Lade Inhalte...

FR-Interview mit Luc Besson „Ich habe gekämpft wie ein Löwe“

Der französische Regisseur Luc Besson über die Erfüllung seines größten Traums, reiche Dummköpfe im Filmgeschäft und darüber, wie er mit 14 seinen ersten Erotikfilm drehte.

04.10.2010 11:29
Seit Anfang der 90er Jahre ist Besson, der viele Drehbücher selbst schreibt, als sehr erfolgreicher Produzent tätig Foto: AFP

Der französische Regisseur Luc Besson über die Erfüllung seines größten Traums, reiche Dummköpfe im Filmgeschäft und darüber, wie er mit 14 seinen ersten Erotikfilm drehte.

Monsieur Besson, in Hollywood heißt ein geflügeltes Wort, dass niemand, der eine glückliche Kindheit hatte, Schauspieler wird. Trifft das auch auf Regisseure zu?

Ich war eigentlich kein unglückliches Kind, obwohl ich mich oft sehr einsam fühlte. Wohl auch deswegen, weil meine Eltern – die beide Tauchlehrer waren – beruflich in der ganzen Welt herumgereist sind. Das war auf der einen Seite natürlich sehr aufregend und interessant, auf der anderen Seite hatte ich aber nie wirkliche Freunde. Denn immer dann, wenn ich jemandem näher kam, reisten wir schon wieder ab. Was ich hatte, war die Natur um mich herum. Was tat ich also? Ich nahm einen Stein und drei Holzstückchen und erfand mir so die verrücktesten Spielzeuge.

Sie kreierten sich damit die Welt?

Ganz genau! Ich erinnere mich noch sehr gut daran, ich muss so sieben oder acht Jahre alt gewesen sein … Da hatte ich einen Stein, den ich über alles liebte. Es war ein magischer Stein: Zwei Tage lang fungierte er als Postkutsche beim Cowboy- und-Indianer-Spielen mit meinen Plastikfiguren. Dann war er ein Raumschiff, dann ein Lastwagen, ein Haus oder ein Elefant. Eines Tages hatte ich ihn verloren, was mich sehr traurig machte.

Was haben Sie ohne Ihren magischen Stein gemacht?

Ich habe einfach einen anderen gefunden. Meine Fähigkeit, mir Dinge – ganze Welten – herbeizufantasieren, hatte darin ihren Anfang. Und später, als ich so 16, 17 Jahre alt war, setzte ich mich dann vors Fenster und schaute hinaus. Ich sah Bäume, eine grüne Wiese und im Hintergrund Berge. Für mich war das wie eine Leinwand, auf die ich Geschichten aus meinem Kopf projizierte. So habe ich angefangen „Das fünfte Element“ zu schreiben. Für mich war das eine Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen.

Und wie wurden Sie schließlich Filmemacher?

Ich war ein Träumer, ein Autodidakt. Ich hatte ja keinen familiären Background, der mich auf das Filmemachen vorbereitete. Ich war, als ich mit 17 zum Film kam, ein krasser Außenseiter. Ich hatte kaum Kino-Filme gesehen, hatte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal einen Fernseher. Alles, was ich hatte, war meine Fantasie.

Wer oder was hat Sie – wenn schon nicht beeinflusst – dann wenigstens in Ihren prägenden Jahren beeindruckt?

Da gab es diesen Freund meiner Eltern. Er war Architekt. Ein einsamer Mann. Ich war um die 13 Jahre alt. Er war der erste Mensch, der mich als Erwachsener behandelt hat. Für ihn spielte Alter keine Rolle. Er gab mir Bücher über Architektur zu lesen, zeigte mir die Besonderheiten von Gebäuden und Bildern, machte mich auf Aspekte wie Perspektive und die Aufteilung von Räumen aufmerksam. Auf ganz spielerische Art und Weise und ohne mich damit zu überfordern. Das hat dann auch mein Interesse an der Fotografie geweckt. Und ich habe mir auch bald das Magazin Photo abonniert. Sehr zum Schrecken meiner Großeltern übrigens, weil da auch nackte Frauen abgebildet waren.

Was haben Sie damals denn gefilmt?

Sie werden lachen, ich habe schon damals – also mit 14, 15 Jahren – Kunst gemacht. Also nicht die Oma beim Kaffeetrinken gefilmt oder die Katze beim Mäusefangen. Nein, ich habe meine 13-jährige Spielkameradin nackt in die Badewanne gelegt und auf das Wasser Rosenblätter gestreut. Das habe ich dann gefilmt. Als meine Großeltern davon Wind bekamen, haben sie meinen Eltern geraten, mich zur Beobachtung in die Psychiatrie einliefern zu lassen.

Nun, Sie waren tatsächlich etwas jung für einen Sexfilmer …

… aber so unschuldig! Wir waren doch nur befreundet und haben nicht etwa miteinander geschlafen. Und auf dem Film hat man überhaupt nichts explizit Sexuelles gesehen. Das war die Zeit der David-Hamilton-Filme, als man gerne durch Chiffon-Schleier filmte.

Monsieur Besson, Sie sagten einmal, Kinofilme sind wie Aspirin …

… was ich damit meine ist, dass Kinofilme nicht Leben retten können. Sie sind keine echte Medizin. Bestenfalls wirken sie wie Aspirin.

Wenn Kinofilme Aspirin sind – was sind dann die Filme, die Sie machen? Prozac, Ecstasy, LSD?

Vielleicht all das – und noch ein bisschen mehr? Jetzt aber ohne Spaß: Nehmen wir meinen neuen Film „Adèle und das Geheimnis des Pharaos“. Für zwei Stunden wird der Zuschauer da in eine Fantasiewelt entführt, reist nach Ägypten, schaut Mumien beim Teetrinken zu, sieht einen Flugsaurier in Aktion und natürlich Adèle, diese junge Frau, die alles daransetzt, ihrer Schwester das Leben zu retten. Während dieser zwei Stunden ist der Zuschauer sehr weit weg von der Realität. Wenn er wieder in seine Wirklichkeit eintaucht, dann hat er vielleicht durch das, was er da erlebt hat, wieder etwas Energie aufgetankt.

Sind das die „künstlichen Paradiese“ – die Baudelaire meinte – auf Zelluloid?

Kann man sagen. Allerdings ohne Drogen. Natürlich ist ein Spielfilm immer hochartifiziell. Aber genau darin liegen auch die Schönheit und der Trost für den Betrachter.

Können Sie das bitte etwas näher erläutern?

Mir ist schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass die meisten Menschen den Politikern, Managern oder Bankern immer weniger vertrauen. Sie sind geradezu abgestoßen von deren Affären, Betrügereien und Lügen. Und dann sind da die Sportler. Bei denen geht es doch meist nur noch ums Geld und Doping.

Sie verallgemeinern.

Ich glaube, dass viele Menschen das so wahrnehmen und deswegen die Künstler entdeckten! Und die sind ja die Schlimmsten: Die rauchen, nehmen Drogen, haben Affären – aber sie heucheln nicht. Das mögen die Menschen.

Sie meinen, dass Künstler immer mehr Verantwortung übernehmen? Eine gewagte These.

Aber sie stimmt. Ich spüre das täglich. Was wir machen, ist zwar alles Fake – aber darin steckt mehr Wahrheit als in allem anderen. Es ist jetzt an uns, diese Menschen nicht auch noch zu verprellen. Wissen Sie, was mich wirklich glücklich macht? Wenn ich vor einem Multiplex-Kino stehe und mir 15 verschiedene Filme ansehen könnte, wenn ich wollte. Diese Vielfalt ist grandios.

Vielfalt ist ja schön und gut. Nur wie steht’s um die Qualität?

Um die geht es natürlich auch. Hier „Transformers“, dort der neue Godard. Da der neue Film von Wenders. Dort der neue von Luc Besson. Es gibt zwei Freiheiten, für die ich wie ein Löwe kämpfe: für Ihre Freiheit, unter diesen 15 Filmen den auswählen zu können, den Sie sehen wollen. Und für meine Freiheit, den Film zu machen, den ich machen will.

Hatten Sie als Selfmademan eigentlich unter dem Snobismus der französischen Kinoelite zu leiden?

Das hat mich nie wirklich gekratzt.

Auch nicht, wenn Ihre Filme als „Fast-Food-Kino“ verunglimpft wurden?

Nein. Es gibt gute Filme und schlechte. Basta. Truffaut, Chabrol, Godard und wie sie alle heißen, haben ein paar ganz hervorragende Filme gemacht. Ich liebe zum Beispiel Godards „Le Mépris“. Und dann gibt es Filme von ihm, die sind Mist. Aber nur weil es Godard ist, traut sich das keiner zu sagen.

Wollten Sie mit dem Regieführen nicht längst aufgehört haben?

Ich fühlte mich ausgebrannt. Das war 2006. Ich hatte bei zehn Filmen Regie geführt und dachte, jetzt ist Schluss. Die Leidenschaft hatte ich verloren. Das kann man durchaus mit einer großen Liebesaffäre vergleichen: the thrill was gone.

Und bei „Adèle“ kam der Thrill wieder zurück?

Ja, das hatte hauptsächlich damit zu tun, dass der Film einen leichten Ton hatte. Ich musste diesmal nicht das Gewicht der Welt auf meinen Schultern tragen, wie zum Beispiel bei „Johanna von Orleans“. Da haben mich sogar Leute aus dem Vatikan konsultiert und wollten wissen, warum ich den Film machte und was genau ich denn erzählen wollte. Das hat mich unheimlich gestresst.

Seit wann können Sie die Filme machen, die Sie wirklich machen wollen?

