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FR-Interview "Wir sind nicht im Circus Maximus“

„Frau TV“-Moderatorin Lisa Ortgies und Medienanwalt Christian Schertz sprechen im FR-Interview über Schimpf und Schande im Fall des Moderators Jörg Kachelmann.

05.06.2011 18:48
Großes Medienaufkommen vor dem Landgericht in Mannheim nach der Urteilsverkündung im Fall des Moderators Jörg Kachelmann. Foto: dpa

„Frau TV“-Moderatorin Lisa Ortgies und Medienanwalt Christian Schertz sprechen im FR-Interview über Schimpf und Schande im Fall des Moderators Jörg Kachelmann.

Frau Ortgies, Herr Dr. Schertz, der Fall Kachelmann geht möglicherweise weiter. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat Revision angekündigt.

Schertz: Ich kann das nicht nachvollziehen. Der Freispruch war nach Auffassung aller richtig. Die Staatsanwaltschaft hat sich hier möglicherweise etwas vergaloppiert. So wäre es klug, dieses ganze Debakel jetzt schlicht zu beenden und nicht noch Revision einzulegen. Aber möglicherweise gibt es hier politischen Druck. Man weiß es nicht.

Ortgies: Zur Zeit ist ja noch nicht mal entschieden, ob es einen Revisionsantrag geben wird. Offensichtlich meint die Staatsanwaltschaft aber, auch diese Ankündigung einer Entscheidung an die Presse geben zu müssen. Ich halte das für den verzweifelten Versuch, einen kleinen Teil des verlorenen Gesichts wieder zu erlangen. Falls es einen Revisionsantrag geben sollte, was ich nicht glaube, bin ich gespannt auf die Begründung.

Wo sich nun alle empören über das Medienspektakel . Waren Sie kein bisschen gespannt auf das Urteil?

Ortgies: Ja, aber ich hatte einen Freispruch erwartet und ebenso, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommen wird.

Schertz: Es bleibt festzuhalten, dass ein Urteil gefällt worden ist: und zwar ein Freispruch. Das hat mich als Jurist nicht überrascht. Wenn Aussage gegen Aussage steht und auch Zweifel verbleiben, muss freigesprochen werden. Das ist im Rechtsstaat so und auch völlig richtig. Ich war eigentlich nur noch gespannt, wie das Gericht aus dieser Nummer rauskommt. All das, was da passiert ist, war schon maßlos überzogen: die monatelange U-Haft, die auch laut dem Oberlandesgericht Karlsruhe nicht rechtmäßig war, und auch der Umstand, dass hier 41 Tage verhandelt wurde. Ich war gespannt, ob das Gericht von sich auf andere lenken würde: auf die Medien, das Verhalten der Staatsanwaltschaft, die Anwälte. Ich habe hier wenig Selbstkritik der angerufenen Kammer gehört.

Ortgies: Ist es nicht trotzdem ungewöhnlich, dass ein Gericht sein eigenes Urteil kommentiert und implizit in Frage stellt?

Schertz: Es liest sich doch wie: Die Geister, die ich rief, wurde ich nicht los. Dass es am Ende nur Verlierer gegeben hat, muss auch dem Richter klar sein. Seine Medienschelte fand ich auch völlig richtig; leider vergaß er zu erwähnen, dass es die Justizbehörde war, die die Presseerklärung über die Festnahme herausgegeben und dadurch die Lawine ausgelöst hat.

Ortgies: Deshalb fand ich die Medienschelte seitens der Justiz auch heuchlerisch – ohne die eigene Rolle zu reflektieren.

Müssen wir künftig bei Prozessen mit Prominenten immer mit so einem Spektakel rechnen?

Schertz: Wir haben einen Prominenten-Malus in Deutschland, keinen Bonus. Das sahen Sie im Fall Zumwinkel, im Fall Benaissa, jetzt im Fall Kachelmann. Trotz des öffentlichen Interesses an Steuerstrafverfahren hätte man Zumwinkel bei der Festnahme nicht filmen lassen dürfen. Hier waren die Kameras schon beim Klingeln an der Wohnungstür von Herrn Zumwinkel dabei. Im Fall Benaissa und auch im Fall Kachelmann ging es um Körperverletzung beziehungsweise ein Sexualdelikt. Das sind selbstverständlich Straftaten, aber es waren keine Schwerstverbrecher wie die Terroristen der Roten Armee Fraktion, wo es selbstverständlich ein massives öffentliches Interesse an der Berichterstattung über die Prozesse gibt. Wir haben in Deutschland mittlerweile die Situation, dass bei Prominenten der bloße Vorwurf eines Fehlverhaltens genügt, und schon meinen die Ermittlungsbehörden, dass sie die Festnahme der Betroffenen an die Medien herausgeben dürfen. Ich kann nur warnen vor einer Gesellschaft, in der eine Melange aus Justiz und Boulevardmedien Menschen vernichten kann. Deshalb muss der Fall Kachelmann in der Rechtswissenschaft, in der Justiz und auch in der Politik diskutiert werden. Wir sind nicht Amerika, wir wollen keine Schauprozesse wie im Fall Dominique Strauss-Kahn. Wir wollen eine von der öffentlichen Meinung unbeeinflusste Justiz.

Ortgies: In den USA gibt es Geschworene, da ist der Einfluss der Medien besonders groß und deshalb auch die Einflussnahme der Presse mit einkalkuliert.

Schertz: Klar. Es gibt aber in Deutschland Untersuchungen, die belegen, dass auch Berufsrichter nicht davor gefeit sind.

Eine Umfrage der Universität Mainz kommt auf gut 50 Prozent.

Schertz: Jedenfalls gibt es eine große Zahl von Richtern, die angegeben haben, dass Sie von der öffentlichen Meinung nicht unbeeinflusst bleiben. Deshalb begleiten doch bei prominenten Wirtschaftsfällen und Strafverfahren PR-Berater Top-Manager und lenken die Medien in eine bestimmte Richtung. Also rüsten die Staatsanwaltschaften jetzt auch auf, so wie in Amerika, wo man diese Öffentlichkeitsarbeit aller Prozessbeteiligten Litigation PR nennt. Man kann es nicht oft genug betonen: In Deutschland ist die Staatsanwaltschaft eine neutrale Behörde, die auch entlastendes Material zu berücksichtigen hat und eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Angeklagten erfüllen muss.

Ortgies: Ein mutmaßliches Opfer betrifft es genauso, wenn die Unbefangenheit der Richter gefährdet ist. Fragt sich nur, ob man in Bezug auf Prominentenfälle die Entwicklung noch stoppen kann. Ich fürchte, dass Moralvorstellungen der Öffentlichkeit zum festen Bestandteil der Berichterstattung werden könnten und damit immer wieder indirekt in die Prozesse einfließen.

Wenn in Deutschland nur die Verteidigung ihre Sichtweise an die Medien geben darf, herrscht dann nicht in der Tat ein Ungleichgewicht – besonders, wenn ein Angeklagter über gewiefte Medienanwälte verfügt?

Schertz: Dann muss sich der Anwalt der Nebenklage eben auch an die Öffentlichkeit wenden, wenn er es für sinnvoll hält. Herr Frank, der Anwalt von Kachelmanns Ex-Freundin, hat ja auch Interviews gegeben.

Einen teuren Top-Anwalt wie Sie, der es im Fall Benaissa geschafft hat, die Angeklagte als Opfer darzustellen, hätte sich die Nebenklägerin nicht leisten können, oder?

