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Freitod Die letzte Reise

Irmgard C. ist 93 Jahre alt, als sie beschließt, mithilfe einer Sterbehilfe-Organisation aus dem Leben zu gehen. Ihre Schwiegertochter hat sie begleitet und erzählt die Geschichte einer starken Frau.

29.10.2011 23:24
Lea Söhner
Jahre der Neugier und Lebenslust: Irmgard mit 68 Jahren. Foto: Privat

Sie wirkt filigran und zerbrechlich, als sie an der Hand ihres groß gewachsenen Sohnes aus dem Flughafengebäude kommt. Ihr Schritt scheint unsicher, aber sobald die fast blinde alte Dame mit dem vornehmen Hut das vor ihr liegende Terrain erfasst hat, geht sie entschlossen und leicht.

Mit dieser ruhigen Entschlossenheit hat sie am Morgen zum letzten Mal ihre Haustür hinter sich geschlossen. Die Wohnung am Eilbek-Kanal in Hamburg war seit 53 Jahren ihr geliebtes Zuhause gewesen. Sie hat die Nacht zum letzten Mal in ihrem elektrisch verstellbaren Bett geschlafen, sich zum letzten Mal die Zähne in ihrem Badezimmer geputzt. Was mag wohl in ihr vorgegangen sein?

Hier in Stuttgart steigt sie zu mir ins Auto, um den letzen Abschnitt ihrer Lebensreise anzutreten. Nach Zürich – zum Sterben.

Irmgard ist 93 Jahre alt, vital und geistig klar. Ihre Lebendigkeit steht in seltsamem Gegensatz zu den Gebrechen, die sie hat. Knochenschwund im Kiefer, Makula-Degeneration, Schlaganfallfolgen, Herzprobleme. Bis zum Schluss lebt sie alleine, einige Menschen unterstützen sie. Aber ihre Selbstständigkeit hängt am seidenen Faden: ein weiterer Schlaganfall, der Bruch ihres Kiefers, die unaufhaltsame Erblindung könnten sie über Nacht zum Pflegefall machen. Für eine Dame wie Irmgard C. wäre das undenkbar. Sie hat – so scheint es – bis zum letzten Moment gewartet. Solange sie reisefähig ist, solange sie nicht durch einen Schlaganfall sprechunfähig ist, kann sie ihren Tod selbst bestimmen.

Preußische Disziplin, perfekte Manieren

1917 wurde Irmgard in das kaisertreue, wohlhabende Bildungsbürgertum hineingeboren. Aufgeklärt, aber mit präzisem Standesbewusstsein. „Wohne über Deinem Stand, kleide Dich gemäß Deinem Stand und iss unter Deinem Stand“ – dies zeichnet das Lebensgefühl dieser Familie aus. In der großen Wohnung in Berlin ist ein Dienstmädchen selbstverständlich. Man ist vornehm genug, nicht auf andere herabzuschauen. Es liegt ein Hauch Arroganz in dieser Toleranz. Preußische Disziplin, perfekte Manieren, Eigenständigkeit, Freiheit im Denken, Vernunft und Pflicht sind essenzielle Eigenschaften.

Irmgard ist eine humorvolle, lebendige, neugierige, quirlige und sehr aufgeschlossene Persönlichkeit. Der Freitod gehört zu ihrem Lebensentwurf, ist Teil ihres Selbstausdrucks.

Seit ich meinen Mann Gerhard kenne, telefonieren die beiden jeden Sonntagvormittag. Für ihn ist sie weniger Mutter als gute Freundin. Sie erzählen sich alles Erlebte, diskutieren und kommentieren. Dann ist meist wieder Sendepause bis zur nächsten Woche.

Irmgard war Kriegswitwe. Auf ihren einzigen Sohn passte tagsüber ihre Schwägerin auf, während sie selbst arbeiten ging, als Sekretärin. Man wohnte unter einem Dach, Irmgard mochte ihre Schwägerin nicht besonders und wollte doch, dass diese ihren Sohn nicht nur betreute, sondern auch erzog. Gerhard sollte kein Muttersohn werden. Wie viel sie diese Disziplin gekostet hat, kann ich nur ahnen. Bei all ihrer Liebe hat sie immer Distanz zu ihrem Sohn gehalten. Mit 19 Jahren schickte sie ihn weg. Er sollte auf eigenen Füßen stehen, hinaus in die Welt ziehen, kein Stubenhocker werden. Als es ihr in den letzten Wochen vor ihrem Tod immer schlechter ging, riet ich Gerhard, seine Mutter täglich von Stuttgart aus anzurufen. Das war ihr bald zu viel. Jeden zweiten Tag würde auch reichen, beschied sie.

