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G8-Gipfel Italiens Mutter Courage

Vor zehn Jahren wurde Haidi Giulianis Sohn getötet. Seitdem kämpft sie für Gerechtigkeit und ist für die Medien zu einer Stimme gegen die Staatsgewalt geworden.

20.07.2011 15:49
Julius Müller-Meiningen
Gedenken an Carlo Giuliani, der bei Prostesten gegen den G8-Gipfel 2001 in Genua starb. Foto: dpa

Vor zehn Jahren wurde Haidi Giulianis Sohn getötet. Seitdem kämpft sie für Gerechtigkeit und ist für die Medien zu einer Stimme gegen die Staatsgewalt geworden.

Wenn Italiens Bürger gegen ihren Staat demonstrieren und es dabei zu Gewalt kommt, steht Haidi Giuliani schnell im Rampenlicht. Sie wird dann gerne um Kommentare und Stellungnahmen gebeten. Neulich zum Beispiel, als es zwischen der Polizei und Gegnern der Hochgeschwindigkeits-Trasse Turin-Lyon im norditalienischen Val Susa zu Zusammenstößen kam, baten Journalisten die 68-jährigen Frau um eine kritische Einschätzung und sie enttäuscht nicht: „Der eigentliche Gewalttäter ist der Staat, der die Ausschreitungen provoziert und die wahren Motive der pazifistischen Bewegung verheimlichen will“, sagte Giuliani einer Nachrichtenagentur und wurde damit häufig in italienischen Medien zitiert. Seit jenem verhängnisvollen Tag im Juli vor zehn Jahren will man in Italien wissen, was Haidi Giuliani denkt, wenn der Staat gegen Demonstranten vor geht.

Am Nachmittag des 20. Juli 2001 ist Carlo Giuliani, der damals 23 Jahre alt Sohn von Haidi, während der Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel in Genua durch den Schuss aus der Pistole eines Carabiniere getötet worden. Die Mutter verlor ihr Kind, aber die italienische Protestbewegung hatte von diesem Zeitpunkt an ihre Mutter Courage. Haidi Giuliani ist seitdem zu so etwas wie einer moralischen Instanz in Fragen der Staatsgewalt geworden .

Nie gab es einen Prozess

„Nach dem Tod von Carlo wurde ich förmlich in die Öffentlichkeit gezerrt“, erzählt sie am Telefon. Ihre Stimme klingt dabei brüchig. Aber angeblich hat das nichts mit dem zehnjährigen Todestag ihres Sohnes zu tun. Giuliani, die früher als Grundschullehrerin unterrichte, sagt, für sie persönlich unterscheide sich dieser Gedenktag nicht von den neun Jahrestagen zuvor. „Ich hätte gerne mein Privatleben weiter gelebt, aber das war nicht möglich.“ Bis heute sagt sie, gelingt es ihr nicht zur Ruhe zu kommen. „Ich kann einfach nicht vergessen, weil Carlo bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren ist“, sagt sie.

Nach wie vor versuchen sie und Carlos Vater, Giuliano, die wahren Umstände des Todes ihres Sohnes klären zu lassen. Nie gab es einen Prozess, die Ermittlungen gegen den damals 21 Jahre alten Polizisten wurden 2003 eingestellt, weil die Untersuchungsrichterin befand, der Carabiniere habe in Selbstverteidigung gehandelt.

Die offizielle Version ist seither die vom Aggressor Carlo Giuliani, der mit einem Feuerlöscher auf einen Polizisten in einem blockierten Jeep losging. Die Eltern wollen dieses Bild nicht akzeptieren. „Das ist Desinformation“, sagt Giuliani. Sie ist überzeugt, ihr Sohn sei Opfer eines Unrecht-Staates geworden, die Wahrheit werde verschleiert.

2006 wurde Haidi Giuliani auf der Liste der Kommunistischen Partei in den italienischen Senat gewählt, sie sollte die Untersuchungskommission zu den erwiesenen Übergriffen der Polizei auf Demonstranten beim Gipfel in Genua aus der Nähe verfolgen. Doch die Kommission wurde nie eingesetzt. Haidi Giuliani fühlte sich überflüssig in Rom. „Ich war ehrlich gesagt erleichtert, als die Regierung 2008 stürzte und ich nach Hause zurück kehren konnte“, sagt sie heute.

Doch Haidi Giuliani blieb nicht in ihrer Heimatstadt Genua. Sie begann durch Europa zu reisen. Rastlos ist sie bis heute unterwegs, als Gastrednerin auf Diskussionsveranstaltungen in Berlin, London, Madrid, Paris oder Athen. Sie engagiert sich in einem Gedenkverein für ihren Sohn und in einem Netzwerk für die Opfer staatlicher Gewalt.

Oft wenden sich auch andere Eltern an sie, besorgte Müttern und Vätern, deren Kinder ebenfalls durch dubiose Umstände und die Gewalt des Staates ums Leben kamen. Aus Mailand erhielt sie jüngst ein Anruf. Die Eltern eines jungen Mannes, der bei einer Polizeikontrolle gestorben war, fragen um Rat. Giuliani nimmt sich Zeit für sie.

In den vergangen Wochen kümmert sie sich allerdings um die Kultur-Veranstaltungen zum zehnjährigen Jahrestags des G-8-Gipfels von 2001. Sie organisiert Theater- und Musikaufführungen. Aber eigentlich, so sagt ein Mitarbeiter, sei Haidi überall dabei. „Solange sie weiter macht, sind auch wir zuversichtlich“, versichert Rita Lavaggi, die Gedenkveranstaltung in Genua koordiniert. Haidi sei eine kleine, aber unglaublich starke Frau.

Mittendrin in der Bewegung

Sie ist vor allem eine Frau, die mitmischt, im „movimento“. So nennt Giuliani die Protest-Bewegung, die 2001 zusammenkam und sich nun in Genua wieder trifft. Das ist ihre Welt: G-8-Gegner, die Demonstranten im Val di Susa, aber auch die junge Protestbewegung aus Spanien. „Ich habe seit 2001 keinen einzigen G-8-Gipfel ausgelassen“, erzählt Giuliani stolz. Ihre Mission fasst sie so zusammen: „Es ist der Widerstand dagegen, dass wenige Reiche ihre Interessen verfolgen und immer reicher werden.“

Ihre Kämpfe kosten Kraft. Den Rest der Zeit zieht sich Haidi Giuliani zurück und schlüpft in die Rolle der Großmutter. Carlos Schwester Elena ist inzwischen selbst Mutter geworden. „Das ist die Rolle, in der ich mir eigentlich am Besten gefalle“, sagt Haidi Giuliani.

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