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Fotografie Kunst am Schlagloch

Von Baywatch-Szenen bis zu Alice auf dem Sprung ins Wunderland: Wie die Kanadier Claudia Ficca und Davide Luciano mit kaputtem Straßenbelag schöne Bilder machen.

21.01.2011 11:08
New York City: auf der Straße vor einem Loch voll Spaghetti. Foto: mypotholes.com

Ms Ficca, Mr Luciano, Sie machen Kunst mit Schlaglöchern. Wie sieht eigentlich die Straße aus, in der Sie leben?

Claudia Ficca: In unserer Straße gibt es tatsächlich sehr viele Schlaglöcher. Das gilt aber für ganz Montreal. Die Idee zu „mypotholes“ kam uns denn auch, als wir mit unserem Wagen mal wieder über ein besonders großes Schlagloch fuhren.

Andere würden dadurch nur zum Fluchen inspiriert werden.

Davide Luciano: Wir haben uns anfangs auch geärgert. Aber dann überlegten wir, wie lustig es wäre, wenn man durch die Stadt führe und überall Leute sehen würde, die diese Löcher sinnvoll nutzen.

Auf Ihren Bildern werden die Schlaglöcher als Spaghetti-Teller, Champagnerkühler oder Taufbecken genutzt. Wie finden Sie das jeweils passende Loch?

Ficca: Wir fahren manchmal stundenlang durch die Straßen. Immer auf der Suche nach dem perfekten Schlagloch. Wenn wir dann eines finden, halten wir an, notieren uns die genaue Lage und machen ein Foto. Das Foto ist wichtig, weil manche Löcher zwar in der Straße nett aussehen, aber trotzdem nicht fotogen sind.

Welche Eigenschaften hat das perfekte Schlagloch?

Ficca: Möglichst groß und möglichst in der Mitte der Straße. Diese kleinen Löcher in der Nähe des Bürgersteigs taugen nichts. Es sollte auch eine gewisse Tiefe haben. Besonders lieben wir es, wenn der Asphalt rund um das Loch einige Risse hat. Das gibt so eine schöne Textur und dem Loch seinen ganz eigenen Charakter. Aber solche Schlaglöcher sind sehr schwer zu finden.

Luciano: Ein paar Mal hatten wir das perfekte Schlagloch schon, aber als wir am nächsten Tag mit unserer Ausrüstung und den Models kamen, hatte die Stadt es bereits geflickt.

Sie müssen schnell sein!

Luciano: Ja. Auch während des Fotoshootings. Innerhalb von fünf Minuten bauen wir unser Equipment auf...

...und behindern trotzdem den ganzen Verkehr.

Luciano: Die Autos fahren auf jeden Fall alle langsamer. Aber die meisten Passanten lachen nur und fragen, ob sie mit aufs Bild dürfen.

Holen Sie vorher eine offizielle Genehmigung ein?

Ficca: Nein. Und einmal hatten wir auch echt Angst, festgenommen zu werden. Bei einer Aufnahme in New York, als plötzlich zwei Cops vorbeikamen – während unser Model mitten auf der Straße saß und Spaghetti aus einem Schlagloch aß. Zum Glück waren wir fast fertig. Ich bin los gestürmt, habe die Tüte mit den Spaghetti aus dem Schlagloch gerissen und bin dann mit dem Rest der Crew davongelaufen. Zurück blieben nur zwei verdatterte Polizisten.

Sie haben Löcher in New York, Los Angeles, Toronto und Montreal fotografiert. Welche Stadt hat die schönsten Schlaglöcher?

Ficca: Montreal ist sehr schwer zu schlagen. Wegen des harten Winters haben wir hier wirklich eine Menge wunderschöner Schlaglöcher. Die in L. A. sind aber auch nicht schlecht. Interessanterweise hat jede Stadt ihre ganz eigene Schlaglochform – in Montreal sind sie alle sehr rund. In L. A. waren sie eher dreieckig.

Hat sich Ihre Sichtweise auf Schlaglöcher durch das Projekt verändert?

Luciano: Absolut. Noch vor einem Jahr haben wir sie gehasst. Inzwischen haben wir eine Art Liebesaffäre mit Schlaglöchern. Ich sehe ein Schlagloch und denke: In was kann ich dieses Loch verwandeln? Und vielen Leuten geht es durch unser Projekt ähnlich. Die schreiben uns dann, sie hätten ein wunderschönes Loch in ihrer Straße, ob wir nicht mal vorbeikommen wollten. Oder sie behaupten, ihre Stadt hätte die schönsten Löcher. Die Leute nehmen Schlaglöcher mit mehr Humor.

Interview: Judith Kessler

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