Schertz: Wir vertreten selbstverständlich auch „normale“ Medienopfer, auch wenn sie kein Geld haben. Dann lassen wir das über Prozesskostenhilfe laufen. Eine Vielzahl unserer Fälle hat nichts mit Prominenten zu tun, sondern mit „normalen“ Opfern von Verbrechen, Unglücksfällen etc., die nicht wollen, dass sie mit ihrer Identität, Bild und Name, in die Medien kommen.

Ortgies: Wenn sich in einem Fall die beiden Parteien öffentlich hochschaukeln, dann profitieren Sie aber schon davon, oder?

Schertz: Ich habe noch nie erlebt, dass man einem Arzt vorwirft, dass er Personen heilt und dass er hiermit auch sein Geld verdient. Auch Anwälte verdienen mit ihren Fällen Geld. Das ist völlig richtig. Sonst könnte man auch den Betrieb einer spezialisierten Medienanwaltskanzlei nicht finanzieren. Aber zum Fall Benaissa: Nachdem die Staatsanwaltschaft die Festnahme und den Tatvorwurf verkündet hatte und dann noch der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft in „RTL Exclusiv“ Interviews gab, wann welcher Geschlechtsverkehr stattgefunden habe, ist diese Frau selbstverständlich zum Opfer geworden. Ich zitiere nur Schlagzeilen wie „Todesengel“.

Ortgies: Es haben aber auch viele Medien sehr wohlwollend über Frau Benaissa berichtet, was sicherlich auch daran gelegen hat, dass Sie Ihre Strategie durchgestochen haben.

Schertz: Wenn Sie so wollen, dann ist es i n der Tat gelungen, Frau Benaissa auch als Opfer darzustellen. Es war meine verdammte Pflicht, die Frau vor weiteren medialen Kampagnen zu schützen.

Zurück zu Kachelmann: Wäre es für ihn tatsächlich besser gewesen, wenn nichts an die Öffentlichkeit gedrungen wäre?

Schertz: Sicher.

Ortgies: Das glaube ich nicht. Selbst wenn seine Festnahme verschwiegen worden wäre, wäre früher oder später dieser Sturm entbrannt. Der Vorwurf der Vergewaltigung wäre publik geworden, und dann wären die gleichen Gerüchte, Mutmaßungen und Projektionen im Umlauf gewesen.

Schertz: Also es mag ja sein, dass ich da sehr formaljuristisch bin. Aber ich erinnere an eine Entscheidung des Bundesverfassungsgericht vor ungefähr zwei Jahren im Zusammenhang mit dem Holzklotzattentäter. Das war der Mensch, der eine Frau ermordet hat, indem er einen Holzklotz auf ihr Auto geworfen hat. Dieser Fall war spektakulär und ging durch die gesamte Medienlandschaft. Der Holzklotzattentäter durfte, nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts, selbst als Angeklagter nicht gezeigt werden. Begründung: Sollte er freigesprochen werden, wäre die mediale Stigmatisierung unerträglich und er hätte keine Chance mehr, ein normales Leben fortzuführen. Und nun gibt eine Justizbehörde Informationen über einen Wettermoderator heraus, der ein Sexualdelikt begangen haben soll? Der des Mordes angeklagte Täter muss es nicht dulden, dass man ihn zeigt. Der Wettermoderator, dem ein Sexualdelikt zur Last gelegt wird, muss es bereits hinnehmen, wenn über Festnahme und Ermittlungsverfahren berichtet wird. Diesen Widerspruch finde ich nicht verhältnismäßig.

Ortgies: Aber wie schützt man einen bekannten Wettermoderator, der gestern noch bei Olympischen Spielen aufgetreten und plötzlich verschwunden ist? Wie sollte man verhindern, dass das Gerücht seinen Lauf nimmt – und das reicht ja schon als Futter für die Boulevardpresse. Das verhindern zu wollen, halte ich für naiv. Diskutieren sollte man, was danach passiert ist: Dass Zeuginnen sich von Peoplemagazinen bezahlen lassen, bevor sie aussagen. Wieso wurden diese Frauen noch vor Gericht zugelassen?

Schertz: Ich bin nicht naiv, sondern ich habe Grundsätze. Einer lautet: Der Schutz der Privatsphäre beginnt bei den Justizbehörden. Dann hätten sich im Fall Kachelmann Bild und Bunte genau überlegt, über welche Gerüchte sie berichten oder besser nicht, die hätten das von ihren Rechtsabteilungen prüfen lassen. Und der kluge Verlagschef hätte gesagt: „Das ist ganz schwierig. Wenn überhaupt, dürft ihr den Vorwurf erwähnen, aber auf keinen Fall Details.“ Das wäre seriös gewesen im Sinne des Rechtsstaats. So hat selbst das Magazin der Süddeutschen Zeitung in einem Heft Interviews mit Ex-Freundinnen veröffentlicht und das auf den Titel gehoben. Da wurde Auflage und Quote gemacht und die Sensationsgier des Publikums befriedigt.

Ortgies: Vergessen wir auch nicht die andere Seite: Schon vor dem Prozess sagten viele Frauen, dass das mutmaßliche Opfer gegen die Medienanwälte und das Geld eines mächtigen Medienmannes wie Herrn Kachelmann eh keine Chance hat. Dass die Hälfte des Prozesses unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, wurde dabei gar nicht berücksichtigt. Für diese Frauen, die die ganzen juristischen Details, die Unstimmigkeiten in den Aussagen, die Lügen und Gegenlügen, Gutachten und Gegengutachten nicht gekannt oder womöglich nicht durchschaut haben, hat sich jetzt schlicht dieses Machtverhältnis bestätigt.

Das Problem, dass die allermeisten Menschen juristische Details nicht durchschauen, haben Sie aber immer.

Ortgies: Gerade deswegen bleibt zu Unrecht eine furchtbare Botschaft hängen: Wer eine Vergewaltigung anzeigt, muss damit rechnen, unfair behandelt zu werden. Es ist doch schon jetzt so, dass viele vergewaltigte Frauen sich das nicht trauen. Deshalb werfe ich zum Beispiel der Bild-Zeitung...

... also Frau Schwarzer...

Ortgies: ...werfe ich vor, dass sie nicht die Information über die juristischen Details, die überraschenden und irritierenden Entwicklungen während des Prozesses in den Vordergrund gestellt hat, sondern nur das Machtgefälle zwischen Angeklagtem und Opfer exzessiv kommentiert hat. Es wurden am Ende ja nur noch Projektionen aufgearbeitet: Männer, Frauen, Machtbeziehungen, alles verdichtet auf dieses Duell. War er es, oder war er es nicht? Da wurden Fronten geschaffen, die sich im Gerichtssaal auflösten. Und dabei wurde gern in kauf genommen, dass die Fakten es schon bald nicht mehr hergaben, in diesem Prozess einfach schwarz-weiß zu malen. Nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Genau diese Polarisierung hat dazu beigetragen, dass in Zukunft alle Opfer verunsichert sind.

Schertz: Nun sind Vergewaltigungsdelikte aber grundsätzlich problematisch, weil es fast nie Zeugen gibt.

Ortgies: Es gibt Prozesse, wo die Indizien sehr viel eindeutiger sind. Wo Spuren am Messer hängen bleiben, wo ...

Schertz: ... ja selbstverständlich ...Ortgies: ... wo sich also eine Tat nachweisen lässt. Nach dem Fall Kachelmann bleibt zum Beispiel hängen, dass Verletzungen immer auch als Selbstverletzungen gedeutet werden können. Dabei gibt es unzählige Fälle, in denen es keine Zweifel gibt. Deshalb muss in der Nachbereitung auch das betont werden, was zumindest zu Beginn dieses Verfahrens zugunsten des mutmaßlichen Opfers funktioniert hat: Die Frau fand bei Beamten und Medizinern Würde, Gehör und Fürsorge. Sie stieß auf viel Empathie und nicht etwa auf Abwertung, Unglaube oder Zynismus – wie es viele Frauen in vergleichbarer Situation befürchten. Dass im Laufe des Prozesses auch Zweifel und Unglaube hinzukamen, liegt unter anderem auch in den Lügen der Frau begründet. Zwei der Botschaften nach diesem Prozess müssen also sein: Jede sexuelle Gewalt sollte zur Anzeige gebracht werden. Und danach muss und darf man in keinem Punkt lügen – egal wie peinlich es aussieht.