Seit „Im Rausch der Tiefe“. Bei meinen ersten beiden Filmen war ich noch von Idioten abhängig, die leider viel Macht über mich hatten. Aus dem einfachen Grund, weil ich kein Geld hatte. Ich habe zwar gekämpft wie ein Löwe, aber Dummheit siegt fast immer. Nach „Johanna von Orleans“ hatte ich mich dann 1999 endgültig freigeschwommen. Seitdem kann ich schalten und walten, wie ich will. In den letzten zehn Jahren hat mich aber immer geärgert, dass wir in Frankreich, das ja Jahr für Jahr in Europa die meisten Filme produziert, kein eigenes Filmstudio haben – 2010 sind es 250 Filme! Doch um die großen Filme realisieren zu können, müssen wir ins Ausland gehen. Was für eine Ver-schwendung an Arbeitskräften und Know-how! England hat die Pine-wood Studios. Italien Cinecittà, Deutschland die Bavaria Filmstudios und Babelsberg. Frankreich ist diesbezüglich noch Diaspora.

Das wollen Sie ändern.

Ich erfülle mir einen großen Traum. Zurzeit entsteht vor den Toren von Paris ein Studiokomplex mit einer Fläche von gut 60000 Quadratmetern. Mit vielen Hallen, einem Kino, einer Kantine und einer Filmhochschule. Finanziert wird das Ganze von einer Gruppe Investoren aus dem Banken- und Immobiliengewerbe. Und natürlich bin ich auch daran beteiligt. Im Mai 2012 ist Eröffnung.

Welche Filme werden Sie nie müde anzuschauen?

Lieblingsfilme sind bei mir eng mit dem Lebensalter verknüpft. Die schönste Erinnerung an einen Film, den ich mit acht Jahren gesehen habe, ist ganz klar das „Dschungelbuch“. Ich habe eine Woche lang nicht mehr mit meiner Mutter geredet, weil sie mir keinen Bären schenken wollte. Mit 16 war ich von zwei Filmen total beeindruckt: Der eine war „Einer flog über das Kuckucksnest“. Warum? Weil da plötzlich die sogenannten Verrückten überhaupt nicht verrückt waren, hingegen die sogenannten Normalen schon. Ich fühlte mich damals auch in einer Welt gefangen, in der alles auf dem Kopf stand. Der Film war Balsam auf meine Wunden. Mein Lieblings-Lieblingsfilm ist vielleicht „2001: Odyssee im Weltraum“.

Und welche Filme sind Ihnen heute, mit 50, wichtig?

Kleine Filme wie „Juno“. „Das Leben der Anderen“. Und natürlich „Inglourious Basterds“.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie schuld daran sind, dass Quentin Tarantino „Inglourious Basterds“ fürs Kino machte und nicht, wie ursprünglich geplant, als TV-Serie?
Ich hatte es vergessen, aber Quentin hat mich wieder daran erinnert. Ich habe ihm das damals bei einem Abendessen nahegelegt. Wissen Sie, für einen Künstler ist es extrem wichtig, dass er Menschen in seinem Leben hat, die ihm die Wahrheit sagen. Nicht die Wahrheit, aber ihre Wahrheit. Und das machen eigentlich nur Freunde. Wenn man erfolgreich ist, kann man kaum mehr jemandem trauen. Was glauben Sie, wie viele Claqueure und Ja-Sager so jemand wie Quentin um sich hat? Ich habe ihm damals nur gesagt: „Schade, dass du dein Talent ans Fernsehen verschwenden willst. Du bist einer der wenigen Regisseure, für die ich ins Kino gehe, wenn sie einen neuen Film am Start haben. Und du bist einer der ganz wenigen, die überhaupt noch interessante Kinofilme machen können.“ Das hat er sich wohl zu Herzen genommen.

Haben Sie denn Ihre Claqueure loswerden können?

Ich hoffe doch. Sie sind die Pest. Aber es gibt auch Menschen, die mir geholfen haben. Wie zum Beispiel Steven Spielberg. Vor Jahren hat er mich mal zu den Dreharbeiten von „Jurassic Park“ eingeladen. Was ich da – nur vom Zuschauen – gelernt habe! Wie locker, wie souverän und wie kameradschaftlich er am Set ist. Das hat mich schwer beeindruckt. In Frankreich nehmen sich Leute beim Film meist extrem wichtig und platzen fast vor Dünkel und Überheblichkeit. Als ich dann selbst wieder drehte, war ich viel relaxter und offener als je zuvor.

Wie lädt ein Vielschaffer wie Sie eigentlich seine Batterien auf?
Das weiß ich gar nicht so genau. Ich genieße mein Leben in Paris und in der Normandie sehr. Und ich genieße es, wenn die Kinder mal nicht da sind. Dann gehe ich shoppen.

Wie bitte?

Ich gehe zweimal im Jahr exzessiv shoppen: Im Frühjahr und im Herbst. Dann kaufe ich Tonnen von Jeans und T-Shirts. Das dauert einen halben Tag – und ich bin happy.

Das ist alles?

Okay, ich mache zweimal im Jahr für eine Woche Wellness. Ganz allein. Aber ich langweile mich schnell. Und dann setze ich mich wieder an den Computer und schreibe. Ich schreibe seit ich 16 bin. Das ist und bleibt mein größtes Laster.

Interview: Ulrich Lössl

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum