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FR-Interview mit Charles Aznavour „Ich bin nicht alt“

Der Chansonnier Charles Aznavour über Immigration, seine armenischen Wurzeln und die Kunst, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

04.04.2011 15:24
Der französische Sänger Charles Aznavour. Foto: AFP

Der Chansonnier Charles Aznavour über Immigration, seine armenischen Wurzeln und die Kunst, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Monsieur Aznavour, fangen wir doch einfach mit Ihrer Kindheit an. Wie sehr hat Sie die Armut, in der Sie zunächst aufgewachsen sind, geprägt?

Ich wuchs in armen Verhältnissen auf, das ist wahr. Aber es waren keine elenden Verhältnisse. Das ist ein großer Unterschied. Als mein Vater ein Restaurant in Paris eröffnete, mussten wir alle mit anpacken: meine Mutter, meine Schwester und ich. Aber darüber habe ich mich nie beklagt. Ich muss allerdings bekennen: An die Armut erinnere ich mich nicht so gerne. Ich denke lieber an das, was wir erreicht haben. Es ist ja auch merkwürdig, wenn ich den Menschen von der Armut erzähle, wenn sie doch wissen, dass es mir seit langem finanziell gut geht.

Trotzdem: Was haben Sie aus diesen frühen Jahren gelernt?

Meine Erfahrung ist, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Natürlich gilt dies nicht für alle – nicht für diejenigen etwa, die eine körperliche Behinderung haben. Aber ganz allgemein gesprochen finde ich, dass man sich ruhig etwas anstrengen kann und nicht faul sein sollte. Es ist auf jeden Fall falsch, auf die Hilfe des Staates zu warten.

Die hat Ihre Familie nicht erhalten?

Diese Option gab es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nicht. Wir waren gezwungen, besser zu lernen und härter zu arbeiten.

Sie sind in Frankreich geboren, aber Ihre Eltern waren Immigranten. War das Ankommen schwierig?

Für meine Familie war es einfach, in Frankreich Fuß zu fassen – nicht wegen der Franzosen, sondern weil wir unbedingt integriert sein wollten.

Haben Sie zu Hause Armenisch gesprochen?

Ja, aber meine Eltern haben sehr schnell Französisch gelernt. Meine Mutter sprach auch noch Deutsch, weil man das damals in der Türkei, woher sie kam, häufiger unterrichtete als etwa Englisch oder Französisch. Mein Vater hat in Frankreich allerdings seinen starken armenischen Akzent beibehalten – das klang sehr lustig. Wie gesagt: Wir wollten möglichst schnell integriert sein. Da verhielten wir uns wie die meisten Immigranten – wie die Polen, Spanier, Italiener, Juden. Allerdings blieben die Türken unter sich. Es wurde damals von ihnen auch darauf geachtet, dass ein Türke nur eine Türkin oder zumindest eine Moslemin heiratete. Diese Haltung ist nicht gut.

Warum nicht?

Wir müssen nicht nur unsere Arme öffnen, sondern auch unseren Verstand. In meiner Familie gibt es einen Juden und einen Moslem, meine Frau ist Protestantin und ich bin gregorianischen Glaubens, gehöre also zur orthodoxen Kirche Armeniens. Das ist kein Problem. Wir müssen versuchen zusammenzuleben, egal welcher Religion oder welcher Nation der Nachbar angehört. Wir sind alle Erdenbürger. Lassen Sie uns kurz utopisch denken! Angenommen, wir bekämen Besuch aus dem Weltall, meinetwegen von grünen Männchen, die etwas von uns wollten. Glauben Sie, dass wir dann noch sagten, wir seien Deutsche oder Franzosen? Nein. Wir sind „terriens“, die Irdischen.

Sie träumen von der Weltgemeinschaft?

Die Welt sollte als Gemeinschaft zumindest ein wenig enger zusammenstehen. Zwar haben wir in Europa die Grenzen aufgehoben, aber in unseren Köpfen sind diese Grenzen doch immer noch vorhanden.

Das Thema Immigration lässt Sie nicht los – wenn auch heute aus einer ganz anderen Warte heraus.

Ja, das ist richtig. Ich kümmere mich um Menschen, die in Not sind, besonders um die Immigranten. Natürlich haben wir viele von ihnen in Frankreich – aber wohin sollen die Menschen denn in ihrer Not gehen? Ich glaube, Frankreich kann noch ein paar aufnehmen, aber dann müssten große Länder wie Australien oder Kanada stärker ins Spiel kommen.

Ihre Eltern sind nach dem Völkermord der Türken an den Armeniern im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nach Paris gezogen. Welche Rolle spielte diese schreckliche Erfahrung Ihrer Eltern in Ihrer Kindheit?

Nahezu die ganze Familie meiner Mutter ist im Zuge des Genozids umgekommen – nur sie und ihre Großmutter konnten entkommen. Bei meinem Vater war das anders. Er war zu der Zeit in Georgien in Sicherheit.

Was haben Ihnen Ihre Eltern davon erzählt?

Mit meinen Eltern habe ich nicht viel über diese Ereignisse gesprochen. Sie wollten es nicht. Ich glaube, es ist so ähnlich wie bei den Juden – erst eine nachfolgende Generation hat wieder die Kraft, das Schweigen zu brechen und über die Gewalt zu sprechen.

Welche Empfindungen hegen Sie heute gegenüber der Türkei?

