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FR-Interview mit Rafik Schami „Ein neues Zeitalter“

Der Schriftsteller Rafik Schami über die Revolte in seinem Heimatland Syrien, den Machtverlust arabischer Sippen und einen historischen Fehler der Bundesregierung

30.03.2011 22:51
"Die Syrer wollen endlich ohne Angst leben", sagt Rafik Schami. Foto: dpa

Der Schriftsteller Rafik Schami über die Revolte in seinem Heimatland Syrien, den Machtverlust arabischer Sippen und einen historischen Fehler der Bundesregierung

Herr Schami, Sie sind 1971 aus Ihrer Heimat Syrien geflohen, vor dem Militärdienst und der Zensur. Aber auch heute noch denken Sie jeden Morgen beim Aufwachen an Damaskus, haben Sie einmal gesagt. Was ging Ihnen heute Morgen durch den Kopf?

Ich denke jeden Morgen zuerst an meine Schwester, die in Damaskus lebt, wie es ihr wohl geht. Ich telefoniere auch jeden Tag ein- oder zweimal mit ihr. Und ich denke an einen Freund, einen intellektuellen Arbeiter, der mittlerweile 73 ist. 14 Jahre lang war er im Gefängnis. Ich denke an sie, weil ich nicht bei ihnen sein kann. Wäre ich dort, könnte ich vielleicht etwas zur Versöhnung beitragen. Wer einfach die Hand ausstreckt, ist immer stärker als der, der eine Waffe in der Hand hält.

Wie informieren Sie sich über den aktuellen Konflikt?

Durch Freunde, die sich per Handy vom Ort des Geschehens melden, durch oppositionelle Internetzeitungen, die sehr schnell und glaubwürdig berichten. Außerdem stehe ich in Kontakt mit befreundeten Journalisten im nahen Beirut.

Jetzt hat Staatschef Baschar al-Assad die Regierung entlassen und der Korruption den Kampf angesagt – zugleich sprach er gestern vor dem Parlament von einer „Verschwörung“ von außen. Überwiegt bei Ihnen als langjährigem Kritiker des Regimes Hoffnung oder Enttäuschung?

Es gibt ein wenig Anlass zur Hoffnung, weil Assad gezeigt hat, dass er sich unter dem Druck der Menschen schließlich doch bewegen kann. Aber die gestrige, lang erwartete Ansprache im Parlament war für mich doch ein großer Rückschritt. Assad ist zur Sprache seines Vaters zurückgekehrt, der das Land mit eiserner Hand unterdrückt hatte. Für den herrschenden Clan ist nach wie vor alles, was an Unruhe passiert, von außen initiiert – von Israel, von den Zionisten, von ausländischen Medien. Das ist eine Verhöhnung all der Syrer, die in den vergangenen Wochen bei Demonstrationen gefallen sind, weil sie nichts wollten als Freiheit und Demokratie. Syrien ist jetzt im Auge des Orkans: Um uns herum tobt die Revolution, aber in Damaskus herrscht eine fürchterliche Stille.

Was müsste die neue Regierung, was muss der Staatschef konkret verändern, damit sich der Alltag der Syrer bessert?

Die Menschen wollen Arbeit. Wir haben 20 Prozent Arbeitslosigkeit, vor allem bei den jungen Leuten ist sie hoch. Dann: Die Syrer wollen endlich ohne Angst leben. Das heißt: Abschaffung der Geheimdienste – es arbeiten ja 15 verschiedene davon im Land. Kein Syrer wird sich auf der Straße wohlfühlen, wenn er weiß, dass diese Agenten jeden einfach verschleppen und umbringen können. Mehrere Zehntausend sind während der Diktatur verschwunden. Sie wurden aus ihren Häusern oder von der Arbeit abgeholt und sind nie wieder aufgetaucht. Mehrere Tausend sitzen wegen regimekritischer Äußerungen heute im Gefängnis. An dritter Stelle steht die Abschaffung der Korruption – das ist besonders heikel, weil der Clan des Staatschefs ja überall mitkassiert. Nehmen Sie nur seinen Cousin Rami Makhlouf!

Dem hat Baschar al-Assad das staatliche Telekommunikations-Unternehmen übertragen, einen Monopol-Konzern.

Ja, den hat er einfach geschenkt bekommen, und so sind dem Volk Milliarden verloren gegangen. Makhlouf hat sich außerdem wertvolle Baugrundstücke, Grünanlagen und Villen einverleibt und die Besitzer mit ein paar Cent abgespeist. Dieser Räuber gehört vor Gericht, vor ein normales Zivilgericht. Das ist, was die gedemütigten, armen Menschen wollen – nicht einen Ministerwechsel von X zu Y oder zu Z aus dem Alphabet des Herrschers.

Erwarten Sie das wirklich – dass Assad seine eigene Verwandtschaft vor den Kadi bringt?

Nein, dazu müsste der Druck sicher noch sehr viel stärker werden.

Immerhin hat er vor einer Woche angekündigt, die Notstandsgesetze aufzuheben, die sein Vater vor 48 Jahren einführte, um das Volk zu kontrollieren.

Angekündigt hat er das, ja – aber jetzt muss er damit auch Ernst machen, und zwar sofort. In seiner gestrigen Ansprache war davon ja plötzlich gar keine Rede mehr. Mit den Notstandsgesetzen hat das Regime die Syrer regelrecht versklavt. Abschaffung der Pressefreiheit, Verbot von auf Demonstrationen – alles wurde damit begründet. Was aber nicht passieren darf: dass diese Einschränkungen der Freiheit als „Anti-Terror-Gesetze“ wieder eingeführt werden. Diese Angst treibt zurzeit viele um. In einem bürgerlich-demokratischen Rechtsstaat wären fast alle syrischen Geheimdienste ungesetzlich, ja, sie sind kriminelle Vereinigungen.

Mit der Zensur sind Sie selbst in Berührung gekommen. In den späten 60ern haben Sie in Damaskus eine Wandzeitung veröffentlicht, die prompt verboten wurde. Was war so gefährlich daran?

Vielleicht einfach, dass es jeder lesen konnte, der in unserer Gasse vorbeilief, im Herzen des christlichen Viertels von Damaskus. Die Zeitung hing dort in einem großen Schaukasten hinter Glas, obendrüber hatten Elektriker uns eine Neonleuchte spendiert. Alle Seiten waren nebeneinander geklebt. Unten brachten wir die Seiten für die Kinder – Witze, Lieder, Karikaturen – und oben Nachrichten für die Erwachsenen: über Vietnam, über die Korruption, über Betrügereien mit Lebensmitteln. Aber wir haben nie provoziert mit Sprüchen wie „Nieder mit Assad“ oder „Weg mit der Baath-Partei“. Das wäre den Lesern auch zu simpel gewesen. Wir wollten einfach informieren.

Wer gehörte zu Ihrer Redaktion?

Wir waren fünf Studenten und haben alles mit der Hand geschrieben, einer von uns hatte ein Händchen für schöne Kalligraphie, einer konnte besonders schnell und deutlich schreiben, in großer Schrift. Es war eine irre Plackerei, aber uns ging jedes Mal das Herz auf, wenn wir gesehen haben, wie ein Arbeiter auf dem Heimweg nach von der Schicht davor stehenblieb und jemand anderen, der lesen konnte, fragte: „He, du hast wohl in der Schule aufgepasst – was steht denn da?“

Wie lange ging das gut?

Etwa vier Jahre lang. Eines Tages kam dann jemand vom Militärapparat und lud uns zu einem Gespräch ein. Da saß uns ein nobler Herr in Anzug und Krawatte gegenüber und fragte, ob wir eine Genehmigung beantragt hätten. Ich sagte: Ja, das hätten wir, aber der Antrag sei abgelehnt worden. Deshalb hätten wir es eben so machen müssen. „Dann haben Sie es also illegal gemacht“, sagte der Staatsdiener, „nehmen Sie die Zeitung ab, sonst werden Sie innerhalb von 24 Stunden verhaftet.“ Da machen Medien wie Facebook, Twitter oder Mobiltelefone heute eben den Unterschied. Über die lassen sich die Nachrichten schnell verbreiten, bevor die Zensur einschreiten kann wie bei uns.

Es bleibt gefährlich. Die aktuellen Aufstände flammten vor zwei Wochen auf, weil Kinder und Teenager in der Stadt Daraa regimekritische Sprüche an eine Wand gesprüht hatten und dann für mehrere Tage festgenommen wurden. Wissen Sie, was da genau stand?

Es ging in die Richtung: „Hoch mit der Revolution“ und „Nieder mit Baschar, nieder mit allem“ – im Grunde nur Frechheiten von unschuldigen Rotznasen, die vor der Polizei davongelaufen sind.

Die Kinder trauen sich, etwas publik zu machen, das sonst nur in der Familie besprochen wird.

Richtig, und deshalb steht für mich fest: Diese Kinder haben die Revolution ausgelöst, und darauf können sie ihr Leben lang stolz sein. Das habe ich auch in einer Internetzeitung der syrischen Opposition so geschrieben. Sonst bleiben solche Sprüche schön innerhalb der Familie, und Sie können mir glauben, dass viele Syrer im Privaten auf das Regime fluchen. Es glaubt doch heute niemand mehr für fünf Minuten an die Herrlichkeit der Baath-Partei.

Sie gehen so weit, dass Sie diese Selbstzensur als Merkmal vieler arabischer Staaten sehen – das haben Sie in einigen Essays erläutert. Das Leben in der Diktatur habe die Gesellschaften dauerhaft krank gemacht und gelähmt. Wie können Sie das verallgemeinern?

Das kann ich, weil es in vielen Gesellschaften einen gemeinsamen kulturellen Nenner gibt, und das ist die Sippe. Zum Überleben in einer feindlichen Umgebung wie der Wüste war das früher eine nützliche Einrichtung. Man hat alles geteilt, füreinander gesorgt, ordnete sich in der Sippe dem Scheich unter. Das haben die Beduinen akzeptiert. Doch die Sippe hat die Menschen auch gelähmt, weil sie das Individuum unterdrückt hat. Die Revolution, die wir jetzt erleben, bricht mit diesem Gesetz der Sippe. Es beginnt ein neues Zeitalter, in dem sich Einzelne auflehnen und demonstrieren, ohne einen Oberen um Erlaubnis zu fragen. Für die moderne Gesellschaft ist die Sippe nicht geeignet. Andersherum haben sich Gaddafi, Assad und andere Clan-Führer auf das Prinzip der Sippe gestützt. Die Revolution hat nur eine Chance, wenn sie im Widerspruch zu diesem Prinzip steht, sonst haben wir Bürgerkrieg zwischen den Sippen.

Woher kommt diese neue Unabhängigkeit von der Sippe?

Es sind Menschen moderner Prägung, die die ersten Funken geschlagen haben: nicht Angehörige traditioneller Sippen, sondern junge Akademiker, die sich über Facebook verständigt haben und dann losgestürmt sind, in Kairo auf den Tahrirplatz und auf all die anderen Plätze. Das hat das alte Machtgefüge durcheinandergebracht.

Bei den Demonstrationen in Daraa, wo die syrischen Aufstände begannen, hat Facebook doch gar keine Rolle gespielt. Und in dieser Region herrschen weithin noch Stammesgesetze, so viel man weiß.

Das mag richtig sein, aber auch die haben sich über elektronische Medien organisiert. Ich habe am 15. März, als es losging, von einem Freund aus Daraa ein Video bekommen. Es zeigt die Demonstranten auf den Straßen – er hatte alles mit seinem Handy aufgenommen und dann schnell verschickt, wackelige Bilder von Menschenmassen, die mir das Gefühl gaben, mittendrin zu sein. Und damit haben sie sich auch dagegen geschützt, dass der Aufstand unbemerkt im Keim erstickt wird. Sie haben diese Videos nach Aleppo geschickt, nach Damaskus, nach Beirut, nach Deutschland – so hat die Welt davon erfahren.

Was kann das Ausland tun, um in diesem Konflikt zu helfen?

Die Syrer waren jahrzehntelang entrechtet, und die Europäer und Amerikaner haben sich an Erdöl und anderen Waren bedient, ohne nach den Menschenrechten zu fragen. Das geht in diesen Tagen der Revolution nicht mehr. Das muss aufhören. Das müssen auch Merkel und Westerwelle einsehen, die sich mit ihrer Entscheidung, sich aus dem Libyen-Konflikt herauszuhalten, aus der Weltpolitik herauskatapultiert haben. Das war aus meiner Sicht ein historischer Fehler.

Der Einsatz der internationalen Streitkräfte in Libyen ufert doch jetzt schon aus. Mit der Überwachung des Luftraums, wie sie geplant war, hat das Bombardement der Bodentruppen Gaddafis doch nichts mehr zu tun. Daran soll sich Deutschland beteiligen?

Nein, ich bin absolut gegen militärisches Eingreifen am Boden, ob in Libyen oder Syrien. In Bengasi aber ging es darum, die Regime-Gegner vor Gaddafis Gewalt zu schützen. Wäre Bengasi wieder in die Hände der Gaddafi-Truppen gefallen, wäre das Feuer der Aufstände auch in Ägypten und Tunesien bald wieder erloschen. Ich werde den anderen europäischen Ländern ewig dankbar sein, dass sie dort im letzten Moment eingegriffen und das Blatt gewendet haben. Aber in Syrien brauchen wir dieses Szenario gar nicht.

Was brauchen die Syrer dann?

Am wichtigsten: Westliche Politiker können der Opposition Gehör verschaffen. Sie können Regierungsgegner einladen, ihnen zuhören und Platz in den Medien geben. Dann wird man auch feststellen, dass das nicht alles Islamisten sind, wie manche vielleicht immer noch vermuten. Das wäre eine großartige Hilfe.

Welche der syrischen Oppositionskräfte sollen die westlichen Politiker denn unterstützen? Sollen sie die schiitischen Führer einladen, die Muslim-Bruderschaft, Vertreter der christlichen Minderheit?

Nein, damit wären die Europäer auf den Konfessionalismus und Religionskriege zurückgefallen. Ich denke zum Beispiel an Professoren der angesehenen Universitäten, die zur Opposition gehören. Es gibt Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen, Kinder und Jugendliche, die mutig an den Demonstrationen teilnahmen. Die Syrerinnen und Syrer sollte man unterstützen, auch medial, und nicht schon wieder irgendeinen Scheich antanzen lassen und hier mit irgendeinem Kardinal eine finanziell aufwendige, aber inhaltlich überflüssige Diskussion führen lassen. Da kommt am Ende doch nur die bahnbrechende Erkenntnis heraus, dass wir Menschen gleich sind. Wenn man die richtigen Leute aus der Opposition einlädt, dann können die den Politikern vielleicht sogar beibringen, dass das Mittelmeer viel näher und wichtiger für die Deutschen ist als der Hindukusch.

Interview: Thomas Wolff

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