Schertz: Grundsätzlich muss man immer wieder betonen: Ein Angeklagter darf eben nur dann verurteilt werden, wenn es praktisch keine vernünftigen Zweifel an seiner Schuld gibt. Das ist die bittere Pille, die wir im Rechtsstaat schlucken müssen. Ich hatte mehrere Fälle in der Vergangenheit, wo Frauen den Vorwurf erhoben haben, von einem Prominenten sexuell belästigt worden zu sein. Wir konnten nachweisen, dass es sich teilweise um Stalking handelte oder Psychosen. In anderen Fällen wollte man eine schnelle Mark mit Boulevard-Zeitungen machen, indem man diese Dinge einfach behauptet hat. In einem Fall wurde die Frau sogar wegen Verleumdung und übler Nachrede verurteilt.

Ortgies: Aber das sind doch Ihre Spezialfälle mit Prominenten. Die überwiegende Zahl von Vergewaltigungen kommt nicht zur Anzeige, und wenn doch, ist der Opferschutz nicht garantiert. Das ist diese unsichtbare Seite der Medaille. Für den Durchschnittsmenschen kann der Fall Kachelmann also überhaupt nicht beispielhaft sein, weswegen es fatal wäre, daraus die falschen Lehren zu ziehen. Frauen muss nun erst recht Mut gemacht werden, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Deshalb muss ich Ihnen auch widersprechen, Herr Schertz: Es ist nicht so, dass die meisten Vergewaltigungsprozesse mit einem Freispruch enden, weil sich die Opferaussage als Verleumdung herausstellt. In der Mehrheit der Fälle verhält es sich umgekehrt.

Schertz: Sie müssen mir schon genau zuhören, das habe ich nicht gesagt. Ich habe versucht, ein sehr differenziertes Bild dieser Probleme aufzuzeigen.

Frau Ortgies, die Gerichtsreporterinnen Friedrichsen vom Spiegel und Rückert von der Zeit haben noch vor der Hauptverhandlung die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin angezweifelt. Ihre Begründung war eher eine Mutmaßung, basierend auf selektiver Akteneinsicht: Bei der Nebenklägerin handele es sich um eine jener Frauen, die sich jahrelang unterwürfig Männern hingäben – und dann eine Trennung nicht ertrügen. Frau Rückert hat Kachelmann sogar einen neuen Anwalt empfohlen. Ist so eine eindeutige Parteinahme nötig? Und daran anschließend: Wo sind die Leitmedien, die den Fall objektiv aufarbeiten sollen?

Ortgies: Der damalige Text von Frau Rückert war ja zurecht umstritten, aber offensichtlich hatte sie eben früh Informationen, die auch irgendwann das Gericht zweifeln ließen. Und dasselbe war auch bei anderen Prozessen der Fall, ohne dass es den jeweiligen Medien zum Vorwurf gemacht wurde. Es gibt doch nie eine objektive Berichterstattung, Profis wissen das auch: Allein die Auswahl der Fakten und ihre Darstellung sind subjektiv. Was Frau Friedrichsen betrifft: Sie hat im Spiegel ja lediglich die U-Haft juristisch kritisiert und eine überfällige Entscheidung gefordert, die korrekt war.

Schertz: ...zurecht.

Ortgies: ... und wenn wir von Leitmedien sprechen, dürfen wir Alice Schwarzer und die Bild-Zeitung nicht vergessen: Frau Schwarzer, die ja bisher nicht unbedingt einen Ruf als Gerichtsreporterin hatte, fühlte sich aufgerufen, dem Opfer Beistand zu leisten. Dabei gleichzeitig den Anspruch zu erheben, die einzig Objektive in der Berichterstattung zu sein, ist dreist und ein Widerspruch in sich. Und nebenbei ein Schlag ins Gesicht aller anderen Kollegen im Gerichtssaal. Das hat mit Journalismus nichts zu tun und noch weniger mit Feminismus. Frau Schwarzer war es, die Frau Friedrichsen und Frau Rückert angegriffen und damit erst diesen Nebenschauplatz eröffnet hat, auf dem dann die Reporterinnen im Mittelpunkt standen, statt das Opfer oder der Prozess. Frau Friedrichsen und Frau Rückert haben auf diese Art der Publicity sicherlich keinen Wert gelegt. Die Kollegen der Restmedien mussten dann dank Schwarzer nur noch in die Schlacht einsteigen.

Schertz: Also man muss schon sagen: Ich habe es in der deutschen Mediengeschichte zuvor noch nie erlebt, dass Journalisten Wochen vor der Hauptverhandlung so eindeutig Partei ergreifen und quasi die Urteile schon vorab gefällt haben. Ich fordere von den Medien, dies künftig zu unterlassen. Wir sind doch nicht im Circus Maximus.

Ortgies: Ich meine: Gerichtsreporter mit jahrzehntelanger Erfahrung haben ein Recht darauf, sich ein Bild zu machen und dieses auch zu veröffentlichen. Und das haben sich ja – mit Verlaub – nicht nur die drei Damen erlaubt.

Schertz: Frau Schwarzer ging es ja vorrangig um moralische und feministische Fragen, über die ein Gericht nicht zu befinden hat. Wie viele Freundinnen ein Mann haben darf, welche Sexualpraktiken er ausübt. Das alles hat mit einem konkreten Vorwurf der Vergewaltigung nichts zu tun, man darf daher aus so einem Prozess, der wirklich für alle Beteiligten schon schwer genug ist, meines Erachtens kein politisches oder feministisches Thema machen. Die Diskussion ist an anderer Stelle zu führen, meine ich.

Ortgies: Diese moralische Verurteilung Kachelmanns hat mich sogar an Vergewaltigungsprozesse in den 70er Jahren erinnert. Damals war es nicht unüblich, die Frauen vor Gericht als Schlampen darzustellen, um ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern oder ihnen gar eine Mitschuld zu geben.

Frau Ortgies, Herr Schertz: Einige Politiker haben sich bereits zu Wort gemeldet, manche von ihnen fordern, bei Vergewaltigungsprozessen die Öffentlichkeit kategorisch auszuschließen. Guter Vorschlag?

Ortgies: Man sollte darüber nachdenken. Wir wissen doch, dass allein eine Zeitungsmeldung bei einem Vergewaltigungsopfer Depressionen bis zur Suizidgefährdung auslösen kann.

Schertz: Wie gesagt, wir leben in einem Rechtsstaat. Insofern kann man die Presse nicht pauschal aus derartigen Prozessen ausschließen. Wir brauchen keine Sonderrechte für Vergewaltigungsprozesse, wir brauchen den Respekt vor dem Persönlichkeitsrecht der Beteiligten. Zeugen sollten nicht zuvor mit der Boulevardpresse sprechen, bevor sie in den Gerichtssaal gehen und so weiter und sofort. Ein Fall wie Kachelmann darf sich nicht wiederholen.

Glauben Sie denn, dass wir die richtigen Lehren aus diesem Fall ziehen werden? Nur ja oder nein.

Schertz: Nein.

Ortgies: Nein.

Moderation: Christoph Albrecht-Heider und Mark Obert

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