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Forschung und Philosophie Was ist Weisheit?

Die Kunst der klugen Lebensführung ist keine Frage des Alters, sagt unser Autor Gert Scobel. Vielmehr ist Weisheit ein mehrdimensionaler Begriff, der sich wissenschaftlich erforschen lässt.

04.11.2009 15:11
Gert Scobel
Pallas Athene, die griechische Göttin der Weisheit. Foto: Wikipedia/public domain

"Der Weg zur Wahrheit ist mit Irrtümern gepflastert", bemerkte Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Leider ist auch der Weg zur Weisheit bei den Wanderungen durch die Welt mindestens so beschwerlich und bedauerlicherweise ebenfalls voller Irrtümer. Drei dieser Irrtümer werden immer wieder als geradezu selbstverständliche, unumstößlich richtige Ansichten über die Weisheit postuliert. Tatsächlich aber versperren sie den offenen Blick auf das, was zu Recht mit einem eigenen Konzept "Weisheit" genannt wird und im Unterschied zur Erkenntnis von Wahrheit nicht nur mit Kognition, sondern auch mit Praxis, mit der Bewältigung schwieriger und im Grunde unlösbarer Lebensprobleme zu tun hat.

Die in unserem Kulturkreis vielleicht am weitesten verbreitete Ansicht über die Weisheit lautet, dass Weisheit etwas sei, das sich zwar mühsam (weil das Altern mühsam ist) aber gleichsam automatisch (nämlich mit zunehmendem Alter) einstellt. Wer sich die Mühe macht, sich mit der seit einigen Jahren wachsenden Forschung zum Thema "Weisheit" vertraut zu machen, wird schnell finden, dass diese Ansicht falsch ist. Die Erforschung von Weisheit - die Disziplinen wie Psychologie, Neurowissenschaften, Medizin, Kognitions-, Emotionsforschung und vieles mehr umfasst - geht dabei weit über die Philosophie als ursprüngliche "Königsdisziplin der Weisheit" hinaus. Tatsächlich hat die Philosophie die Wurzel ihres Tuns (die untrennbar mit der Frage nach dem gelungenen Leben zusammenhängt) heute weitgehend vergessen (oder verdrängt?). Als rein akademische Disziplin gibt sie vor, von der einstmals stürmischen "Liebe zur Weisheit" nichts mehr zu wissen (oder wissen zu wollen). Den tiefen Schlaf, in den die philosophische Vernunft bis auf Ausnahmen gefallen ist, könnte man als eine Anpassung an das gegenwärtige Banalisierungsparadigma interpretieren: Was den einen die Schönheitsoperation, das ist den anderen der akademische Schönheitsschlaf, der, einmal chronisch geworden, den Übergang zum Wachkoma markiert.

Einer der Pioniere der deutschen Weisheitsforschung ist der 2006 verstorbene Psychologe und Gerontologe Paul Baltes, Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Es würde zu weit führen, die spannenden methodischen Überlegungen, all die Tests und Fragebögen und schließlich die Folgerungen aufzuzeigen, die sich aus dem inzwischen weltweit anerkannten "Berliner Weisheitsmodell" ergeben, das Baltes mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - darunter Ursula Staudinger und Gerd Gigerenzer - entwickelt hat. Warum er als Bildungsforscher und Gerontologe überhaupt auf das Thema Weisheit kam, ist leicht nachzuvollziehen: Gilt Weisheit nicht als die einzig verbleibende positive Eigenschaft, die das Alter mit sich bringt? Ein Blick in die eigene Verwandtschaft (und wer diesen Blick scheut: in den eigenen Freundeskreis, die Arbeitszusammenhänge, die Politik etc.) zeigt bereits, dass der Satz "Alter macht weise" nicht notwendig wahr ist. In den meisten Fällen ist er sogar schlicht falsch. Baltes fand in vielen ausgeklügelten Experimenten heraus, dass das, was zur Weisheit gehört - es handelt sich um ein ganzes "Set", ein Bündel von Eigenschaften, von denen keine für sich alleine ausreicht, um Weisheit zu definieren - etwa mit dem Erreichen des 25. Lebensjahres abgeschlossen ist. Danach kann man die "Weisheitsfähigkeiten" zwar erweitern, trainieren, kultivieren: aber wer das nicht tut, wird die Anlage zur Weisheit verkümmern lassen. Sie entwickelt sich nicht automatisch weiter.

Der Grund, warum Alter mit Weisheit assoziiert wird, liegt weniger am Weisheitszuwachs als vielmehr an dem damit leicht verwechselten Umstand, dass man mit zunehmendem Alter immer mehr "verschiedene Typen" von Menschen kennengelernt hat und daher auch mit ihnen umzugehen weiß. Diese Gelassenheit im Umgang mit anderen ist sicher eine durch viele Erfahrungen erworbene Routine - jedoch längst noch keine Weisheit. Wenn die wunderbaren Portraits und Interviews des Bandes von Andrew Zuckerman und Alex Vlack das Gegenteil zu beweisen scheinen, dann darf man bei allem Lob des Alters nicht vergessen, dass Menschen wie Nelson Mandela, der Dalai Lama, und Desmond Tutu, aber auch Clint Eastwood, Vaclav Havel, Lou Reed, Vanessa Redgrave oder Nadine Gordimer nicht einfach nur älter und deshalb auch weise geworden sind. Vielmehr sind sie durch vielerlei Krisen gegangen und haben sich mit den entscheidenden Fragen des Lebens befasst und sind dabei zu guten Lösungen gekommen. Erst in dieser Auseinandersetzung haben sie zur Weisheit gefunden.

Ebenso falsch wie die Ansicht, dass Weisheit eine Frage des Alters sei (es gibt junge Leute, die Ältere in Sachen Weisheit weit übertreffen), ist die zweite weit verbreitete Ansicht, dass sich Weisheit niemals richtig erfassen ließe. Wenn überhaupt, so die Behauptung, sei Weisheit etwas "Esoterisches", das sich dem genauen Blick der empirischen Forschung entzieht. Das Gegenteil ist der Fall, wie ich in meinem Buch "Weisheit - über das, was uns fehlt" gezeigt habe.

Weisheitskompetenz ist nicht esoterisch, sondern hat mit handfester Alltagsbewältigung und nachprüfbarer Kriterien zu tun. Richtig ist lediglich, dass Weisheit tatsächlich ein mehrdimensionaler Begriff ist. Doch das trifft beispielsweise auch auf den Begriff der Intelligenz zu, von dem es eine Vielzahl von Definitionen gibt. Baltes und Staudinger zeigten, dass sich etwa 40 % all dessen, was Weisheit ausmacht, durch insgesamt 33 "psychometrische Indikatoren" abbilden lässt. Der Rest ist also etwas Eigenes, eine eigene Kompetenz, die sich nicht einfach in eine Vielzahl von Eigenschaften auflöst. Kein einziger der 33 Indikatoren macht für sich alleine Weisheit aus. Und erst wer 10 oder mehr dieser "Indikatoren" aufweist, hat überhaupt gute Chancen zu den Kandidaten zu gehören, die ein hohes Ma? an Weisheit haben. Weisheit ist in hohem Maße "koordinativ" und hat mit dem Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren zu tun. Ein Blick in die Interviews des Bildbandes bestätigt diese Ansicht über die integrative, vielseitige Struktur von Weisheit. Diese lässt sich, allen Vorurteilen zum Trotz, durchaus wissenschaftlich erforschen. Warum? Verknappt gesagt: weil Weisheit damit zu tun hat, wie wir uns in komplexen, scheinbar unlösbaren Situationen zurecht finden und diese nachhaltig steuern. Komplexität ist jedoch nicht nur zentral für Weisheit, sondern gegenwärtig auch zu einem der heißesten Forschungsgegenstände der Naturwissenschaften geworden.

Der dritte Irrtum schließlich besteht in der Annahme, mit der Weisheit verhalte es sich so ähnlich wie mit dem absoluten Gehör. Man hat es oder eben nicht; aber es lässt sich keinesfalls lernen oder kultivieren ("trainieren"). Experimente sowohl mit kognitiven wie auch mit emotionalen Einstellungen zeigen: Weisheit lässt sich, wenn man beispielsweise den Umgang mit komplexen Problemlösungen trainiert, durchaus kultivieren. Wäre das nicht so, würden nicht nur die neurowissenschaftlichen Untersuchungen der Meditationsformen als "Königsweg zur Weisheit" keine Ergebnisse zeigen; alle Bemühungen, weise zu werden, wären dann schlicht sinnlos. Zwar mag Weisheit etwas sein, das uns derzeit fehlt (obwohl wir diesen scheinbar unspezifischen Mangel unter dem wir leiden oftmals nicht als den spezifischen Mangel an Weisheit begreifen, der er eigentlich ist). Aber wir können Weisheitskompetenz durch entsprechende Angebote zunächst in der Schule und auch danach durchaus trainieren - wenn wir das überhaupt wollen (derzeit scheinen wir es nicht zu wollen). Das Erstaunlichste ist vielleicht, dass sich inzwischen eine Reihe von ernstzunehmenden Wissenschaftlern weltweit und über die Grenzen einzelner Disziplinen hinaus aufgemacht hat, Weisheitskompetenz zu erforschen. Ihr Ziel dabei ist es, am Ende besser als heute in der Lage zu sein, uns Anleitungen an die Hand zu geben um das zu finden, was uns fehlt. Denn eine Frucht von Weisheit - darin sind sich die Menschen kulturübergreifend einig - besteht darin, zufriedener und glücklicher zu leben.

Gert Scobel, Jahrgang 1959, studierte u.a. Philosophie, arbeitet als Wissenschaftsjournalist und moderiert das TV-Magazin "scobel" , jeden Donnerstags um 21 Uhr auf 3sat.

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