Lade Inhalte...

Gamescom Spielen ohne Grenzen

Vernetzung, Zugänglichkeit und unbegrenzte Verfügbarkeit sind die wichtigsten Trends der Gamesbranche.

20.08.2017 15:29
Steffen Haubner
Gamescom in Köln
Achterbahnfahrt mit der Virtual-Reality-Brille: Besucher bei der Gamescom 2016. Foto: dpa

Wirklich Neues steckt oft in Dingen, die alle Welt anfangs für eine schlechte Idee hält. Lange ging das Gerücht, der berühmteste Klempner der Welt werde sich mit einer Bande durchgeknallter Hasen zusammentun. Eine Kooperation des abenteuerlustigen Italieners Super Mario, der ja eigentlich Japaner ist, mit den „Rabbids“ der französischen Firma Ubisoft? So was kann ja gar nicht funktionieren! Und doch wird „Mario + Rabbids Kingdom Battle“ pünktlich zur diesjährigen Gamescom erscheinen, ein in vielerlei Hinsicht einmaliges Ereignis.

Der japanisch-europäische Brückenschlag funktioniert. Das Beispiel zeigt, wie international vernetzt die Branche mittlerweile ist. Studios aus aller Welt arbeiten Hand in Hand, nicht selten ist ein Dutzend Studios an einer großen Produktion beteiligt. Denn die Arbeitsschritte sind mittlerweile hochspezialisiert. Würden die Gamesproduzenten der derzeitigen Renaissance des Protektionismus folgen, wäre das ein existenzbedrohender Schlag gegen die Kreativität und Leistungsfähigkeit der Branche, die auf einen geschätzten Gesamtumsatz von 100 Milliarden US-Dollar zusteuert. In Deutschland waren es laut dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware 2,9 Milliarden Euro.

Nintendo öffnet sich den App-Stores

Es ist nicht das erste Mal, dass der Nintendo-Konzern über seinen eigenen Schatten springt. Lange haben die Japaner gezögert, ihre Helden abseits der eigenen Spielhardware auftreten zu lassen. Doch mittlerweile kann man Mario und Co. auch auf dem iPhone, iPad oder einem Android-Gerät das Pilzkönigreich retten lassen. Auch der japanische Gameskonzern Sega, einst ebenfalls Hersteller von Heimkonsolen, veröffentlicht seine Klassiker wie Sonic, Phantasy Star oder Virtua Tennis inzwischen in den App Stores von Apple und Google.

Eingefleischte Gamer mögen darin einen Ausverkauf sehen. Doch tatsächlich handelt es sich um eine fast zwangsläufige Entwicklung hin zu grenzenloser Verfügbarkeit, die Konsumenten in Zeiten von Amazon, Google und Netflix heute erwarten.

Lange funktionierte die Spielewelt so: Die großen Konzerne schufen sich ihre eigene Fangemeinde mit eigener Hardware, eigenen Games und eigenem Netzwerk. Dritthersteller wie Ubisoft oder Konami steuerten Spiele für alle Plattformen bei oder ließen sich exklusive Titel für einen der Kontrahenten von diesen teuer bezahlen. Nintendo, Sony und Sega teilten die Welt der Games unter sich auf, später kam Microsoft mit seiner Xbox dazu. Doch kann man in einer globalisierten, vollkommen vernetzten Welt tatsächlich noch erfolgreich Mauern errichten? Dass die Gamesbranche diese Frage längst für sich beantwortet hat, zeigt ein Beispiel. Früher erschienen neue Konsolen und Spiele meist zuerst in Schlüsselmärkten wie Japan oder den USA. Heute sind die meisten Releases international, Deutschland ist meist ganz vorne mit dabei. Monatelange Wartezeiten hinzunehmen, dazu sind immer weniger Fans bereit.

Neue Controller für bessere Zugänglichkeit

Ein weiteres Zauberwort ist Zugänglichkeit. So ist man auch beim Konsolenmarktführer Sony bemüht, Barrieren abzubauen. „Wir haben festgestellt, dass das größte Hemmnis für Nichtspieler der ungewohnte Controller ist“, erklärt Sony-Sprecher Jochen Färber. Ergebnis dieser Erkenntnis ist die neue Partyspiel-Reihe PlayLink. Dabei wird kurzerhand das eigene Handy oder Tablet zum Eingabegerät für die Playstation 4 umfunktioniert – per Gratis-App. So können bis zu sechs Mitspieler beim Kartenspiel „That’s you“ testen, wie gut sie sich gegenseitig kennen. Konkurrent Nintendo überwand mit seiner Switch die traditionelle Trennung von stationären und mobilen Konsolen. Da das Gerät gleichzeitig ein Tablet ist, lässt es sich aus der Basisstation nehmen.

Microsoft kündigte seinerseits an, die Grenzen zwischen den Spielplattformen abzubauen. Passenderweise wählten die US-Amerikaner dafür Minecraft, eine Art digitales Lego und damit ein Spiel, das wie kein zweites für die enorme von einer global kooperierenden Gamergemeinde entfesselte Kreativität steht.

Durch ein „Friendly Update“ sollen all jene zusammengeführt werden, die bislang auf dem PC, einer Xbox oder mit den mobilen Versionen für iOS und Android an ihren digitalen Parallelwelten gebastelt haben. Playstation und Nintendo-Konsolen bleiben allerdings weiter außen vor. Außerdem müssen sich die Spieler über Microsofts Server vernetzen, natürlich gegen Gebühr.

Spiele als internationale Begegnungsstätte

Während das Internet unter Cyberkriminalität, Fake News und Hassbotschaften ächzt, eröffnet die globale Vernetzung in der Welt der Videospiele neue Freiräume. Geografische Grenzen sind längst aufgehoben. Spielwelten wie „Destiny 2“ von Activision oder „Monster Hunter World“ von Capcom sind internationale Begegnungsstätten, in denen man sich wahlweise allein oder im Team ins Abenteuer stürzt.

Lag der Schwerpunkt in den vergangenen Jahren auf dem Gemeinschaftserlebnis, entdeckt die Branche nun den Solospieler wieder. Die immer größer werdenden Spielwelten der „Open World“-Games können auch allein erkundet werden, doch sobald man sich einsam fühlt, sollen auf Knopfdruck sofort Mitspieler zur Verfügung stehen.

Dazu passt, dass auch das narrative Element wieder mehr an Bedeutung gewinnt. Der Hamburger Spieleverlag Daedalic setzt seit fast zehn Jahren auf interaktives Geschichtenerzählen und hat sich damit weit über Deutschland hinaus einen Namen gemacht. Auf der Gamescom stellt Daedalic sein neues Adventure-Game „AER“ vor. „AER“ steht für eine besondere Art von Spiel, die so gar nichts mit dem Klischee des ohrenbetäubenden Actionspektakels zu tun hat, mit dem Videospiele oft verbunden werden. Stattdessen taucht man in eine ruhige Welt ein, deren außergewöhnlicher Grafikstil wie ein belebtes Kunstwerk wirkt.

Die Kreativität der Branche speist sich aus einer Quelle, deren Bedeutung auch die großen Konzerne erkannt haben: die unabhängigen Studios, auch Indies genannt. Über digitale Vertriebskanäle finden kleine Produktionen Zugang zum Markt, Youtube und die sozialen Netzwerke ersetzen die klassische Werbung. Wer Fördermittel für seine Ideen benötigt, kann diese über Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter.com einsammeln. Eine direktere Verbindung zu den Fans, die ihre Wunschprojekte selbst mitfinanzieren, ist kaum denkbar. Auf der diesjährigen Gamescom wird den Indies mehr Platz eingeräumt als je zuvor: Auf mehr als 1000 Quadratmetern stellen sie ihre neuesten Projekte vor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen