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Gefühlte Realität „Wir nehmen uns wichtiger, als wir für die Welt sind“

Immer rote Ampeln im Straßenverkehr, die nervigsten Sitznachbarn beim Kinobesuch – die Diagramme des Graphitti-Blogs zeigen unsere gefühlte Realität. Doch was ist dran an dieser Wahrnehmung? Psychologe Stephan Lermer klärt auf.

18.05.2011 18:51
Gefühlt sind die meisten Ampeln bei der Ankunft rot. Foto: dpa

Herr Lermer, wieso stehe ich im Supermarkt immer an der langsamsten Schlange?
Das sind die kleinen Frustrationen, die der Alltag bereithält. Ich bin auch so einer: Wenn ich an eine Ampel komme, ist sie meist rot. In Wirklichkeit aber ist meine Wahrnehmung verzerrt: Es kommt mir nur so vor.

Warum spielt uns die Wahrnehmung permanent diese Streiche?
Um unser Weltbild laufend abzusichern und zu aktualisieren, ist unsere Erinnerung auf Ereignisse fokussiert, die von den gewohnten abweichen. Wenn man versucht, sich an die letzten Wochenenden zu erinnern, fällt einem jenes ein, an dem man einen Dreier im Lotto hatte und jenes, an dem der Reifen platt war. Aber die, an denen nichts besonderes passiert ist, die sind einfach weg.

Ist dieser Unterschied zwischen Wirklichkeit und gefühlter Realität normal?
Dass die Wahrnehmung etwas verzerrt wird, ist tatsächlich normal. Wenn man aber anfängt, künstliche und auch noch falsche Ereigniszusammenhänge zu konstruieren, ist man schon nahe an einer fixen Idee oder einer Psychose. Nach dem Motto: „Nur wegen mir schalten die die Ampel auf Rot, weil es immer mich treffen soll“ – als gäbe es eine dunkle Macht, die Ampeln steuert.

Ist das wirklich eine verzerrte Wahrnehmung? Ich zumindest bin mir sicher, dass Geräte bei mir immer dann kaputt gehen, wenn gerade die Garantie abgelaufen ist – wie in einer Grafik des Graphitti-Blogs beschrieben.
Das ist die Paradoxie des wirklichen Lebens – und mit der können wir oft nicht umgehen. Ein Beispiel: Wenn Sie als Single auf eine Party gehen und eine Partnerin suchen, werden Sie garantiert keine erobern. Wenn Sie aber frisch verliebt sind, dann könnten Sie fünf Frauen abschleppen. Schon Laotse wusste: „Wenn du etwas nicht mehr brauchst, wirst du es bekommen.“

Wieso können wir bei diesen Tortendiagrammen darüber lachen?
Das hat zwei Gründe. Zum einen haben wir ein Erwartungsmuster im Kopf und gehen davon aus, dass es erfüllt wird. Wenn aber eine Überraschung eintritt, erfordert das eine Reaktion – das Kennzeichen des Witzes.

Die Überraschung ist aber nicht unbedingt positiv, wenn im Kino Dirk Nowitzki vor einem sitzt und drei quatschende Mädels hinter einem.
Der Mensch ist auf das Lustprinzip ausgerichtet und versucht, soviel Erheiterung wie möglich zu erlangen. Und souveräne Menschen haben die Fähigkeit zur liebevollen Ironie: Sie schaffen es, eine Irritation, die eigentlich frustrierend ist und leichte Aggressionen aufbaut, durch ein Lachen zu entladen.

Was ist der andere Grund?
In diesen Grafiken werden große Fragen auf das Wesentliche vereinfacht – man hat das Gefühl, zu verstehen und verstanden zu werden. Denn für den Komplexitätsgrad des modernen Lebens ist unser Gehirn eigentlich nicht ausgelegt.

Wir lachen, um unsere Welt zu begreifen?
Je stärker wir uns von religiösen und gesellschaftlichen Vorschriften befreien, desto mehr brauchen wir Alternativen, um uns die Welt zu erklären. Wer spirituell erfüllt ist, sagt sich: „Das muss ich nicht verstehen, das ist der göttlich gefügte Weltenlauf.“

Was, wenn man nicht spirituell ist?
Dann gehen manche soweit, unbeseelte Objekte wie die Ampel zu personifizieren. Ein typischer Satz ist etwa: „Mein Computer, der spinnt schon wieder“ – dabei spricht man über eine Maschine. Doch die Welt ist für uns nur in Ordnung, wenn wir sie erklären können: „Er mag mich heute nicht“. Das grenzt fast schon an Animismus.

Und das in einer Welt, die immer technisierter wird.
Die Technik wird perfekter. Deshalb haben wir heute keinen Sinn mehr dafür, das Gelingen zu goutieren. Früher war man froh, wenn das Auto ohne Panne von München bis Salzburg fuhr. Heute ist das selbstverständlich – und deshalb ragen die Ereignisse stärker heraus, an denen etwas mal nicht klappt.

Beeinflusst das auch unser Selbstbild?
Ja. Wir übertragen die Erwartung an perfektes Gelingen von unserem technischen Umfeld auf uns selbst – und setzen uns so unter Druck. Deshalb nehmen Burn-Out, psychische Krankheiten und stressbedingte Partnerschaftskonflikte zu.

Aber wollte der Mensch nicht immer schon alles möglichst perfekt machen?
Doch, aber er war an Frustrationen gewöhnt. Als ich Fahrradfahren gelernt habe, bin ich erstmal in den Zaun gerast – so habe ich kapiert, dass es eine Bremse gibt. Wenn jemand früher etwas nicht konnte, hat man gesagt: „Der kann es halt nicht“. Und gut war es. Heute haben wir einen permanenten universellen Druck – an sich zu arbeiten, abzunehmen, zum Therapheuten zu gehen.

Wie könnten wir glücklicher leben?
Wir müssen uns darin üben, die Dinge auseinander zu halten. Dieses Dissoziieren hilft uns, Unveränderbares nicht persönlich zu nehmen, die Ampel wird sicher nicht wegen uns rot. Doch wir nehmen uns oft wichtiger, als wir für die Welt eigentlich sind. Über sich selbst häufiger lachen zu können – das wäre ein erster Schritt.

Stephan Lermer ist Manager-Coach, Psychotherapeut und lehrt an der Universität Augsburg. Zudem hat er mehrere Bücher veröffentlicht.

Interview: Moritz Baumstieger

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