Lade Inhalte...

Gambia Das verlassene Land

In manchen gambischen Dörfern fehlt eine ganze Generation junger Männer, die in Europa ihr Glück sucht. Zurück bleiben Frauen, Alte und Kranke, die auf finanzielle Unterstützung aus der Ferne hoffen.

Ceesay, der Chef von Brutang Bolong, sieht mit Sorge den Niedergang seines Dorfes. Es gibt nicht mal genügend Fischer, um die Netze im Fluss auszulegen. Foto: Johannes Dieterich

In den Geschichtsbüchern wird Abdoulaye für immer eine bloße Nummer bleiben. Einer von mehr als 5000 Menschen, die im vergangenen Jahr beim Versuch nach Europa zu gelangen, gescheitert sind – und im Mittelmeer ertranken. „Hier hat er mir erzählt, dass er bald losziehen würde“, sagt Lamin und zeigt auf eine Holzbank, die am Ufer des mächtigen Gambia-Flusses steht: „Ich habe es ihm nicht geglaubt.“

Für sein Misstrauen hatte der Hausmeister einer derzeit leerstehenden Touristenlodge gute Gründe. Lamins bester Freund führte ein Leben, um das ihn viele beneideten: Der Touristenführer hatte einen klasse Job, kam im ganzen Land herum, verdiente nicht schlecht und fuhr abends mit dem Auto seines Vaters durch die Gegend. Trotzdem war Abdoulaye wenige Tage später weg. Da habe er natürlich gleich gewusst, was Sache ist, sagt Lamin. Und mit ihm alle anderen Einwohner des knapp hundert Kilometer östlich der gambischen Hauptstadt Banjul gelegenen Dorfs Brutang Bolong.

Dass ein junger Mann verschwindet, kommt hier ständig vor. Bereits lange vor Abdoulaye hatte sich Lamins jüngerer Bruder auf die Socken gemacht, ihm folgten zwei Söhne des Dorfchefs Bakari Ceesay, dann ein Kollege des Kunstlehrers Hassan Jarju. In fast jeder Familie Brutang Bolongs fehlt inzwischen zumindest ein männlicher Spross: Manchen Dörfern, klagen Kenner des Landes, sei eine ganze Generation junger Männern abhanden gekommen. Dann sind Frauen, Kinder und Alte auf sich selbst gestellt: Sie leben von der Hoffnung, dass die Davongelaufenen irgendwann einmal etwas Geld nach Hause überweisen.

Bei Abdoulaye kam es nicht so weit. Der 28-Jährige rief zwei Wochen nach seinem Verschwinden seinen Vater aus Libyen an: Er brauche dringend etwas Geld, um über das Meer zu kommen, ließ er wissen. Er könne nur mit einer Überweisung rechnen, wenn er unverzüglich die Heimreise antrete, soll sein Vater geantwortet haben. Schließlich muss Abdoulaye auf andere Weise an Geld gekommen sein: Wenige Wochen später erhielt seine Familie die Nachricht, dass er bei der Überquerung des Mittelmeers ertrunken sei. „Uns ist nicht einmal etwas zum Beerdigen von ihm gebliebenen“, klagt Lamin.

Von keinem anderen Land Afrikas machen sich prozentual gesehen mehr Menschen auf den Weg in den gelobten Norden als von Gambia. Dem knapp zwei Millionen Einwohner zählenden westafrikanischen Kleinstaat kamen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bereits mehr als fünf Prozent der Bevölkerung abhanden – über 100 000 Menschen. Allein im vergangenen Jahr zogen 11 300 Gambier durch den Senegal, Mali, Burkina Faso und den Niger nach Libyen, um schließlich in meist seeuntüchtigen Booten nach Italien überzusetzen. „Back Way“ nennen die Gambier die lebensgefährliche und illegale Tour, dem der „Front Way“ gegenüber steht: Dass jemand auf offiziellem Weg – also mit Visum und Flugticket – nach Europa gelangt, ist jedoch so unwahrscheinlich wie am Ufer des Gambia-Flusses auf ein Gold-Nugget zu stoßen.

Brutang Bolong werde täglich ärmer, klagt Dorfchef Ceesay. Aus Mangel an Fischern würden kaum noch Schuppentiere aus dem Fluss gefangen, der letzte Bootsbauer habe seine Werkstatt vor ein paar Monaten dichtgemacht. Fischer Musa Badjie hängte seinen Beruf wegen zu hohen Blutdrucks an den Nagel. Jetzt versucht der 56-Jährige seine mehr als 30-köpfige Großfamilie – drei Frauen, fünf Kinder, zwei unverheiratete Schwestern sowie zwei verwitwete Schwägerinnen einschließlich ihrer Kinder – durch Landwirtschaft über Wasser zu halten. An Land mangelt es dem Farmer nicht, genauso wenig an Mangobäumen. Die werfen in der Erntezeit dermaßen viele Früchte ab, dass sich die Kühe aus der Nachbarschaft damit den Bauch vollschlagen. Verkaufen kann Badjie seine Mangos allerdings nicht: In dem Kleinstaat, der weder über eine Saftfabrik noch über eine Fruchtexportfirma verfügt, gibt es keinen Markt dafür.

