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Frankreich Der angepasste Nachwuchs

Das Thema Kindererziehung ist in Frankreich ausdiskutiert, die Kleinen wissen sogar, wie man sich im Restaurant benimmt.

10.11.2018 22:02
The entrance of the Fouquet's restaurant on the Champs Elysees in Paris is pictured
Kein Geschrei, kein Gezappel. Foto: rtr

Wie machen die das nur? Staunend beobachtet so mancher Deutsche, wie kinderreiche französische Familien im Restaurant gelassen und gut gelaunt ein Fünf-Gänge-Menü verspeisen. Der Nachwuchs bleibt bis zum petit Café manierlich sitzen. Er schreit nicht. Er zappelt nicht. Und schon gar nicht prustet er das Essen über den Tisch. Während ein lärmgeplagter Gastronom im deutschen Rügen Kinder aus dem Speisesaal verbannt, um seinen Gästen ein ruhiges Dinner bieten zu können, erfreuen sich seine Kollegen in Frankreich auch ohne Bannstrahl angenehm niedriger Geräuschpegel. 

„Nicht die Eltern haben sich den Kindern anzupassen, sondern die Kinder den Eltern“, das ist in Frankreich offenbar nicht nur ehernes Erziehungsgesetz. Das funktioniert sogar. Kaum jemand stellt es in Frage. So gern und so gut die Franzosen streiten, so leidenschaftlich sie sich an runden Tischen über gesellschaftliche Themen entzweien: das Thema „Kindererziehung“ scheint weitgehend ausdiskutiert, und zwar schon lange. 

„Es gibt eine Erziehungskultur, die uns allen gemein ist, wir merken das schon gar nicht mehr“, hat Catherine Sellenet festgestellt. Nach Ansicht der Psychologin, die sich an der Universität Paris-Nanterre dem Thema „familiäre Erziehung“ widmet, reicht der Konsens ins 18. Jahrhundert zurück, ins Zeitalter der Aufklärung. 

Wie soll eine Familie in Frankreich heutzutage ja auch anders funktionieren? Vater und Mutter sind dort in der Regel beide voll berufstätig. Kleinkinder pflegen den Tag in einer Krippe oder unter Aufsicht einer Nounou zu verbringen, einer Tagesmutter. Der Besuch des vorschulähnlichen Kindergartens (École maternelle) ist die Regel und vom nächsten Jahr an für Drei- bis Sechsjährige Pflicht. Ältere Geschwister gehen in die Ganztagsschule. 

„Rabeneltern“ gibt es nicht

Eine Menge Organisation ist vonnöten, damit Berufstätigkeit und Kinderbetreuung reibungslos ineinandergreifen. Und eben Disziplin und Gehorsam des Nachwuchses, die in Familie, Krippe, Kindergarten oder Schule gleichermaßen eingefordert werden. Dass in Frankreich sämtliche Vorstöße gescheitert sind, dem Beispiel 18 anderer europäischer Länder zu folgen und körperliche Züchtigung von Kindern gesetzlich zu verbieten, passt ins Bild. 

In der Schule ist der Autorität des Lehrers förderlicher Frontalunterricht angesagt. Ausnahmen haftet der Ruch des Sensationellen an. So wartete das Boulevardblatt „Le Parisien“ kürzlich im Lokalteil mit der Schlagzeile auf, dass in einer Pariser Vorstadt eine Schulklasse mit Bürostühlen auf Rollen experimentiere. Die neuen Stühle sollten Schülern ermöglichen, schnell und bequem mit einem Klassenkameraden zur Teamarbeit zusammenzufinden. 

Die in vergangenen Jahrhunderten gelegte Grundlage des Erziehungskonzepts stammt von Jean-Jacques Rousseau und Jules Ferry. Zahllose französische Schulen tragen heute ihren Namen. Rousseau veröffentlichte 1762 den „Gesellschaftsvertrag“. Der Philosoph der Aufklärung erklärt Erziehung darin zur Aufgabe des Staates, erhebt das sich in die Gesellschaft einfügende, erfüllt in ihr aufgehende Kind zum Ideal. Ferry setzte das Konzept gut hundert Jahre später in die Tat um. Der sozialistische Politiker führte den kostenlosen Schulbesuch für alle Kinder ein und die Schulpflicht für sechs- bis 13-Jährige. 

Aus Sicht französischer Eltern heißt das: Sie tragen nicht die alleinige Verantwortung für eine gelungene Erziehung. Für die zwischen Arbeitsplatz, Betreuungseinrichtung und heimischem Herd hin- und hereilenden Mütter und Väter ist das eine willkommene Entlastung. Wenn sie berufstätig bleiben, Sohn oder Tochter Fremden anvertrauen, tun sie es in der Gewissheit, pädagogisch Wertvolles zu leisten. Der Gedanke, dass sie ganz für die Kinder da sein und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen sollten, kommt Eltern kaum in den Sinn. Für das Wort „Rabeneltern“ gibt es im Französischen keine Entsprechung. Erziehungsfragen verlieren so an Brisanz. An der Frage, ob Muttermilch, Krabbelgruppe oder Babyschwimmen sein müssen, entzünden sich in Frankreich keine Glaubenskriege. 

Und es ist auch nicht so, dass die Kinder keine Freiheiten genössen. So unverrückbar die von den Erwachsenen gezogenen Grenzen auch sein mögen, innerhalb dieser Grenzen bleibt Entfaltungsspielraum. Den Kindern zuhören, ihre Wünsche ernst nehmen: Seit Rousseaus Zeiten ist auch das wichtig, sollen aus Kindern mündige Bürger werden. „Du gehst jetzt ins Bett, aber dort kannst du noch eine halbe Stunde spielen“, oder „Du probierst das Gemüse, aber du musst es nicht aufessen“, sind typische Sätze. 

Fragt sich noch, ob das alles so bleibt. Im Oktober hat ein den Gesetzgeber beratendes wissenschaftliches Gremium mit dem beunruhigenden Befund aufgewartet, dass es jungen Französinnen und Franzosen im internationalen Vergleich an Selbstvertrauen, Ausdauer und Teamfähigkeit mangele. Die Forscher werfen die Frage auf, ob dies den autoritären Erziehungs- und Unterrichtsmethoden des Landes geschuldet sein könne. Die Antwort steht noch aus.

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