Ich habe nichts gegen das türkische Volk. Ich gehe in türkische Restaurants und korrespondiere mit türkischen Schriftstellern. Einer meiner besten Freunde, der leider verstorben ist, war ein Türke. Eine kleine Geschichte: Als wir unser Haus bauen ließen, wurde ich von unserem Architekten gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, dass eine Gruppe türkischer Bauarbeiter mein Haus errichtet. Da habe ich nur gesagt: „Sind die Männer gut auf ihrem Gebiet? Dann ist es in Ordnung.“ Das Haus steht jetzt seit fast 20 Jahren. Es ist solide und schön – und es waren gute Arbeiter.

Und der türkische Staat?

Wenn ich Kritik übe im Zusammenhang mit dem Genozid, dann zielt sie nur auf die Regierung, aber nicht auf die Bevölkerung. Die derzeitige Generation trägt ja keine Schuld für die damaligen Ereignisse, nicht einmal die vorangegangene, sondern erst die davor.

Was erwarten Sie von der türkischen Regierung?

Dass sie endlich ein, zwei Schritte nach vorne machte, ohne am nächsten Tag wieder einen Schritt zurück zu machen. Bei alledem müssen wir bedenken, dass es nicht nur um den armenischen Genozid geht, sondern um viele Genozide – etwa auch den in Ruanda.

Sie können da ja nicht nur als Privatmann mitreden, sondern auch als Politiker.

So ist das nicht. Ich bin zwar armenischer Botschafter in der Schweiz. Aber damit bin ich noch kein Politiker, sondern ein Diplomat. Zum Glück gibt es keine Probleme zwischen der Schweiz und Armenien. Auch werden wir keinen Krieg mit der Schweiz führen. Das wäre allerdings auch sehr schwierig. Und als ich mir vor kurzem im französischen Senat die Debatte über die Genozide anhörte, war ich da nicht als Diplomat, sondern als Privatmann. Meine Regierung in Armenien habe ich dafür jedenfalls nicht um Erlaubnis gebeten.

Seit 2008 haben Sie auch die armenische Staatsbürgerschaft. Die Verbindung zum Land Ihrer Eltern ist also enger geworden.

Die Situation in Armenien beschäftigt mich sehr. Im Moment sind alle Grenzen geschlossen – bis auf die zum Iran. Mit dem Land bemühen wir uns um gutnachbarschaftliche Beziehungen. Da gibt es keine religiösen Probleme, auch wenn wir nicht eines Glaubens sind. Armenien ist bekanntlich das älteste christliche Land. Wir sind also früher dran gewesen als der Vatikan. Aber wir haben auch sechs Moscheen – wobei ich nicht weiß, ob wir überhaupt sechs Moslems haben. Eine Synagoge gibt es auch.Armenien haben Sie auch beigestanden, als es dort 1988 ein schweres Erdbeben gab...

Ja. Und das habe ich auch im vergangenen Jahr getan, als es auf Haiti das große Beben gab.

Was empfinden Sie angesichts der japanischen Katastrophe?

Eine große Sorge – selbstverständlich. Und ich glaube, dass Ihre Bundeskanzlerin jetzt richtig handelt, wenn sie die älteren Kernkraftwerke abschaltet und überprüfen lässt. In Frankreich haben wir auf jeden Fall viel zu viele Atomkraftwerke. Wenn da etwas passieren würde, wäre es genauso fürchterlich.

Reden wir über Ihre Kunst! Sie haben mit vielen großen Künstlern zusammengearbeitet. Würden Sie gerne noch einmal mit einem von diesen auftreten, wenn dies möglich wäre?

Ja, ganz sicher.

Würden Sie lieber mit Edith Piaf singen oder mit François Truffaut einen Film drehen?

Ich würde gerne mit beiden gemeinsam arbeiten. Wir könnten einen Film mit Edith Piaf und mir machen, den Truffaut inszeniert.

Mit wem sonst wäre es noch eine Verlockung?

Also, ernsthaft gesprochen, möchte ich keinen Film mehr machen. Wann immer man mich bittet, doch noch in einem Spielfilm mitzuwirken, finde ich eine Ausrede.

Warum ist das so?

Zum einen wäre es für mich nur eben noch ein weiterer Film. Was soll mir das bringen? Zum anderen mag ich nicht mehr für einen fernen Drehort meine Familie zurücklassen. In meinem Alter möchte ich meine Familie in der Nähe wissen bis zu jenem furchtbaren Augenblick.

Ängstigt Sie dieser Augenblick?

Ich habe keine Angst zu sterben, aber ich habe Angst, nicht mehr zu leben.

Man kann nicht sagen, dass Sie sich aufs Altenteil zurückgezogen hätten.

Ich arbeite immer noch viel. Ich schreibe vor allem. Nur mit der Bühne habe ich abgeschlossen.

Fast abgeschlossen. Denn im Herbst treten Sie wieder mit Chansons im Pariser „Olympia“ auf.

Einen Monat lang. Wenn ich vernünftig bin, wird es das letzte Mal sein. Aber ich weiß nicht, ob ich vernünftig sein werde. Ich bin ja nicht alt, sondern nur reich an Jahren. Denken Sie nur an die ganz großen Künstler wie Picasso oder Rodin! Die haben nie gesagt, sie seien zu alt, um Künstler zu sein, sondern haben bis zuletzt herausragende Werke geschaffen. Wer es aufgibt, tätig zu sein, der stirbt.

Interview: Martin Oehlen

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