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Frankreich Die Barbie-Ministerin

Frankreichs Vorzeige-Politikerin Rachida Dati glänzt vor allem auf Dinnerpartys. Nur manchmal spotten Kommentatoren: "Sie hätte in diesem Aufzug auch gut in einem Softporno auftreten können."

26.08.2008 00:08
MARTINA MEISTER
Szene aus einem Juristenkongress. Foto: dpa

Es war ein gerader Aufstieg, kometenhaft: Als Rachida Dati im Sommer vergangenen Jahres zur Justizministerin Frankreichs berufen wurde, war sie der Star der neuen Regierung, schön, jung und mutig. Ein Einwandererkind, das ganz oben angekommen war.

Ein gutes Jahr nach dem Regierungswechsel hat sie bereits alle Sympathiepunkte verspielt. Sie hat den Groll der Richter, Staatsanwälte und Anwälte auf sich gezogen, die Kritik der Opposition und sogar in ihrer eigenen Partei, der UMP, hat sie sich viele Feinde gemacht. Der "brave Soldat Dati", die Frau mit der eisernen Disziplin, die sich rühmt, wenig zu schlafen und noch weniger zu essen, die Symbolfigur des neuen Frankreichs, ist vom Sockel gefallen.

In der Öffentlichkeit hat sich das Bild einer harten, aber unfähigen Frau durchgesetzt: arrogant, launisch, vor allem selbstverliebt. Am Absturz ihrer Beliebtheitswerte wird vermutlich auch ihr Blog nichts ändern, den die 42-Jährige kürzlich ins Netz gestellt hat. Unter www.Rachida-Dati.tv darf man ihr bei der Arbeit zusehen: Rachida hier, Rachida dort. Immer lächelnd, immer perfekt angezogen. Nur, so spöttelte ein sozialistischer Abgeordneter: "Sie betritt ein Gefängnis so, als würde sie die Stufen des Filmfestivals von Cannes hochsteigen."

Zwölf enge Mitarbeiter sind der Ministerin im ersten Jahr davongelaufen, darunter ihr Kabinettschef. Auch politisch vermochte die Justizministerin nicht zu überzeugen. Ihre Gesetzesentwürfe wurden kritisiert, ihre Justizreform ist halbherzig, und die Verfassungsreform durfte sie nicht einmal selbst vorstellen, weil sie in der Nationalversammlung bis dahin keinen einzigen überzeugenden Auftritt gehabt hatte.

Auf den Dinnerpartys der Pariser Gesellschaft macht sie dagegen eine umso bessere Figur. Dazu tragen auch ihre teuren Kleider bei. Kürzlich wurde bekannt, dass Dati bei Dior über eine "permanente Garderobe" verfügt, ein Privileg, das sonst nur Schauspielerinnen haben, die sich aus der laufenden Kollektion Kleider aussuchen dürfen. Nur die ganz großen Stars dürfen diese auch behalten. Bei den anderen gilt das ungeschriebene Gesetz, dass man die Roben nach Gebrauch ganz schnell wieder zurückbringen lässt.

Dati hat das offenbar nicht nötig: Das Haus Yves Saint Laurent forderte sie wochenlang auf, Kleidung im Wert von knapp 40.000 Euro zurückzubringen. Die Ministerin stellte sich taub. Erst als das Modehaus mit einer Anzeige drohte, tauchten die Kleider plötzlich auf.

Wieso, fragte die Ministerin entnervt, interessiere man sich eigentlich mehr für ihre Garderobe als für ihre Reformen? Gute Frage. Dati reagiert auf Kritik mit dem immergleichen Muster und vermutet überall Missgunst.

Dabei stand sie anfangs wirklich für den vom Präsidenten versprochenen Bruch: Unter Sarkozy, so schien es, zählt nicht die Herkunft, nicht die Hautfarbe, sondern allein die Leistung. Meritokratie nennt man das. Die Botschaft ihrer Nominierung und auch die der jungen Staatssekretärin Rama Yade lautete: Man muss nur wollen.

Und Dati wollte. Zweites Kind von insgesamt zwölf, aufgewachsen in einer Sozialbauwohnung in Chalon-sur-Saône, die Eltern waren Analphabeten, hat sie es nicht nur zur Ministerin, sondern auch gleich noch zur Bürgermeisterin im bourgeoisen 7. Bezirk von Paris gebracht, wo man anfangs schimpfte, sie solle sich dort hinscheren, wo sie hergekommen sei.

Kurze Zeit war Dati sogar "titeltauglich", wie es der Chefredakteur des Tratschmagazins Voici formulierte: "Mit ihr auf dem Cover verkauft sich ein Heft besser als mit jeder französischen Schauspielerin." Das dürfte nun vorbei sein.

Auf dem Höhepunkt ihrer kurzen Karriere als politisches Starlet posierte Dati im rosa-roten Dior-Seidenkleid mit Panthermuster auf dem Titelblatt des People-Magazins Paris Match. Im Inneren des Heftes erwartete den Leser eine ganze Fotostrecke, aufgenommen in einem Pariser Nobelhotel. Für das Shooting hatte Madame la Ministre schwarze Netzstrümpfe und sehr spitze, sehr hochhackige Stiefel angelegt.

Sie hätte in diesem Aufzug auch gut in einem Softporno auftreten können. "Die Stiefel einer Sado-Queen", spottete ein Kommentator, ein anderer machte sie zur "Barbie-Ministerin". Es heißt, etliche Berater hätten ihr von diesem Auftritt abgeraten, aber Dati war, wie immer, stur: Sie war schließlich die Bling-Bling-Ministerin des Bling-Bling-Präsidenten.

Doch das war im Dezember vergangenen Jahres, wenige Tage bevor die "Presque Première Dame Dati", wie das Frauenmagazin Elle scherzte, überraschend abgelöst wurde. Datis kurze Zeit als Interims-Firstlady, da die Justizministerin den Präsidenten auf jeder Auslandsreise hat begleiten dürfen, war mit einem Mal beendet: Abgang Dati, Auftritt Bruni. Eine Chance verpasst, ein Stern erloschen. Es steht zu befürchten, dass die Ministerin dies als ihren größten Misserfolg verbuchen wird.

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