Das Erstgespräch mit dem Züricher Arzt können wir noch am selben Tag führen. Ein fülliger Mittsechziger mit grauem Vollbart, gelbem T-Shirt, verwaschenen Jeans und seinem Körpergewicht entsprechend breitgetretenen Birkenstock-Sandalen erwartet uns am Treppenabsatz. Ein Alm-Öhi. Die große Praxis ist vollgestopft mit Büchern, Medikamentenschachteln, medizinischen Kleingeräten, Karteikästchen, Nippes aller Art, Spielzeugautos auf der Vorhangschiene, Heizlüfter auf dem schadhaften Stuhl, ausgestopfte Vögel neben modernen Radierungen an der Wand, der Schreibtisch voller Papiere, das unvermeidliche Stethoskop irgendwo dazwischen – ein unübersichtliches Durcheinander von wichtigem und unwichtigem Krimskrams. Dieser Doktor wird jederzeit genau wissen, wo er was findet. Sicher jedoch kein anderer.

Dr. Q. ist das Gegenteil eines Halbgottes in Weiß. Die bei Ärzten oft zu spürende Arroganz desjenigen, der es besser weiß, fehlt völlig. Statt weißem Kittel treffen wir auf menschliches Interesse, statt Krankenakte auf genaues Zuhören, statt milder Herablassung auf echte Freundlichkeit.

Gerhard und ich sollen am Gespräch teilnehmen. Dr. Q. lässt zu Beginn nichts unversucht, Irmgard alle medizinischen Möglichkeiten aufzuzeigen, die ihr doch noch einige gute Jährchen ermöglichen könnten. Irmgard muss sehr für sich und ihre Entscheidung einstehen. Mir schwant Schlimmes. Sollte dieser Arzt Irmgards Vorhaben nicht zustimmen, müsste sie unverrichteter Dinge wieder zurück nach Hamburg reisen. Dies käme für sie einer Katastrophe gleich.

Erlebnis im Pflegeheim

Mit dem Freitod befasst sie sich schon seit vielen Jahren. Für sie war immer klar: Bevor sie pflegebedürftig wird, wird sie gehen. Den letzten Anstoß gab ihr ein Erlebnis beim Besuch einer alten Freundin im Pflegeheim. Die Frau im Nachbarbett verlangte von der Schwester die Bettschüssel. Die Pflegerin empfahl ihr, doch ruhig ins Bett zu machen, sie würde es nachher saubermachen.

Dr. Q. hört irgendwann auf zu insistieren und fragt Gerhard nach seiner Meinung. Dieser vergleicht seine Mutter mit einer alten Indianerin, die bewusst und entschlossen ihren Weg geht auf den Berg, ihrem Ende entgegen, solange sie noch kann. Als Dr. Q daraufhin umschwenkt, wissen wir plötzlich, dass er Irmgards Wunsch von Anfang an respektiert hat. Die Stimmung entspannt sich schlagartig. Irmgard strahlt fast, die Unterhaltung wird fröhlich und verbindlich. Die beiden haben es gut miteinander.

Etwa eine Woche vor der Reise in die Schweiz erzählte sie dem Rest der Familie von ihrem Plan. Niemand sollte versuchen, sie umzustimmen, deshalb hatte sie so lange damit gewartet. Gerhards erste Frau, seine beiden Töchter, die Urenkel: Alle kamen nacheinander, um sich zu verabschieden. „Heute war Doris hier. Wir haben viel gelacht“ ertönte eines Tages Irmgards glockenhelle Stimme auf dem AB meines Mannes. Die beiden erzählen sich manchmal Dinge auf den Anrufbeantworter.

Abschied nehmen und loslassen haben Irmgards Leben tief geprägt. Ihre vielen Bücher und Haushaltsgegenstände, ihr Tafelsilber und ihre Bilder verschenkt sie schon seit Monaten. Nach und nach hat sie ihren Haushalt sortiert und geleert, begleitet von den Worten „wenn ich einmal nicht mehr bin“.

Sie war als junge Frau begeistert von der nationalsozialistischen „Revolution“. Hitler selbst war dieser Familie zwar zu plebejisch. „Er ist was fürs Volk – das braucht es eben“, sagte man damals. Sie gehörte zu jener handverlesenen Menge, die 1943 im Berliner Sportpalast mit Goebbels für den totalen Krieg schreien sollte. Sie hat nicht geschrien, das war ihr zu laut und zu volkstümlich. Aber für die Sache war sie schon.

Und sie hat dafür bezahlt. Wenn man dafür überhaupt bezahlen kann. Nach dem Krieg hatte sie – wie viele andere – alles verloren: den Vater, den Bruder, die Wohnungen, das Vermögen, ihren Mann und ihr erstgeborenes Kind. Sie blieb übrig – mit Gerhard im Rucksack.

Als ich sie an unserem allerletzten Abend auf der Terrasse meines Züricher Gartenhäuschens bei einem schönen Abendessen und einem Glas Wein frage, wann sie gemerkt habe, welchem Wahnsinn sie aufgesessen war, erwidert sie knapp: „Viel zu spät.“ Pause. Für einen Moment ist es sehr still am Tisch, dann beginnt Irmgard zu plaudern. Wie ihr der Fisch geschmeckt hat, den ich vorhin serviert hatte, der letzte Urlaub in Italien … Sie hat immer etwas zu erzählen. Manchmal habe ich das Gefühl, ihre vielen Worte sollen von dem ablenken, was sie nicht sagt.

Irmgard kennt den Abschied

Ihren tiefsten Schmerz hat sie immer gut verborgen gehalten. Ihr Mann Ernst, ein U-Boot-Kommandant, war die Liebe ihres Lebens. Aufgrund der übermenschlichen Anstrengung dieser Aufgabe wurden U-Boot-Kommandanten damals sehr früh „in Rente“ geschickt. In seinem Fall mit 33 Jahren kurz vor Kriegsende. Er hätte nicht mehr hinaus fahren müssen und tat es trotzdem. Aus Pflichtgefühl und vor allem, weil seine Frau von ihm die Erfüllung seiner Pflicht erwartete. Von dieser Fahrt ist er nicht zurückgekehrt. Auf welch schreckliche Weise ihr Bruder ums Leben gekommen war, erfahren wir erst an diesem Abend. Im Plauderton, scheinbar beiläufig, sagt sie, dass ihr Bruder in russischer Gefangenschaft zu Tode gefoltert worden war. Auch von ihrem ersten Kind spricht sie, das bei der Geburt starb.

Ja, Irmgard kennt den Abschied. Den lachenden, fröhlichen, auch den besinnlichen, traurigen. Und sie kennt den Abschied in tiefster Verzweiflung.

Später denke ich: Man muss nicht alles in einem Leben verarbeiten. Man darf auch Trauer und Schuld, sogar Hader mit in den Tod nehmen. Wie Kompost, kommt mir in den Sinn. Aus Abfällen macht der Tod gute Muttererde. Wir alle gehen unvollständig. Das ist tröstlich und entspannend.

Das behördlich vorgeschriebene Zweitgespräch mit dem Arzt ist weniger lang, entspannt, anrührend. Es entwickelt sich eine zutiefst menschliche warmherzige Unterhaltung zwischen den beiden. Zwischendurch oft herzliches Lachen. Irmgard hatte schon immer die Angewohnheit, einmal grazil die Hände zusammenzuklatschen, wenn sie sich besonders amüsierte. Das macht sie auch heute. Zwischendurch kommen Tränen, die sie mit der Spitze ihres weißen Taschentuchs unter den Augen abtupft.

Dr. Q. erklärt ihr, dass sie – falls sie bei ihrem Beschluss bliebe – zwei Medikamente einnehmen würde. Zuerst Magentropfen, damit später das „letzte Medikament“ schnell in den Dünndarm und damit ins Blut gelangen kann. Darauf folge eine mindestens halbstündige Wartezeit, bevor dieses endgültig „letzte Medikament“ eingenommen werden kann. Noch einmal erklärt der Arzt Irmgard in aller Eindringlichkeit, dass sie jederzeit in letzter Sekunde abbrechen kann. Immer wieder zeigt er ihr jede denkbare Möglichkeit auf, am Leben zu bleiben.

„Alles läuft nach Ihrem Willen, egal, wie Sie sich entscheiden“, sagt der Arzt schließlich. „Das ist gut so“ kontert Irmgard und steht auf. Das Gespräch ist beendet. Auf eine sanfte Art war Irmgard immer Respekt gebietend. Ohne große Worte ließ sie nie Zweifel an ihrem Willen. Zum Abschied nimmt der Arzt sie gerührt in den Arm. Ihre preußisch-zurückhaltende Körperreaktion verrät erstauntes, aber freundliches Befremden.

Den letzten Termin ihres Lebens hat Irmgard am nächsten Morgen um 11 Uhr. Bei Dignitas. Kurz vor 10 Uhr fahre ich beim Gasthof vor. Sie sitzt auf der Terrasse – zierlich, nachdenklich, in sich ruhend. Ganz Dame, klassischer Stil, schwarzer Hut, cremefarbene Sommerjacke, altrosafarbene Stehkragenbluse. Ihre perfekt manikürten Hände ruhen auf der Handtasche. Als sie mich erkennt, breitet sie wie immer lachend ihre Arme aus zur Begrüßung. Wir trinken am See einen letzten Cappuccino und genießen das herrliche Juniwetter. Die Appenzeller Alpen zeigen sich dezent hinter dem Dunstschleier. Die Bedienung fotografiert uns zu dritt.

Freundlichkeit und Ruhe

Dignitas besitzt ein kleines Haus am Rande des Gewerbegebietes einer Kleinstadt im Kanton Zürich. Ein herrlicher Garten, von hohen Büschen umgeben, ein Goldfischteich, eine Tischgruppe unter dem Vordach geben eine geborgene, fokussierte Atmosphäre.

Der Sterbebegleiter kommt uns entgegen. Er streckt herzlich die Arme aus zur Begrüßung. Im Haus erwartet uns eine junge Frau, die zweite Sterbebegleiterin. Wieder bestimmen Freundlichkeit und Ruhe das Geschehen. Vor allem die Ruhe ist es, in der sich die Menschlichkeit entfalten kann. Ich bin berührt.

Mit Grausen erinnere ich mich an einen Vorfall in einem kirchlichen Altenheim, in dem ich als Studentin manchmal gejobbt habe: Beim Abräumen des Frühstückstabletts sehe ich, dass eine Bewohnerin im Sterben liegt. Ich hole die Pflegedienstleiterin. Als wir ins Zimmer kommen, liegt die Frau da wie tot. Sofort reißt die Schwester die Decke weg, zieht der Verstorbenen das Nachthemd aus, bindet ihr das Kinn hoch. Gleich ist nämlich unsere Vesperpause. Plötzlich ein kurzes tiefes Schnaufen: Die tot Geglaubte schlägt die Augen auf, lächelt matt und flüstert: „Ich bin ihm noch mal von der Schippe gesprungen“. Sie hat noch zwei Monate gelebt.

Noch einmal muss Irmgard mehrere Papiere unterschreiben: dass sie nicht alkoholisiert sei, dass sie klar bei Verstand sei, dass sie frei entscheide.

Die beiden Sterbebegleiter geben Irmgard zu verstehen, dass sie jederzeit wieder gehen kann. Dass sie selbst entscheiden darf, wann sie die Medikamente einnehmen will. Dass sie sich den ganzen Tag Zeit genommen hätten. Es würden zwei Medikamente eingenommen, erklären nun auch sie. Dazwischen liege mindestens eine halbe Stunde Pause. „Dann kann ich ja schon mal anfangen“ sagt Irmgard und verlangt nach den Magentropfen.

Danach geht der große Sohn an der Hand der kleinen zarten Mutter langsam in den Garten. Es ist alles gesprochen. Sie sitzen nebeneinander auf dem Bänkchen vor dem Goldfischteich mit dem Rücken zu uns. Eine Aura von Stille und Liebe umgibt die beiden. Mir kommen die Tränen. Später wird mir Gerhard erzählen, dass auch sie leise geweint hat. Hier schließlich nimmt die Mutter Abschied von ihrem geliebten Sohn. Sie hat ihm einmal gesagt, dass sie nur für ihn am Leben geblieben sei, damals nach dem Krieg. Er hatte sie als Kind oft weinen hören, wenn er abends im Bett lag. Neben der Trauer um die geliebten Menschen, die sie verloren hatte, quälte sie ein Gefühl persönlicher Schuld. Sie war schließlich Nazi-Anhängerin gewesen. Dass sie diese Frage nach der Schuld nicht verdrängte, hat sie am Ende auch zu einer respektablen Persönlichkeit gemacht.

Jahrelang ließ wohl nur Pflichtgefühl sie weitermachen. Erst 1954, in den Ferien mit einer Freundin am Schweizer Vierwaldstättersee, der ersten Reise seit sehr langer Zeit, hat sie sich wieder für das Leben entschieden. Sie ist verändert zurückgekommen aus diesem Urlaub. Von da an hatten Freude, Neugier und Lebenslust wieder ihren Platz. Irmgard C. gab sich eine zweite Chance. Gern hat sie gelebt – bis heute.

Auf der Terrasse im Sitzen sterben

Die beiden kommen zurück auf die Terrasse. Die halbe Stunde ist noch nicht um. Irmgard erzählt Belanglosigkeiten, die beiden Sterbegeleiter hören aufmerksam zu. In mir breitet sich enorme Spannung aus, ich habe Kopfschmerzen. Gerhard geht es ebenso, das sehe ich ihm an. Zwischen ihren Plaudereien fragt Irmgard unvermittelt, ob sie hier auf der Terrasse im Sitzen sterben kann. Selbstverständlich geht das. Sie verlangt nach dem „letzten Medikament“. Die folgende Szene wird für den Staatsanwalt gefilmt. Der Sterbebegleiter gibt Irmgard den Plastikbecher und fragt: „Ist Ihnen bewusst, was passiert, wenn Sie das trinken?“ Irmgard antwortet mit fester Stimme in die Kamera: „Ich will aus dem Leben gehen.“ Trinkt.

Ich setze mich sofort zu ihr auf die Bank, nehme sie in den Arm. So viel körperliche Nähe hatte sie früher nicht zugelassen. Sacht lehnt sie sich an mich. Gerhard hält ihre Hand. In den nächsten Minuten wird ihr Atem immer schwächer. Wir sitzen zusammen in einem zeitlosen Raum. Noch einmal ein kräftiges Einatmen, kein Ringen nach Luft. Einatmen. Ausatmen. Fertig. Sie hat bis zuletzt ihren Hut getragen. Jetzt nehmen wir ihn ab. Der Kopf ist nach vorne gefallen. Kurze Zeit später stehen wir auf. Ich merke, dass meine Knie zittern. Einatmen. Durchatmen. Schweigen. Sie bleibt sitzen, fällt nicht um. Selbst im Tod bewahrt sie Haltung, fährt es mir durch den Kopf. Ich betrachte sie noch einmal. Sie ist schon weit weg, das ist spürbar.

Das Bild des Sensenmannes mit dem schwarzen Mantel ist völlig unpassend. Der Archetyp des Todes sollte vielmehr eine Frau sein, die das Menschlein freundlich in ihre Arme nimmt und mit großer Zärtlichkeit in die Anderswelt führt. Sie summt ein Wiegenlied dabei. Das Lied der dunklen Göttin. Dankbar schließt man die Tür nach draußen.

Der See, der Sommer, die Berge, die Luft, die Wärme, die Bäume. Wie schön ist es doch, zu leben! Ich spaziere mit Gerhard am See entlang. Wir müssen uns bereithalten für Polizei und Staatsanwaltschaft. Das Undramatische, Unspektakuläre dieses Todes bewegt mich. Auf unserer Welt schwirrt es von einem einzigen Kommen und Gehen. Wir werden geboren, laufen ein paar Mal hin und her, und eines Tages sind wir tot. Das ist alles.

Was ich erlebt habe in den letzten zwei Tagen ist ein Geschenk des Lebens an mich. Einen ruhigen, liebevollen, schmerzfreien, bewussten Tod miterleben zu dürfen ist eine besondere Kostbarkeit. In seinem Inneren geht jeder Mensch die letzten Schritte seines Lebens allein. In diesem Alleingehen liegt eine große Würde. Egal welche Art zu gehen, der Mensch wählt – er sollte selbst wählen dürfen. Ich habe heute für mich eine tiefe Erfahrung gemacht, auch wenn ich ahne, dass dies einmal nicht meine Art zu gehen sein wird.

Irmgard hat ihre eigene Traueranzeige formuliert: „Es ist geschafft. Nach einem sehr langen Leben voller Höhen und Tiefen habe ich nun das Ende gefunden, das ich mir gewünscht habe.“ Gerhard hat seine Karte dazu gelegt: „Ich nehme Abschied von einer wunderbaren Frau, die meine Mutter war. In tiefer Dankbarkeit.“

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