Lade Inhalte...

Gambia Bildung für Taibatou

Toni Baba Drammeh aus Gambia weiß, wie gefährlich die Flucht nach Deutschland ist – er hat sie überlebt. Nun engagiert er sich dafür, anderen diese Erfahrungen zu ersparen und die Armut in seiner Heimat zu bekämpfen.

Schulkinder in Gambia
Auch wenn sie es in diesem Moment nicht zeigen: Bambo, Buba und Landing freuen sich über ihre neuen Hefte. Foto: Drammeh

„Das ist der gefährlichste Teil der Flucht“, weiß er heute. Das Auto könne auf diesem Abschnitt jederzeit beschossen oder bombardiert werden. Als der Fahrer Wind von einer möglichen Falle bekam, entschied er sich für einen Umweg

durch die Berge. Immer wieder musste sich die Gruppe verstecken, immer wieder wurden die Fahrer gewechselt, bevor sie schließlich nach zwei Wochen die Ausläufer der libyschen Hauptstadt erreicht hatten. „In Tripolis hörten wir, dass ein Fahrzeug hinter uns angegriffen wurde. Das waren Flüchtlinge, wie wir. Die Rebellen hatten sie verfolgt. Man hat das Auto gefunden, alle wurden getötet, etwa 40 Leute – wurde erzählt“, erinnert sich Baba.

In Tripolis fand er diverse Jobs, erhielt nochmal etwas Geld von seinem Onkel. Auch wenn er den womöglich härtesten Teil der Fluch nun hinter sich hatte, trennte ihn von seinem Ziel noch immer das Mittelmeer. Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge kamen seit 2014 mehr als 10 000 Geflüchtete auf dem Mittelmeer ums Leben - alleine in diesem Jahr bislang wieder etwa 1500 Menschen. Baba gelang es, einen Platz auf einem Schlauchboot zu ergattern – für 500 Euro, die Hälfte dessen, was üblich ist. Auf dem Boot waren noch 75 andere Flüchtlinge. Zwei Tage und eine Nacht auf dem Meer. Die Monate der Flucht hatten ihn abgestumpft: „Entweder ich überlebe oder ich sterbe“, sagte er sich – „ich hatte keine Angst mehr.“ Das Boot verlor etwas Luft, nach und nach schwappte immer mehr Wasser hinein. Die Menschen weinten. „Wir wussten nicht, wo wir waren und auch nicht, wo wir hin mussten“, erzählt er. Der Kompass war bei einem Streit über Bord gegangen. Auf dem Schlauchboot, erinnert sich Baba, war auch ein zweijähriges Kind. „Es schrie während der ganzen Fahrt“, sagt er. Doch: „Als irgendwann fast alle Menschen in dem Boot zu weinen anfingen, begann das Kind zu lachen – da dachte ich dann, dass es vielleicht gut wird.“ 20 Minuten später – und fünfeinhalb Monate, nachdem Baba Gambia verlassen hatte – sahen sie das Schiff der Küstenwache.

Ankunft und Rückkehr

Es folgten viele harte Monate in Sizilien. Manchmal gab es Arbeit, nicht immer. Als Tagelöhner auf Orangenplantagen zum Beispiel. Teilweise für zehn Euro am Tag. „Die wussten, wir brauchen Arbeit – und für uns war das viel Geld“, sagt Baba. Immerhin ein Viertel seines Monatslohns in Gambia – an einem Tag. Doch Baba wollte weiter – nach Deutschland. Früher war sein Vater einige Zeit in Deutschland gewesen, um Geld zu verdienen. Baba hatte gehört, man könne dort viel leichter 300 Euro im Monat erarbeiten. Schließlich machte er sich auf den Weg nach München, kam ohne Kontrolle über die Grenze und beantragte später Asyl. Anfang 2016, als er in Göttingen Freunde besuchte, lernte er Laura kennen. Ende Dezember 2016 heirateten sie, mittlerweile lebt das Paar in Bremerhaven, Und Baba arbeitet als Produktionshelfer bei einem Fischproduzenten.

Ende des vergangenen Jahres schließlich kehrte Baba, mehr als vier Jahre nach dem Beginn seiner Flucht, für einige Wochen nach Taibatou zurück. Die mehr als 20-jährige Diktatur Jammehs war beendet, Adama Barrow seit wenigen Monaten als neuer Staatspräsident im Amt. Einiges hatte sich verändert, manches nicht, berichtet Baba: „Armut herrscht nach wie vor, das ändert sich nicht. Aber es gibt jetzt Meinungsfreiheit. Du kannst sagen, was du willst und wo du willst. Und meiner Familie geht es gut, weil wir Geld runterschicken.“

Doch die neu gewonnene Freiheit bringt auch Probleme mit sich: „Derzeit ist die Freiheit zu viel für uns“, wie Baba es formuliert. Als Beispiel führt er einen Streit mit dem Nachbardorf an. In Zentrum der Zankerei liegt ein Reisfeld, das beide Ortschaften beanspruchen. Unter Jammeh war das Feld für alle da, alle konnten es bestellen – und alle hatten Reis. „Jetzt wird um das Feld gestritten und es gibt überhaupt keinen Reis“, klagt Baba. „Mit der Selbstverwaltung sind sie jetzt überfordert, sie können das nicht. Woher auch? Nach 20 Jahren Diktatur. Wer in Europa Verwandtschaft hat, kann überleben, der Rest ist noch ärmer als zuvor.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen