Lade Inhalte...

Gambia Bildung für Taibatou

Toni Baba Drammeh aus Gambia weiß, wie gefährlich die Flucht nach Deutschland ist – er hat sie überlebt. Nun engagiert er sich dafür, anderen diese Erfahrungen zu ersparen und die Armut in seiner Heimat zu bekämpfen.

Schulkinder in Gambia
Auch wenn sie es in diesem Moment nicht zeigen: Bambo, Buba und Landing freuen sich über ihre neuen Hefte. Foto: Drammeh

Baba hat es geschafft. Bis nach Deutschland. Hat eine Frau kennengelernt, die heute seine Ehefrau ist. Und er hat eine Arbeit gefunden, die es ihm ermöglicht, seine Familie in Gambia zu unterstützen. „Baba ist also eigentlich ein schlechtes Beispiel“, sagt Laura Bohlmann-Drammeh. Zumindest für die Ziele des Vereins „Better Life Gambia“, den sie und ihr Mann, Toni Baba Drammeh, voriges Jahr gegründet haben. Denn sie wollen die Menschen in dem winzigen Land an der westafrikanischen Küste dazu ermutigen, zu bleiben und die Lebensumstände dort zu verbessern, anstatt sich auf den langen und gefährlichen Weg nach Europa aufzumachen, für den sie sich nicht nur hoch verschulden, sondern den zu viele mit dem Leben bezahlen.

Auch Baba Drammeh hat die Flucht nach Europa gewagt. Und hatte viel Glück auf dem Weg nach Deutschland. So gesehen ist seine Geschichte eine Erfolgsgeschichte; eine, die Hoffnung macht.

Babas Geschichte beginnt im Jahr 2013 in Gambia, genauer in Taibatou. Der Ort im Osten des Landes hat ein paar Tausend Einwohner, die genaue Zahl kennt niemand. Damals herrschte Staatspräsident Yahya Jammeh über die rund zwei Millionen Gambianer. „Jammeh war ein Diktator“, sagt Baba. „Aber unsere Familie unterstützte die Oppositionspartei“. Ein friedliches und ruhiges Leben sei somit kaum möglich gewesen, sagt der heute 31-Jährige. Man konnte nicht frei über Politik sprechen – hörte ein Anhänger Jammehs mit, konnte das Probleme bedeuten. „Aber der Hauptgrund meiner Flucht war die Armut“, sagt er heute.

Und die war und ist weit verbreitet: Seinen Job als Busfahrer hatte Baba schon länger verloren. Seine Anstellung lief über eine westliche Nichtregierungsorganisation, die in Geldnot geriet. Der Grund dafür war eine Steuererhöhung – oder in anderen Worten: Jammeh wollte westliche Einflüsse in seinem Land so gering wie möglich halten. So arbeitete Baba als Taxifahrer, doch das Einkommen reichte nicht aus, um seine Mutter und seine zwei Geschwister – der Vater war 2011 gestorben – sowie Verwandte zu versorgen. Das musste er zwar nicht alleine, hätte jedoch umgerechnet 200 bis 250 Euro beitragen müssen. Soviel kann er seiner Familie inzwischen monatlich zukommen lassen. Doch sein Monatslohn betrug damals lediglich 40 Euro. Dennoch gelang es ihm, über die Jahre etwas anzusparen, und er brach, ohne seine Familie in seine Pläne einzuweihen, nach Europa auf – mit rund 200 Euro in der Tasche.

Auf der Flucht

Schon nach fünf Tagen erreichte Baba den Niger, mit Bussen über den Senegal, durch Mali und Burkina Faso. Doch Fahrt und Verpflegung waren nicht billig: „Ich war mitten im Nirgendwo und hatte noch zehn Euro“, erinnert er sich. Aber zurückgehen war keine Option.

Baba rief seinen Onkel in Spanien an, bat um Hilfe. Dieser war von den Fluchtplänen nicht begeistert, schickte ihm dennoch 100 Euro. Auf Trucks oder mit 50 Menschen völlig überladenen Pick-Ups ging es durch die Wüste.

Das Ziel: Libyen. „Du kannst dich nicht bewegen, es ist extrem eng“, beschreibt Baba die fünftägige Passage. Doch der fehlende Komfort war das kleinere Problem. Das Größere war die Angst vor Wegelagerern: „Sie halten die Trucks an und nehmen den Flüchtlingen ihr Geld ab. Wenn du kein Geld und Pech hast, töten sie dich.“ Dreimal gelang es dem Fahrer, den Gruppen zu entkommen, bis eine der Gangs sie schließlich kurz vor der libyschen Grenze stoppte. Baba hatte kein Geld, dafür Glück im Unglück. Sie schlugen ihn, ließen ihn aber weiterziehen.

Im Süden des damals wie heute unruhigen Libyens fand er Arbeit, er versorgte Kamele und Kühe für rund vier Euro am Tag. Mit weiteren 60 Euro seines noch immer verstimmten Onkels konnte sich Baba bald die Weiterfahrt nach Sabha leisten, 770 Kilometer südlich von Tripolis an der Mittelmeerküste. Baba fand verschiedene Jobs. Ein Zimmer, das er sich mit 40 anderen Flüchtlingen teilte, um Geld zu sparen, kostete ihn 17 Euro im Monat. Nach drei Monaten hatte er 400 Euro zusammen, so viel kostet eine Fahrt durch die Sahara im Pick-Up nach Tripolis – mit 37 Personen im und auf dem Fahrzeug.

„Das ist der gefährlichste Teil der Flucht“, weiß er heute. Das Auto könne auf diesem Abschnitt jederzeit beschossen oder bombardiert werden. Als der Fahrer Wind von einer möglichen Falle bekam, entschied er sich für einen Umweg

durch die Berge. Immer wieder musste sich die Gruppe verstecken, immer wieder wurden die Fahrer gewechselt, bevor sie schließlich nach zwei Wochen die Ausläufer der libyschen Hauptstadt erreicht hatten. „In Tripolis hörten wir, dass ein Fahrzeug hinter uns angegriffen wurde. Das waren Flüchtlinge, wie wir. Die Rebellen hatten sie verfolgt. Man hat das Auto gefunden, alle wurden getötet, etwa 40 Leute – wurde erzählt“, erinnert sich Baba.

In Tripolis fand er diverse Jobs, erhielt nochmal etwas Geld von seinem Onkel. Auch wenn er den womöglich härtesten Teil der Fluch nun hinter sich hatte, trennte ihn von seinem Ziel noch immer das Mittelmeer. Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge kamen seit 2014 mehr als 10 000 Geflüchtete auf dem Mittelmeer ums Leben - alleine in diesem Jahr bislang wieder etwa 1500 Menschen. Baba gelang es, einen Platz auf einem Schlauchboot zu ergattern – für 500 Euro, die Hälfte dessen, was üblich ist. Auf dem Boot waren noch 75 andere Flüchtlinge. Zwei Tage und eine Nacht auf dem Meer. Die Monate der Flucht hatten ihn abgestumpft: „Entweder ich überlebe oder ich sterbe“, sagte er sich – „ich hatte keine Angst mehr.“ Das Boot verlor etwas Luft, nach und nach schwappte immer mehr Wasser hinein. Die Menschen weinten. „Wir wussten nicht, wo wir waren und auch nicht, wo wir hin mussten“, erzählt er. Der Kompass war bei einem Streit über Bord gegangen. Auf dem Schlauchboot, erinnert sich Baba, war auch ein zweijähriges Kind. „Es schrie während der ganzen Fahrt“, sagt er. Doch: „Als irgendwann fast alle Menschen in dem Boot zu weinen anfingen, begann das Kind zu lachen – da dachte ich dann, dass es vielleicht gut wird.“ 20 Minuten später – und fünfeinhalb Monate, nachdem Baba Gambia verlassen hatte – sahen sie das Schiff der Küstenwache.

Ankunft und Rückkehr

Es folgten viele harte Monate in Sizilien. Manchmal gab es Arbeit, nicht immer. Als Tagelöhner auf Orangenplantagen zum Beispiel. Teilweise für zehn Euro am Tag. „Die wussten, wir brauchen Arbeit – und für uns war das viel Geld“, sagt Baba. Immerhin ein Viertel seines Monatslohns in Gambia – an einem Tag. Doch Baba wollte weiter – nach Deutschland. Früher war sein Vater einige Zeit in Deutschland gewesen, um Geld zu verdienen. Baba hatte gehört, man könne dort viel leichter 300 Euro im Monat erarbeiten. Schließlich machte er sich auf den Weg nach München, kam ohne Kontrolle über die Grenze und beantragte später Asyl. Anfang 2016, als er in Göttingen Freunde besuchte, lernte er Laura kennen. Ende Dezember 2016 heirateten sie, mittlerweile lebt das Paar in Bremerhaven, Und Baba arbeitet als Produktionshelfer bei einem Fischproduzenten.

Ende des vergangenen Jahres schließlich kehrte Baba, mehr als vier Jahre nach dem Beginn seiner Flucht, für einige Wochen nach Taibatou zurück. Die mehr als 20-jährige Diktatur Jammehs war beendet, Adama Barrow seit wenigen Monaten als neuer Staatspräsident im Amt. Einiges hatte sich verändert, manches nicht, berichtet Baba: „Armut herrscht nach wie vor, das ändert sich nicht. Aber es gibt jetzt Meinungsfreiheit. Du kannst sagen, was du willst und wo du willst. Und meiner Familie geht es gut, weil wir Geld runterschicken.“

Doch die neu gewonnene Freiheit bringt auch Probleme mit sich: „Derzeit ist die Freiheit zu viel für uns“, wie Baba es formuliert. Als Beispiel führt er einen Streit mit dem Nachbardorf an. In Zentrum der Zankerei liegt ein Reisfeld, das beide Ortschaften beanspruchen. Unter Jammeh war das Feld für alle da, alle konnten es bestellen – und alle hatten Reis. „Jetzt wird um das Feld gestritten und es gibt überhaupt keinen Reis“, klagt Baba. „Mit der Selbstverwaltung sind sie jetzt überfordert, sie können das nicht. Woher auch? Nach 20 Jahren Diktatur. Wer in Europa Verwandtschaft hat, kann überleben, der Rest ist noch ärmer als zuvor.“

Als er zurück nach Deutschland kam, berichtet seine Frau, war er geschockt: „Die Leben da wie die Tiere – es geht nur ums Essen und das reine Überleben“, soll er gesagt haben. Bei Baba nahm derweil bereits in Gambia eine Idee Gestalt an: „Früher war ich wie die Kinder heute in meinem Dorf. Die Mädchen helfen den Müttern beim Waschen und Kochen, die Jungen kümmern sich um die Tiere.“ Doch der beste Weg, um Armut zu bekämpfen, sei es, die Kinder zur Schule zu schicken. Baba sagt, er habe inzwischen verstanden, wie wichtig Bildung sei. „Ich war nie in meinem Leben in einer Schule. Ich habe Schwierigkeiten zu lernen, auch deutsch. Doch kleine Kinder hier lernen lesen und schreiben. Auch Laura kann alles – ich habe keine Ausbildung, ich kann so vieles nicht. Und auch wenn du kein Geld hast, dann kannst du mit Bildung etwas erreichen.“ Darum gründeten die beiden ihren Verein „Better Life Gambia“. Seit Januar ist er als gemeinnützig anerkannt.

Für ein besseres Leben

Das Problem in Taibatou ist, dass kaum eine Familie das Geld hat, die Kinder in die Schule zu schicken. Laut Unesco lag die Alphabetisierungsrate in Gambia 2013 bei 60 Prozent, andere Quellen geben den Wert teils deutlich niedriger an. Im ländlichen Taibatou gehen „nur etwa 20 Prozent der Kinder zur Schule“, sagt Baba. Den Familien für den Schulbesuch einfach Geld zu geben, ist aber keine Option. „Ich kenne Gambia, ich weiß wie es läuft“, sagt Baba, der befürchtet, damit lediglich die Farmen zu finanzieren. Dabei kostet die Schule selbst noch nicht einmal etwas, die Klassen eins bis zwölf von der Primary bis zur Senior Secondary School können die Kinder in Taibatou kostenlos besuchen – sie ist sogar für alle fußläufig zu erreichen. Aber die meisten scheitern jedoch bereits an der Beschaffung einer Schuluniform, ganz zu schweigen von einem Rucksack, Büchern und Schulmaterial, das ständig neu eingekauft werden muss. Und genau das haben Laura und Baba organisiert. „Es ist Wahnsinn“, sagt Laura, „eine Uniform kostet gerade einmal sieben Euro. Die Leute leben von der Hand in den Mund, die haben absolut nichts.“ Das Geld aus Deutschland für die Uniformen ging beispielsweise direkt an den Schneider.

In den ersten Monaten sind durch „Better Life Gambia“ nach und nach immer mehr Jungen und Mädchen eingeschult worden. Das neue Schuljahr steht bevor, insgesamt hat der Verein nun 70 Kinder in die Schule gebracht. „Das sollen natürlich noch mehr werden“, sagt Laura, „wir können aber nicht alles aus eigener Tasche schultern“ - der Verein ist auf Mitglieder und Spender angewiesen. Und die Kinder sollen dauerhaft unterstützt werden, schließlich schreiben sie ihre Hefte voll, brauchen neue Bücher und wachsen aus ihren Uniformen. „Das ist schon langfristig angelegt.“ Zudem braucht es Nachhilfelehrer, die mit den Kindern Hausaufgaben machen – die Eltern können ihre Kleinen nicht unterstützen, da sie selbst nicht lesen und schreiben können.

Das Schulsystem in Gambia ist im Hinblick auf die Fächer, die unterrichtet werden, mit hiesigen Schulen vergleichbar. Baba hat seine Kontakte vor Ort, beispielsweise einen Cousin, der einen Kiosk neben der Schule betreibt. Wenn ein Kind auf die Idee kommt, die Schule zu schwänzen, bleibt das auch bei „Better Life Gambia“ niemandem vorenthalten. Tabadinding und Tubabo – der Onkel und die weiße Frau – wie die Kinder die beiden nennen, bleiben stets auf dem Laufenden. „Sie gehen gerne zur Schule. Sie fühlen sich wie Könige und Königinnen“, berichtet Baba.

Und vielleicht wird es den Königen und Königinnen auf diesem Weg leichter fallen, später einmal ihre Familien zu ernähren. Vielleicht ist später niemand von ihnen so verzweifelt, die Bomben in Libyen und die Gefahren des Mittelmeeres in Kauf zu nehmen, um in Europa kein Asyl zu erhalten. Denn nicht alle Geschichten finden ein Happy-End. Und sicherlich gibt es zahlreiche únd auch finanzkräftigere Hilfsorganisationen und Vereine, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Probleme der afrikanischen Bevölkerung im Kleinen zu verbessern. Doch vielerorts kommt außer dem Geld der nach Europa Geflohenen gar nichts oder zu wenig an - wie in Taibatou. Bei „Better Life Gambia“ gehe es nicht nur ums Geld, sagt Laura, „es geht auch darum, auf die Situation in dem Land aufmerksam zu machen.“ Auch wenn sie bereits von ersten Erfolgen in Taibatou berichten können, wissen die beiden: „Bis jetzt ist es nur ein ganz kleiner Tropfen auf einem sehr heißen Stein.“ Es wird noch viele Tropfen benötigen, bis die Armut in Taibatou niemanden mehr in die Flucht treibt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen