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Frauennotruf „Das glaubt dir keiner“

Gudrun Wörsdörfer, Sozialarbeiterin und Beraterin beim Frauennotruf in Frankfurt, sagt, nach dem Kachelmann-Urteil trauten sich künftig weniger vergewaltigte Frauen Anzeige zu erstatten.

01.06.2011 01:00
Gudrun Wörsdörfer, Sozialarbeiterin, ist Beraterin beim Frauennotruf in Frankfurt am Main. Foto: privat

Frau Wörsdörfer, welche Wirkung hat der Kachelmann-Prozess nach ihrer Erfahrung auf vergewaltigte Frauen?

Er hat Frauen, die sowieso schon verunsichert sind, noch mehr verunsichert. Viele schwanken nach einer Vergewaltigung ohnehin sehr stark, ob sie Anzeige erstatten sollen oder nicht, weil sie nicht wissen, was das für sie bedeutet. Es gibt kein eindeutiges Signal aus der Gesellschaft, dass Vergewaltigung in keinem Fall geduldet wird. Dieses Gefühl hat der Kachelmann-Prozess jetzt noch einmal verstärkt.

Was fürchten die Frauen?

Sie haben Angst, öffentlich auseinandergenommen zu werden – dass ihr Vorleben abgefragt wird und ihnen am Ende niemand glaubt. Anzeigen heißt ja, die Verantwortung zum Täter schieben. Für die Frauen ist das heikel, weil ein eventueller Freispruch bedeutet, dass der Täter von Schuld freigesprochen wird. Damit müssen sie dann auch klarkommen.

Nun ist aber Kachelmann prominent. Was lässt die Frauen glauben, dass ihr Prozess ähnlich verlaufen würde?

Auch bei Verfahren ohne prominente Beteiligung gibt es die Erfahrung, dass es oft nicht so gut ausgeht – mal abgesehen von ganz dramatischen Fällen, wo sehr viel Gewalt angewendet wurde. Es gibt einfach zu wenig objektive Beweise wie die aufgebrochene Tür oder die durchwühlte Wohnung. Der Kachelmann-Prozess hat noch mal deutlich gemacht: Zentral ist die Aussage der Frau, auf der das ganze Verfahren basiert, und die Gegenseite versucht, diese Aussage zu demontieren. Das fängt schon damit an, dass der Mann nach der Tat sagt: Das glaubt dir eh keiner.

Was bedeutet der Freispruch von Kachelmann?

Ich denke, dass er für Frauen die Hürde erhöht, Anzeige zu erstatten. Nicht, dass wir uns missverstehen: es geht nicht darum, dass es zu einem Urteil mit dramatischem Strafmaß kommt. Die Frauen, die ich hier in der Beratungsstelle sehe, sind nicht von Wut- und Rachegedanken getrieben. Sie wollen, dass der Mann die Verantwortung für das übernimmt, was er getan hat.

Haben sich seit Beginn des Kachelmann-Prozesses weniger Frauen an Sie gewandt?

Nein, wir haben sogar eine Zunahme von Anrufen von vergewaltigten Frauen gehabt; ob das jetzt unbedingt mit dem Prozess zusammenhängt, kann man nicht eindeutig sagen. Frauen reagieren oft verzögert, die meisten rufen nicht direkt nach der Tat an sondern Wochen, Monate oder gar Jahre später. Sie versuchen, erstmal selber klarzukommen.

Wie hilft man diesen Frauen?

Viele kommen in die Beratung und sagen, ich bin vergewaltigt worden, aber ich kann das nicht anzeigen, denn ich habe mich nicht gewehrt. Wer mit so einer Haltung zur Polizei geht, steht natürlich erstmal nicht so gut da. Im Prinzip sind wir natürlich dafür, dass Anzeige erstattet wird. Aber wenn nicht angezeigt wird, wollen wir, dass das nicht aufgrund von Vorbehalten und Vorurteilen passiert, sondern aufgrund einer realistischen Einschätzung. Wir überreden die Frauen nicht, aber versuchen, sie zu ermutigen und ihnen genügend Hilfe und Unterstützung an die Hand zu geben, dass sie sich diesen Weg vorstellen können. Damit sie nicht erst nach Jahren kommen und sagen: Ich habe damals nicht angezeigt, weil ich mich nicht getraut habe.

Interview: Sabine Hamacher

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