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Freizeit Soziale Medien statt Sozialleben

Die Deutschen stehen auf Berieselung: Laut aktueller Studien vertrödeln sie ihre Zeit am liebsten mit großen Monitoren oder kleinen Displays. Das ist zu wenig – finden zumindest die Experten.

Freizeit-Monitor
„Alles voll schön hier“: Whatsapp ist wichtiger als Wassersport. Foto: dpa

Ja, ja. Wäre da nur nicht der Schweinehund … Die Deutschen würden ja gerne. Theoretisch könnten sie auch, bei gerade mal einem Fünftel ihrer Zeit, die sie im Jahr auf der Arbeit verbringen. Aber sie kriegen einfach „den Hintern nicht hoch“.

Das flapsige Fazit konnte sich Ulrich Reinhardt nicht verkneifen, als der Zukunftsforscher am Mittwoch den 31. Freizeit-Monitor vorstellte. Statt rauszugehen und sich mit Freunden zu treffen, schreibe man sich demnach lieber gegenseitig bei Whatsapp, Facebook und Co., wie schön eben das doch mal wieder wäre – am Ende siege aber nur die Trägheit. „Dabei geben zwei Drittel der Bundesbürger an, ausreichend Freizeit zu haben“, so der Wissenschaftler von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Diese hat im Juli rund 2000 Bundesbürger ab 14 Jahren danach befragt, wie sie ihre Freizeit verbringen.

Durch alle Generationen hinweg ist auch in diesem Jahr der Fernseher die Freizeitbeschäftigung Nummer 1 der Deutschen. Ein Trend, der seit der ersten Befragung 1993 bei den alljährlich durchgeführten Freizeitstudien unangefochten anhält.

Aktuell gaben 95 Prozent der Befragten an, regelmäßig fernzusehen. Allerdings nicht nur, um sich zu informieren oder zu unterhalten, kommentiert Reinhardt. Es gehe auch darum, „Stress abzubauen und zu entspannen. Viele genießen gerade am Abend die Berieselung zu Hause auf dem Sofa als einen Kontrast zur Hektik des Alltags.“

Der Flimmerkasten bekommt allerdings Konkurrenz: Den Studien zufolge ist in den letzten fünf Jahren die Smartphone- und Internet-Nutzung auf dem Vormarsch. Die Folge: Soziale Medien statt Sozialleben. Selbst da, wo die Deutschen doch mal „den Hintern hochkriegen“, geben Facebook, Instagram und Co. den Ton an. „Eventisierung der Kultur“ sagt Reinhardt dazu: „Heute hasten die Menschen eher von Highlight zu Highlight. Es geht darum, möglichst viel zu erleben, um sich damit dann auf den sozialen Medien zu präsentieren.“

Deshalb gingen die Menschen zum Beispiel lieber auf ein Rock-Konzert statt etwa von der Pieke auf ein Instrument zu erlernen. „Die Menschen wenden sich weniger häufig künstlerischen Tätigkeiten zu, weil es erstens mehr Alternativen gibt. Aber auch deshalb, weil Musizieren oder Zeichnen oder Schreiben Konstanz erfordert“, sagt Reinhardt.

Dazu passt, dass auch regelmäßiger Sport, etwa in Fußballvereinen, nicht unter den zehn liebsten Freizeitbeschäftigungen rangiert. Sportliche Ertüchtigung sei zwar im Vergleich zu den letzten Jahren im Aufwind, sagt Reinhardt, doch geben aktuell nur ein Drittel der Befragten an, einmal pro Woche Sport zu treiben. 

Legt man eine ebenso am Mittwoch veröffentlichte Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) daneben, haben die Deutschen damit eindeutig Nachholbedarf in Sachen Bewegung. Nach der im Fachmagazin „The Lancet Global Health“ veröffentlichen WHO-Erhebung ist die Zahl der Menschen, die zu wenig Sport treiben oder im Alltag nicht aktiv genug sind, zuletzt um über 15 Prozent gestiegen – ein Trend, der typisch sei für Menschen in reicheren Ländern.

Dabei ist nach Ansicht der WHO das Soll an körperlicher Ertüchtigung mit 150 Minuten Bewegung oder 75 Minuten Sport pro Woche bereits erfüllt. Bis 2030 will die WHO denn auch erreichen, dass sich Menschen mehr bewegen, und wünscht sich dabei die Politik auf ihrer Seite: Diese sei zum Beispiel gefordert, Fahrradwege sicherer zu machen und für mehr Sportstätten zu sorgen.

Auch Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen verteilt Hausaufgaben, allerdings mehr in Richtung Elterngeneration: „Wer musisch und künstlerisch aktiv ist, fühlt sich wohler, deshalb sollten Eltern das gegen den Trend bei Kindern fördern. Auch dann, wenn es Kindern heute schwer fällt, sich mit einer Sache über längere Zeit zu beschäftigen.“

Im Zweifel müsse man die Kinder zu ihrem Glück zwingen, letztlich stehe der soziale Kitt der Gesellschaft auf dem Spiel, wenn der Trend in Richtung Sozialer Medien statt Sozialleben anhält: „Ein Orchester zum Beispiel hat etwas enorm Gemeinschaftsstärkendes. Das ist enorm förderlich für den sozialen Kitt der Gesellschaft. Auch wenn ich darin nur die Blockflöte spiele.“

Das Meinungsbild, das die Freizeit-Studie ebenso abfragte, macht dem Wissenschaftler da ein wenig Hoffnung: Nur die wenigsten wollten ihren Medienkonsum weiter steigern, sich doch lieber treffen, als passiv vor dem Fernseher zu verweilen. Wäre da eben nur nicht die Sache mit dem Schweinehund …

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