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Flugbegleiter rastet aus Himmlischer Aussteiger

Flugbegleiter Steven Slater beschimpft die Passagiere über das Bordtelefon: Dann schnappt er sich ein Bier, aktiviert die Notrutsche und flüchtet. Im Internet wird er zum Helden erklärt.

Steven Slater präsentiert sich bei MySpace. Foto: MySpace

John F. Kennedy-Airport, New York, Montagmittag örtlicher Zeit. Ein Mann schlendert mit einer Dose Bier übers Flughafengelände zu seinem Auto. Steven Slater macht dann mal Feierabend. Er will nur noch nach Hause. Und Menschen auf der ganzen Welt werden ihn in ein paar Stunden so gut verstehen.

Slater, 39, Flugbegleiter beim US-Billigflieger Jetblue (Motto: „Happy Jetting“), kommt von der Arbeit. Er hat den Menschen an Bord geduldig ihre Wünsche erfüllt. Das ist sein Job. Auf der Neunzig-Minuten-Reise von Pittsburgh nach New York hat er ihnen vielleicht ein Getränk serviert, den Weg zur Toilette gewiesen, eventuell ein Spielzeug fürs Kind gereicht, einen Kopfhörer oder eine Zeitung. Er hat seinen Teil zum friedlichen Ablauf des Fluges beigetragen.

Im früheren Leben Stewardess aus „Airport ’75“

Steven Slater (MySpace-Profil) ist ein properer Typ mit kurzen blonden Haaren, offenbar ein umgänglicher; zumindest wirkt er so auf seiner MySpace-Seite im Internet. Als „Steven-NYCFLYER“ schreibt er dort, dass er – wen wundert’s – gern reist, dass er musikalisch „Disco-Trash“ ebenso mag wie „langhaarige Metal-Balladen“, aber auch Jazz. Er witzelt, in einem früheren Leben sei er Karen Black gewesen, die Stewardess aus dem Flugzeug-Katastrophenfilm „Airport ’75“, bekannt für ihren Notruf „Salt Lake? Kann mich irgendjemand hören? Salt Lake?“. Er schreibt, er sei froh, wieder zu fliegen nach einer Weile am Boden, in der er Alkoholismus und Drogenmissbrauch besiegt habe. Zu denken gibt auch der Hinweis, seine Gemütsverfassung sei seit geraumer Zeit „pissy“ gewesen.

Aber zurück zu Flug 1052. Genau wissen wir nicht, wie die kurze Reise am Montag ostamerikanischer Zeit verläuft. Aber was wir aus den Berichten der Mitreisenden in US-Medien wissen, ist, wie der Flug endet, der Steven Slater in Polizeigewahrsam bringen wird. Als die Maschine des Typs Embraer 190 landet, sagt er den Leuten routinemäßig, sie sollten doch bitte sitzen bleiben, bis das Gate zum Aussteigen erreicht ist – und die Leute stehen routinemäßig trotzdem auf und wollen die ersten sein, die ihr Gepäck aus der Ladeklappe holen. In diesem konkreten Fall ist es eine Frau, die ihre Tasche unverzüglich braucht. Als Slater sie anweist, sich wieder hinzusetzen, bekommt er im folgenden Handgemenge ein Gepäckstück auf den Kopf.

Vielleicht kann man sich ein wenig in die Gemütsverfassung eines Stewards hineindenken. Vielleicht, wenn man sich vorstellt, man selbst sei der Mann, der seit Jahren mit einem schmalen Wagen durch einen fast ebenso schmalen Gang manövriert. Es mag noch zu ertragen sein, wenn Menschen an Bord eines Flugzeugs in Scharen Lust auf Tomatensaft bekommen, nur auf Tomatensaft und auf nichts als Tomatensaft – Menschen, die sonst nie Tomatensaft trinken, nur an Bord eines Flugzeugs.

Man kommt vielleicht auch, für sich gesehen, mit einem Langstreckenflug Frankfurt–Tokio zurecht, auf den ausschließlich japanische Europareisende gebucht sind, die den Abend zuvor mit übermäßigem Verzehr von Sauerkraut, Handkäse und vor allem Apfelwein verbracht haben. Und vermutlich ist es auch zu überstehen, wenn wieder einmal alle zehn Minuten jemand auf dem Klo rauchen muss. Damit kommt ein guter Flugbegleiter klar. Aber irgendwann kommt die Landung, und du sagst ihnen, wenigstens sollen sie sitzen bleiben, sie sollen verdammt noch mal sitzen bleiben. Aber sie bleiben einfach nicht sitzen.

Am Ende der Rollbahn also fällt Steven Slater die Tasche der Passagierin auf den Kopf. Das ist dann wohl zu viel. Der Steward verlangt eine Entschuldigung, erhält aber stattdessen eine wüste Beschimpfung. Da eilt er ans Ende des Flugzeugs, berichten die US-Zeitungen, er nimmt das Mikrofon und macht seiner Unzufriedenheit Luft. Die widerspenstige Passagierin wird von ihm, so kann man ohne Übertreibung sagen, nach Strich und Faden zusammengeschissen. Einmal in Fahrt, äußert Slater am Mikro gleich noch seinen tiefgreifenden Unmut über Jet-Reisende allgemein. 20 Jahre im Fluggeschäft seien genug, lässt er wissen und dann, sarkastisch: „Es war großartig.“

Hausfriedensbruch und krimineller Unfug

Was folgt, macht den 39-Jährigen in Internetforen von Australien bis Alaska zum Helden: Der Mann greift sich „mindestens eine Dose Bier“, heißt es in den Angaben der Behörden, er löst die Notrutsche des Flugzeugs aus, ruft noch: „That’s it“ (das war’s). Saust über die Rutsche hinunter aufs Airport-Gelände, geht zu seinem Wagen und fährt heim. Dort nimmt ihn die Polizei eine halbe Stunde später fest. Vorwürfe: Hausfriedensbruch, vorsätzliche Gefährdung – und krimineller Unfug.

Wenn Steven Slater wegen seines New Yorker Abgangs verurteilt wird, blühen ihm bis zu sieben Jahre hinter Gittern. Die Staatsgewalt nimmt ihm besonders die Sache mit der Rutsche übel. Die Apparatur ist teuer, sie rauscht in Sekundenschnelle herunter, und sie hätte jemanden verletzen können. Das ficht die rapide wachsende Fanschar des vom Himmel geglittenen Helden nicht an. „Bravo, Mr. Slater!“, heißt es etwa in der Kommentarleiste der Huffington Post, ein anderer Leser lobt: „So kündigt man sauber seinen Job.“

Auf der Website der australischen Brisbane Times findet es Kommentator „Maxx“ am besten, „dass er Zeit hatte, ein Bier zu schnappen, ehe er abzischte. Unbezahlbar!“ Die wenigsten äußern Kritik an Steven Slater, aber wenn, dann drastisch: Er hätte den Notausstieg schon in der Luft nehmen sollen, postet „Jason“.

Als Steven Slater abgeführt wird, berichten Zeugen, hat er ein Lächeln im Gesicht.

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