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Frankreich Juwelier wegen tödlicher Schüsse auf Räuber vor Gericht

Ein Juwelier erschießt einen Räuber und steht als mutmaßlicher Mörder in Nizza vor Gericht.

Stephan Turk
Stephan Turk im Gerichtssaal. „Nein zum Gesindel, ja zu Schusswaffen“, schallte es. Foto: Imago

Der Strafprozess hat eben erst begonnen. Die Anklage lautet auf Mord. Vor dem Schöffengericht steht ein Mann, dem man anzusehen glaubt, dass das Leben ihm nichts geschenkt hat: Stephan Turk, 72 Jahre alt, das Gesicht zerfurcht, Schatten unter den Augen, Inhaber eines im Zentrum von Nizza gelegenen Juweliergeschäfts.

Eben dort war es passiert. Ein paar Sekunden, nachdem zwei bewaffnete Männer Turk überfallen, 12.000 Euro und zwei Kilo Gold entwendet hatten, feuerte er den auf einem Moped davon fahrenden Tätern hinterher, tötete einen von ihnen. Und in Nizza findet nun auch das gerichtliche Nachspiel statt. Ein Berufsrichter und acht Schöffen haben zu entscheiden, ob der Juwelier als Mörder hinter Gitter gehört oder als ehrenwerter Geschäftsmann hinter den Ladentisch.

Während die Justiz freilich nach gut viereinhalb Jahre währenden Ermittlungen noch um ein Urteil ringt, hat das Volk seines längst gefällt. Auf Freispruch lautet es. Mehr noch. Auf Facebook erfährt der mutmaßliche Mörder breite Anerkennung. Eine von ihm eingerichtete Seite verzeichnet 1,6 Millionen Likes und jede Menge Zuspruch.

Solidaritätskundgebungen gab es ebenfalls. Angeführt von Nizzas konservativem Bürgermeister Christian Estrosi haben 1000 Menschen vor dem Justizpalast der Stadt demonstriert. „Nein zum Gesindel, ja zur Schusswaffe“, schallte es zu den Richtern hinauf.

So manche Bestandserklärung geht weit über das hinaus, was Turks Anwalt geltend macht: dass nämlich der Juwelier nicht Täter, sondern Opfer ist, dass er in Notwehr zur Waffe gegriffen, nicht auf den Mann, sondern auf das Moped gefeuert hat. Als Rächer wird der Schütze im Netz gefeiert, als jemand, der sich in Zeiten wachsender Gewaltkriminalität nicht alles gefallen lässt.

Turk selbst dürfte darüber wenig glücklich sein. Als Rächer steht er schließlich vor Gericht. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat der Juwelier geschossen, als er außer Gefahr war, die Täter bereits auf einem Moped davonbrausten. „Das war keine Notwehr, diente nicht der Abwehr eines noch andauernden Angriffs, das war Selbstjustiz“, versichert die Staatsanwältin Caroline Chassain.

Die Anklagevertreterin stützt sich auf den Befund des Gerichtsmediziners, wonach die tödliche Kugel den auf dem Moped hinten sitzenden 19-jährigen Anthony Asli im Rücken traf, sowie auf Videoaufnahmen und Zeugenaussagen.

Turk nähert sich demnach an jenem verhängnisvollen 11. September 2013 gegen 8.45 Uhr seinem Geschäft. Das Metallgitter vor der Ladentür gleitet nach oben. Turk schaltet die Alarmanlage aus, tritt ein, schließt die Glastür hinter sich, lässt das Gitter bis auf Hüfthöhe wieder hinabgleiten. Als er den Ladentisch erreicht, bricht die Glastür unter den Fußtritten zweier Männer. Die Eindringlinge tragen Helme, halten Schusswaffen in der Hand. Einer der beiden schlägt auf Turk ein, fordert ihn auf, den Safe zu öffnen.

Mit dem Lauf einer Waffe an der Wange kniet der Juwelier nieder, tut, wie ihm geheißen, verstaut den Inhalt des Safes in einem ihm gereichten Sack. Die Räuber eilen dem Ausgang entgegen, ergreifen im Vorbeigehen im Schaufenster ausgelegten Schmuck. Draußen schwingen sie sich auf einen Motorroller. Sieben Sekunden vergehen, für Turk womöglich entscheidende sieben Sekunden. Nach ihrem Ablauf erst erreicht er das halboffene Gitter an der Ladentür. Jetzt erst kniet er nieder, zückt eine widerrechtlich in seinem Besitz befindliche Pistole, zielt auf die davonbrausenden Täter, gibt drei Schüsse ab.

Die Hinterbliebenen des tödlich getroffenen Anthony Asli haben ihr Urteil ebenfalls bereits gefällt. Für sie ist Turk ein Mörder. Als Nebenkläger sitzen sie im Gerichtssaal. Ihr Anwalt, Philippe Soussi, appelliert an das Gericht, dem Druck der Straße nicht nachzugeben. „Die öffentliche Meinung hat ihr Urteil bereits gefällt, ohne Beweisaufnahme, ohne Verhandlung“, sagt Soussi. Aber in einem Rechtsstaat sei noch immer die Justiz und nicht Facebook zur Urteilsfindung berufen.

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