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Fracking Kommt der Tod aus der Erde?

Im Kreis Rotenburg an der Wümme wird seit zwei Generationen Gas gefördert. Auffällig viele Menschen werden krank. Ein Bürgermeister fordert das sofortige Ende der Gasförderung. Ein Bauer kämpft, so lange er noch lebt. Eine Reportage aus einer Region der Angst.

Members of environmental activist groups perform during a protest against fracking technology in front of the Chancellery in Berlin,
Umweltschützer protestieren gegen das umstrittene Fracking vor dem Kanzleramt in Berlin. Foto: rtr

Da sitzt er, der alte Bauer, auf der Bank vor seinem Haus und genießt die warme Mittagssonne. Ein wuchtiger Mann, die Mütze schief auf dem Kopf, 63 Jahre alt, krebskrank. „Noch lebe ich“, sagt Andreas Rathjens aus Groß Meckelsen. „Und so lange ich lebe, werde ich noch einigen hier in den Hintern treten.“

Am Tag zuvor hat er es getan. In der Lokalzeitung stand, eine Firma sei durch Rathjens aufgeflogen, die jahrelang illegal alte Rohre aus der Erdgasförderung gelagert und unsachgemäß gereinigt habe. „Eine Riesensauerei“, sagt der Bauer. Und dann mit listigem Grinsen: „Das habe ich doch gut hingekriegt.“

Ein Leben lang war Rathjens Landwirt. Dann, vor zehn Jahren bekam er Krebs, Hodgkin und Haut, sagt er. Woran es gelegen habe, keine Ahnung, sagt er. Könne alles mögliche gewesen sein. „232 Tage im Klinikum Hamburg-Eppendorf, Chemotherapie, das ganze Programm“, erzählt er. Und was ihm damals besonders aufgefallen sei: „Auf der Station traf ich viele Leute aus dem Kreis Rotenburg. Das gab mir zu denken.“

Der Kreis Rotenburg an der Wümme, flaches Land zwischen Hamburg und Bremen, eine Idylle, alte Dörfer, früher Heidelandschaft, Eichen, große Bauernhöfe, Backsteinhäuser. Und tief darunter Deutschlands einzige bedeutsamen Erdgasreserven. Mehr als 60 Förderstellen. Seit einem halben Jahrhundert wird hier Gas gefördert. Grob 95 Prozent der deutschen Fördermenge und rund ein Zehntel des jährlichen Verbrauchs.

Aber seit ein paar Monaten reden alle nur noch über Leukämien und Lymphome. Ein Statistiker des epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen hat sich nämlich den Landstrich und die dortigen Krebserkrankungen im Zeitraum 2003 bis 2012 einmal näher angesehen und kam zu erschreckenden Funden: In der 8000-Einwohner-Gemeinde Bothel waren 41 Männer an Blut- und Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Das klingt erst einmal nicht dramatisch, aber 21 Fälle wären normal gewesen. „Statistisch deutlich erhöht“, lautete das Fazit. Und nicht nur in Bothel gab es auffällige Befunde: In der 20 000 Einwohner zählenden Stadt Rotenburg sind es laut Register 30 Prozent über dem Durchschnitt. Erkrankt sind Männer über 60 Jahre. Warum es nur diese Gruppe trifft, ist ebenfalls ein medizinisches Rätsel. In den Dörfern Langwedel und Kirchlinteln ist der Anstieg nicht ganz so hoch, aber auch auffällig. Man muss etwas tun, fordern die Krebsfachleute.

Woran das liegt, woher es kommt, was die Ursache ist, dazu konnten die Statistiker aber nichts sagen. Der Landkreis hat eine gewaltige Fragebogenaktion gestartet, um der Sache auf den Grund zu gehen. Es wurden Bodenproben genommen, nun wird geprüft und studiert. Im Juni soll es erste Auswertungen geben, am Jahresende vielleicht ein belastbares Ergebnis.

Diakonissenklinikum in Rotenburg. Hier praktiziert Betriebsarzt Matthias Bantz, 79, er ist einer von 212 Ärzten, die Anfang des Jahres einen Brandbrief an die niedersächsische Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) geschrieben und eine gründliche und unabhängige Untersuchung der Ursachen verlangt haben. „Handeln Sie jetzt“, forderten die Mediziner. Sie haben einen Verdacht, aber keine Beweise. „Je dichter Menschen an der Erdgasförderung wohnen, desto größer ist die Anzahl von Krebsfällen“, sagt Bantz. Das sei statistisch nachweisbar, erläutert er und zitiert Untersuchungen aus Kanada und den USA, wo im Bundesstaat New York 240 Ärzte den sofortigen Ausstieg aus dem Gas-Fracking gefordert hätten. „Das sind doch keine Spinner!“ Man müsse sich das einmal vorstellen, sagt er und blättert in amerikanischen Studien. Erdgasförderung sei überhaupt keine saubere Sache: Fünf Prozent aller Bohrungen und Leitungen seien undicht. Und nach 30 Jahren sogar die Hälfte.

Seit zwei Generationen wird um Rotenburg Gas gefördert. Auch per Fracking. Ein Wasser-Steinchen-Chemikalien-Mix wird unter Hochdruck in das Gasfeld gepumpt. Es sprengt die Gesteinsschichten auf, die Quarzsand-Steinchen sorgen dafür, dass sich die Risse nicht schließen, die Chemikalien, dass die Steinchen besser in die Risse gleiten.

So macht man das. Das Problem dabei: Am Ende kommt nicht nur das erwünschte Gas aus dem Boden geströmt. Auch die Chemikalien kommen wieder hoch, dazu Unmengen Lagerstättenwasser aus großer Tiefe, das giftige Stoffe und radioaktives Material enthält. „Ölschlamm, Quecksilber, radioaktives Zeug – das sind die Probleme“, sagt Mediziner Bantz. Jahrzehntelang habe man das einfach in Gruben gekippt und dort liegen lassen. „Abenteuerlich, eine Zeitbombe.“

Und etliche Stoffe hätten sich innen in den Rohren abgelagert, die seien dann abgefackelt worden. „Hier sind doch überall Bohrstellen“, sagt er. „Große Teile der Bevölkerung bekommen die Luftverschmutzung ab.“ Mit all dem müsse jetzt Schluss sein. „Das geht einfach nicht mehr.“ Und die Rotenburger Rinne, ein Trinkwasserreservoir unter der Gegend: „Da hat man einfach durchgebohrt.“ Unabhängige Gutachter müssten ran, fordert er. Niedersachsen habe jetzt zugesagt, eine unabhängige epidemiologische Studie zu finanzieren. „Höchste Zeit“, meint Bantz. Die aufgetretenen Krebsfälle seien ja auch „ernstzunehmende, überwiegend tödliche Erkrankungen“.

Rathaus am Marktplatz in Rotenburg. „Jahrzehntelang hat man das hier einfach so gemacht“, sagt Andreas Weber. Schlamm verkippen, Lagerstättenwasser zurück in den Boden pumpen, Rohre und Gerät unter freiem Himmel reinigen. „Niemanden hat es gestört, bis das mit dem Krebs auffiel.“ Weber, 58 Jahre alt, ist der SPD-Bürgermeister von Rotenburg. Davor war er lange 37 Jahre bei der Polizei, fünf Jahre leitete er das Landeskriminalamt Bremen. „Ich kenne Leute, die an Krebs erkrankt sind“, sagt er. Ihm geht es wie vielen in der Gegend, die allmählich darüber Bescheid wissen wollen, wofür sich Jahrzehnte lang kaum jemand interessierte. „Was wusste ich denn, was in Frack-Flüssigkeiten ist“, sagt Weber. Als Bürgermeister sei er außen vor gewesen: „Wir haben doch nichts erfahren, sind an nichts beteiligt worden.“ Und auf Fragen und Briefe, beispielsweise früher an das noch von einem FDP-Minister geführte niedersächsische Wirtschaftsministerium, sei nicht einmal geantwortet worden.

Für den Bürgermeister reicht es jetzt. „Gesundheit geht vor“, sagt er. „Wir haben hier in der Gegend mehr als 20 Tote.“ Ginge es nach ihm, mit der gesamten Erdgasförderung in der Gegend wäre Schluss. Solange nicht geklärt sei, wo die erhöhten Krebsfälle herkommen, keine weiteren Erdgasbohrungen. Und: Schluss mit dem Fracking. „Wer weiß denn, was genau da unten in fünf Kilometern Tiefe alles passiert?“, fragt er sich. Er will, so sagt er, dass endlich genauer hingesehen werde. 64 Förderstellen gebe es rund um die Stadt. Für die brauche es ein ständiges Monitoring.