Jetzt baut der Farmer Wassermelonen an. Weil der alte rote Dorftraktor schon seit Jahren auf seinem Gehöft steht, ohne noch einen Mucks zu machen, und die letzte Kuh zur Beerdigung seines Vaters geschlachtet wurde, müssen die Badjies ihre Felder eigenhändig bestellen. Ohne vierrädrige oder vierbeinige Hilfe könne die Familie nicht mehr als zwei Hektar Land bewirtschaften, sagt Papa Musa: Ein Hektar gehe für den zum Eigenbedarf benötigten Mais drauf; die auf dem anderen Hektar großgezogenen Wassermelonen brächten jährlich knapp eintausend Euro ein. Davon – sowie dem Mais, den Hühnern und den Mangobergen – müssen die Badjies ein Jahr lang überleben.

Musas ältester Sohn Ousman ist 22 Jahre alt. Er hat im vergangenen Jahr Abitur gemacht, jetzt besucht er ein College für Lehramtsanwärter. In Wahrheit hat er jedoch ganz andere Pläne: Er möchte so schnell wie möglich weg von hier. Am liebsten nach Kanada, wenn’s sein muss auch in die USA, egal, wer dort regiert. „Wir beten jeden Tag, dass er eine Chance bekommt“, sagt Vater Musa. Allerdings werde er der Abreise seines Sohnes nur auf dem „Front Way“ zustimmen.

„Das sagen sie alle“, raunt mein gambischer Begleiter Pa Moudou. In Wirklichkeit sammelten die Farmer heimlich Geld, um ihren Kindern die Reise über den Back Way zu finanzieren, denn einen Front Way gibt es in Wahrheit längst nicht mehr. Die ersten Kontaktmänner der Ausreisewilligen sind einheimische Schlepper, die zumindest den Beginn bis etwa in die nigrische Wüstenstadt Agadez organisieren: Händler, Busunternehmer oder in manchen Fällen sogar muslimische Geistliche, die sich auf diese Weise noch ein Zubrot verdienen. Zur Begleichung der anfallenden Kosten verkaufen viele Familien ein Stück Land oder eine Kuh – in der Hoffnung, dass sich die Investition nach der Ankunft ihrer Gesandten in Europa auszahlt. Tatsächlich machen die Remissionen, die diese nach Hause schicken, ein stolzes Viertel des gambischen Bruttosozialproduktes aus. Überall im Land sind angefangene Häuser zu sehen, die erfolgreiche Migranten über Jahre hinweg – wann immer etwas Geld zur Verfügung steht – in die Höhe ziehen. Junge Frauen, heißt es im Dorf Brutang Bolong, seien nur noch an jenen Männern interessiert, die es im Ausland zu etwas brachten. „Wer etwas aus sich machen will“, sagt Lamin, „geht weg“.

Der Trend sei inzwischen außer Kontrolle geraten, meint Kunstlehrer Hassan Jarju: Das einstige Migrantenrinnsal habe sich zu einem reißenden Strom ausgeweitet. Seine Schüler redeten von Europa wie vom Schlaraffenland: Im inzwischen allgegenwärtigen Satellitenfernsehen würden sie täglich mit dem nördlich des Mittelmeeres angeblich geführten Dolce Vita konfrontiert. Er und seine Kollegen suchten solchen Träumen realistische Bilder vom kläglichen Leben der Migranten in europäischen Lagern oder überfüllten Wohnheimen entgegenzusetzen: Das sei jedoch genauso wirkungslos, wie einen süchtigen Raucher vor den Gefahren einer verteerten Lunge zu warnen. Auch Lamins ungläubigem Lächeln ist zu entnehmen, dass er den Berichten vom armseligen Migrantenleben in Europa nicht traut. Er habe über Facebook ganz andere Geschichten gesehen, sagt der Hausmeister, der uns seinen Gehalt – wohl aus Scham – nicht verraten will: „Das Leben dort ist so viel cooler als hier.“ Die Migration sei zu einer regelrechten Mode geworden, erklärt Kunstlehrer Jarju: „Wer cool oder mutig sein will, macht sich vom Acker.“

In seinem Büro in der Hauptstadt Banjul berichtet EU-Botschafter Attila Lajos von den Versuchen der Union, der Abwanderungswelle etwas entgegenzusetzen: Etwa indem in den Herkunftsländern wirtschaftliche Anreize geschaffen würden. Staaten, die bereit sind, in Europa abgeschobene Migranten aufzunehmen, würden mit Entwicklungsprojekten belohnt, sagt der Diplomat aus Ungarn: So werde den jungen Männern zu Hause eine Perspektive geboten. Ob das Konzept aufgeht, konnte bis jetzt noch nicht nachgewiesen werden. In Gambia war bis vor kurzem der exzentrische Diktator Yahya Jammeh an der Macht, der donnerstags Aids-Kranke mit Bananen und Gebeten zu heilen vorgab und sich an allen anderen Tagen der Woche aus der Staatskasse bereicherte. Jegliche Zusammenarbeit mit ihm sei unmöglich gewesen, sagt Botschafter Lajos: Dem 22 Jahre lang regierenden Despoten sei der Exodus seiner Bevölkerung gerade recht gekommen. Sorgten die Migranten mit ihren Überweisungen doch für ein Viertel der ansonsten schwindenden Wirtschaftskraft des Landes.

Kürzlich haben sich die Gambier ihres Schwerenöters entledigt, doch dass die Abwanderung deshalb zu einem Stillstand kommen wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Migration aus Afrika werde eher von Aspirationen als von Armut oder repressiver Herrschaft angeregt, weiß Hein de Haas, Gründungsmitglied des Internationalen Migrationsinstituts in Oxford. In bettelarmen Hungerländern wie Malawi, dem Niger oder Südsudan ist die Bevölkerung viel zu sehr mit dem bloßen Überleben beschäftigt, um aufwändige Pläne zum Ausreisen schmieden zu können. Und in Bürgerkriegsstaaten wie Burundi, dem Osten des Kongos oder der Zentralafrikanischen Republik sind die Menschen schon froh, wenn sie sich im Nachbarland in Sicherheit bringen können. Die überwiegende Mehrheit der nach Europa drängenden Afrikaner kommt aus Ländern wie Nigeria, Ghana, Gambia, Äthiopien oder dem Senegal, deren Bevölkerung es sich leisten kann, von einem besseren Leben zu träumen – und sich in seine Richtung auf den Weg zu machen. In einem afrikanischen Land für Entwicklung zu sorgen, könnte die Migration sogar noch anregen, statt sie zum Versiegen zu bringen.

„Mama Afrika“ ziert sich ein wenig, aber dann sagt sie es doch: Oft sei es ihr peinlich, wenn sie in Deutschland auf ihre Landsleute stoße. Die meisten von ihnen hätten niemals einen Beruf erlernt, viele von ihnen könnten weder lesen noch schreiben: „Kein Wunder, dass sie ihr Geld dann im Drogenhandel verdienen.“ Die Künstlerin, die ihre Gemälde mit Isha Fofana signiert, aber in ihrer Heimat als „Mama Afrika“ verehrt wird, spricht fließend Deutsch und hat in Köln studiert. Bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten hatte sie ihre Heimat verlassen – als Teil der „ersten Generation“ von Migranten, die noch auf dem Front Way, mit Visum und Flugticket, nach Europa gelangten. Die zweite Generation machte sich schon ohne Papiere auf den Weg, gefolgt von der dritten Generation, die nach Fofanas Überzeugung keine der Bedingungen für eine auch nur vorübergehende Integration in einen europäischen Staat mitbringt. Unterdessen wurde der Front Way praktisch dicht gemacht: Ausgerechnet jene Migranten, die dem Gastland etwas zu bieten hätten, bleiben also ausgesperrt.

Zum Arsenal der europäischen Abwehrwaffen gehören laut EU-Botschafter Lajos außer den Entwicklungsprojekten in den Herkunftsländern auch der Kampf gegen das Schlepperwesen sowie schärfere Aufnahmekontrollen in Europa. Wie erfolgreich diese Anstrengungen sein werden, muss sich noch herausstellen. Was in jedem Fall fehlt, ist nach Auffassung des Migrationsexperten de Haas die Öffnung des Front Ways: Die Chance für ausgebildete und hochmotivierte Afrikaner, ihre Kenntnisse und Finanzen in Europa aufzumöbeln – auch zum Nutzen ihrer Heimat, in die sie Geld überweisen und irgendwann später erfahrener zurückkehren werden. Eine solche Möglichkeit würde nicht nur den Aufenthalt der Migranten in Europa verkürzen (weil sie sich nicht auf Gedeih oder Verderb im Norden festhalten müssen), sondern könnte den frustrierten gambischen Jugendlichen auch als Ansporn dienen, meint Mama Afrika: „Für sie macht es dann wieder Sinn, sich zu Hause anzustrengen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen