Glaube an die Welt der Geister ist so alt wie die Menschheit selbst. Plinius der Jüngere schilderte im Jahr 100 nach Christus, wie ein Athener Philosoph ein Spukhaus kaufte und einen Geist erlöste. Johann Wolfgang von Goethe verarbeitete in „Faust“ den „Spuk in Tegel“, ein tagesaktuelles Berliner Poltergeistphänomen. Die englische Booker-Preisträgerin Hillary Mantel hält es mit einem Spruch des heiligen Aurelius Augustinus: „Unsere Toten sind nicht abwesend, sondern nur unsichtbar.“

Jetzt schreit jemand. Laut. Schrill.

Tom hat inzwischen das Licht ausgeschaltet, es ist stockdunkel im Schlafsaal tief unter der Erde. Jeder von uns stellt sich mit seinem Namen vor. „Ich bin Tom, ich bin Claudia, ich bin Wula, Hagen, Petra, Max. Das ist Bella.“ Dann ergreift Claudia das Wort. „Wenn noch jemand anderes außer uns sieben einschließlich Hund im Raum ist, den wir nicht sehen und nicht hören können – magst du uns deinen Namen verraten? Bist du der Kleefisch, der hier ums Leben gekommen ist? Bist du an einer Kopfverletzung gestorben?“

Die Geräte verstummen. Kleefisch schweigt. Vielleicht ist es ihm einfach zu voll an der Stätte seines Todes. Tom versucht es noch einmal: „Herr Kleefisch, wenn Sie anwesend sind, dann möchte ich Sie bitten, zu mir zu kommen und das Gerät in meiner rechten Hand zu berühren?“ Zwei Sekunden vergehen.

Jetzt schreit jemand. Laut. Schrill. Schmerzerfüllt.

Der Reporterin stellen sich die Nackenhaare auf. Eine frostige Kälte überzieht ihre Arme. Das war kein Wesen von dieser Welt!

Das Licht flammt auf. Anklagend schaut Bella in die Runde. Tom ist der Hündin im Dunkeln auf den Schwanz getreten.

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