Rund 20 000 Arbeitsplätze hängen in Norddeutschland an der Gasförderung, Exxon-Mobil ist einer der großen Produzenten. Arbeitsplätze hin oder her, meint Bürgermeister Weber. „Aber die Gesundheit der Bevölkerung ist wichtiger.“ Natürlich, einen Beweis habe er nicht, dass hinter all den Krebsfällen auch wirklich die Gasförderung stehe. Aber, sagt der alte Kriminalist: „Es gibt nur eine Hypothese. Ich vermute: Erdgas.“ Die angegriffenen Produzenten weisen das zurück. „Hier könnte unser Ostergruß stehen“, stand vor einigen Wochen über einer großen Anzeige von Exxon-Mobil in der Rotenburger Lokalzeitung. „Derzeit stehen Vorwürfe im Raum, unsere Aktivitäten könnten für Krebserkrankungen ursächlich sein. Das macht uns sehr betroffen“, fährt der Energiekonzern fort, „denn wir sind davon überzeugt, dass das nicht der Fall ist.“ Es sei für alle Beteiligten schwierig, mit der Situation umzugehen. „Lassen Sie uns daher diesen Weg gemeinsam gehen, in gegenseitigem Respekt.“

Klaus Hoins glaubt an gar nichts mehr. „Hier wird alles versaut“, sagt der 75-jährige Wittorfer. Er sitzt in seinem Wohnzimmer im Elternhaus von 1905. Vor sich ein Berg Akten, Zeitungsausschnitte, Briefe, die er geschrieben hat. Früher war er Autoschlosser und später Rektor einer Berufsschule. Mit gefährlichen Substanzen wie Benzol, Toluol und Xylol, von denen jetzt im Landkreis die Rede ist, kennt er sich ein bisschen aus. 17 Jahre lang war er ein braver CDU-Ortsbürgermeister, heute ist er wütend, enttäuscht, ernüchtert – und aktiv in einer Bürgerinitiative für sauberes Trinkwasser. Etwa einen Kilometer von seinem Haus entfernt ist eine Verpressungsstelle, über die Lagerstättenwasser zurück ins Erdreich gedrückt wird.

Fragt man ihn, wie er zum Umweltaktivisten wurde, erzählt er: Als einmal ein Filter in Brand geraten war, wollte Hoins wissen, was los ist, erfuhr aber nichts. Dann gab es am 20. Oktober im Jahre 2004 ein Erdbeben, Stärke 4,5, sein ganzes Haus wackelte, erinnert sich Hoins noch genau. Danach habe es weitere Beben in der Gegend gegeben. Zunächst sei von natürlichen Ursachen die Rede gewesen, aber, sagt er: „Das kommt von all den Bohrungen.“

Über die Jahre ist der alte Bürgermeister ein misstrauischer Mann geworden. „Ich glaube nicht an Zufälle“, sagt er. „Für mich ist klar, woran das alles liegt.“ Krebskranke? „Ja, kenne ich auch jede Menge.“ In Bretel gebe es eine Familie, Vater, Bruder, zwei Söhne. Im Haus gegenüber auch zwei Krebsfälle. „Und das soll alles Zufall sein?“

Das Misstrauen sitzt so tief wie das Lagerstättenwasser im Boden. Es frisst sich durch den Landstrich. Hoins glaubt nicht daran, dass demnächst irgendwelche belastbaren Ergebnisse vorgelegt werden, die zu Konsequenzen führen: „Nichts kommt bei all dem heraus, nichts“, sagt er. „Es ist tieftraurig.“

Bauer Rathjens muss die nächsten Tage wieder zur Untersuchung ins Krankenhaus. Woher sein Krebs kommt, weiß er nicht. Er erzählt eine kleine Geschichte: Als er ein junger Kerl war, als neben dem Hof, 500 Meter entfernt, nach Erdgas gebohrt und der herausfließende Schlamm in der Nähe in eine Grube gekippt wurde, da fand er einen Bussard, der im Ölschlamm steckte und sich nicht befreien konnte. Da ist er hinterher gesprungen und wollte den Vogel retten. „Ich bin mit allerletzter Kraft raus“, sagt er. Der Vogel versank. „Ekelig, wie das gestunken hat.“ Solche Gruben, heute deckt eine Sandschicht alles ab, gebe es überall in der Gegend.

Dass damals vielleicht alles anfing mit seiner Krankheit, er sagt, er kann es nicht sagen, aber er will es auch nicht ausschließen. Es sei auch egal. Niemand kann irgendetwas sagen oder irgendetwas ausschließen dort oben um Rotenburg an der Wümme, das ist das Elend. Nur Fragen, keine Antworten. Und die Angst geht um, dass der Tod aus dem Erdreich stammen könnte und weitere Menschen erkranken werden, wenn nicht endlich etwas unternommen wird.

„Abwarten“, sagt Rathjens. Er sitzt in der Mittagssonne auf seiner Bank. Seine Wiesen und Felder sind längst verpachtet, er selbst kann nicht mehr arbeiten. Es gibt nicht mehr viel zu tun für ihn, außer ab und an jemandem in den Hintern zu treten. Er kennt die Gegend, er kennt die Leute. „Gott sei Dank“, sagt er. „Wenigstens haben sich die Ärzte hier mal gerührt und den Mund aufgemacht.“

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