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Fliegerbombe von München Am Rand des Kraters

Vor zweieinhalb Wochen wurde in München eine Fliegerbombe gesprengt. Sie erschütterte ein ganzes Viertel und machte nebenbei den Weg frei für die Pläne eines Investors. Schwabing ist nicht mehr das, was es war, sagen die, die dort wohnen.

14.09.2012 17:44
Anne Lena Mösken
Auf dieser Brache befand sich einmal die Schwabinger 7, eine Kneipe, in der das Bier billig war für Münchner Verhältnisse. Sie stand über einer 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe, die am 28. August kontrolliert gesprengt wurde. Foto: dapd

Die Fliegerbombe hat zwanzig Opfer gefordert. Sie hausten in dem Stromkasten, der vor dem Hauseingang in der Feilitzschstraße 11 steht. Lala, der Inder, hat ihre kleinen toten Körper auf dem Bürgersteig gefunden. Er holte die Kehrschaufel aus seinem Kebabladen, sammelte die Mäuseleichen ein und warf sie in die Mülltonne. Dann machte er den Laden auf. Es war Freitag, 16 Uhr, drei Tage nach der Explosion.

Der Kebabladen liegt direkt neben dem Krater, den die Bombe vor zweieinhalb Wochen in den Norden von München riss. Siebzig Jahre zuvor hatte sie ein amerikanischer Flieger über Schwabing fallen lassen, auf das Künstlerviertel, wo einst Paul Klee und Wassily Kandinsky in den Cafés saßen und Rainer Maria Rilke und Bertolt Brecht Gedichte schrieben. Die Bombe zündete nicht, sie lag einfach da, senkrecht im Boden, 250 Kilogramm schwer, sie fiel niemandem auf, denn das Grundstück wurde nach dem Krieg nicht bebaut. Stattdessen stellte jemand eine Hütte aus Brettern dorthin und verkaufte Bier, erst an die amerikanischen Soldaten, dann an die Studenten. Schwabinger 7 hieß die Hütte. Zuletzt kostete das Bier dort zwei Euro weniger als anderswo in Schwabing.

Ja, mei, sagt der Sikh

Dann, im Juli vergangenen Jahres, riss ein Investor aus Hamburg die Hütte ab. Die Studenten protestierten, die Nachbarn klagten vor Gericht, weil der Hamburger so hoch bauen wollte, dass sie kein Licht mehr in ihren Wohnungen haben würden. Baustopp. Die Nachbarn gewannen. Der Investor veränderte seine Pläne, vor einem Monat dann konnte er weiterbauen. Ein Arbeiter schlug einen Pfeiler in den Schwabinger Boden und fand: die Bombe.

„Ich war der Zweite, der sie gesehen hat“, sagt Lala. Er sitzt vor dem Kebabladen, trägt Kapuzenpulli und trinkt Red Bull. Sie haben dann gescherzt, er und die anderen aus der Feilitzschstraße, der Hans, dem der Kebab gehört und die Kneipe nebenan, der Alex aus dem Bekleidungsgeschäft einen Eingang weiter, der Tom aus dem ersten Stock. „So eine alte Bombe“, sagt Lala, „die wird einfach entschärft, die ist ungefährlich.“ Sie wurde kontrolliert gesprengt: Am 28. August um 21.45?Uhr zitterte in Schwabing der Erdboden, und über den Dächern stieg eine glutrote Wolke auf. Die alten Leute in Schwabing dachten an den Krieg. Lala dachte an die Damentoilette im Schwabinger 7. „Die lag direkt über der Bombe“, sagt er.

Lala ist 27 Jahre alt und heißt eigentlich Balihar Singh. Aber das kann sich in Schwabing niemand merken. Also ist er einfach Lala. „Wegen des Kebabs denken die meisten eh, ich bin Türke“, sagt Lala, „ja, mei.“ Er wurde im Punjab geboren, wo Sikhs und Hindus erbittert um Land und Macht kämpfen. Vor zehn Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Lala setzte seinen Turban ab, schnitt sich die Haare kurz, machte seinen Hauptschulabschluss und jobbte im Schwabinger 7. „Wenn die Bombe einfach hochgegangen wäre, hätte sie mich getroffen“, sagt Lala. Jetzt ziehen sich ein paar Risse durch die Scheibe des Kebabladens.

Der Hut hat die Fliegerbombe überlebt

Der Besitzer des Kebabs neben dem Krater ist Hans Rickert. Breitbeinig steht er in Jeans und abgewetzten Lederslippern neben dem Stromkasten, zieht an seiner kubanischen Zigarre und blickt auf die Menschen, die sich am Bauzaun vor dem Krater drängen, ihre Handys durch die Gitterstäbe stecken und Fotos davon machen, als wäre es der Marienplatz. Oder Ground Zero. Viel gibt es nicht zu sehen, außer einer Menge Sandsäcke und nassen Strohhaufen.

„Ich stell’ mich doch nicht hin und schau den blöden Bombenkrater an“, sagt Rickert. „Mich interessiert das nicht. Was soll ich machen, wenn’s mir meine Hütte wegschießt?“ Seine Hütte, das ist die Kneipe neben dem Kebab, „Zum Neuen Hut“. „Soll ich das Weinen anfangen? Den Hut wird’s immer geben, der Hut ist auf der ganzen Welt bekannt“, sagt Hans Rickert, „die Leute kommen her, weil sie eine Gaudi haben wollen. Meistens gehen sie besoffen wieder raus.“

Früher hieß der Kebab „Imbiss zum Hut“. „Aber in ganz Schwabing verkauft niemand mehr Bratwürste und Schaschlik“, sagt Rickert. Er zuckt mit den Achseln. Jetzt gehört Rickert eben ein Kebabladen. Und ein Inder ist der Geschäftsführer. Tagsüber arbeitet Akram. Ein Iraker. „Oder Iraner“, sagt Rickert. So genau weiß er das nicht. Hauptsache, der Laden läuft.

Der Hut läuft seit über dreißig Jahren. Er hat Konstantin Wecker überlebt. Und die Eishockeyspieler des EC Hedos, die hier auf den Tischen tanzten, bis Rickert ihnen Hausverbot erteilte, da war er noch Türsteher im Hut. „Der Strengste in ganz Schwabing“, sagt er.

Jetzt hat der Hut also auch die Fliegerbombe überlebt.

„Der kann doch mein Schild nicht wegmachen“

„Die Klotür war komplett am Arsch“, sagt Hans Rickert. Im Hut ist es auch am Tag dunkel, in den kalten Zigarettenrauch, der in der Luft hängt, mischt sich der Geruch von scharfem Essigreiniger. „Fünfmal durchgeputzt“, sagt Rickert. In der Mitte des Raumes steht der Tresen. Man kann sich vorstellen, wie sie hier sitzen, die letzten Überlebenden der Schwabinger Bohème, und „einmal Ficken“ bestellen. So heißt ein Schnaps, den Rickert im Angebot hat, für drei Euro. Seit ein paar Tagen hängt zwischen den Fotos am Eingang eine Zeitungsseite mit der Überschrift: „Prost, weil mia noch da san! So feiert Schwabing nach der Bombe“. Man sieht Rickert hinterm Tresen und daneben ein Bild von meterhohen Flammen.

Hans Rickert wohnt zehn Minuten vom Hut entfernt. Er ist jeden Tag hier, sonnabends steht er hinter dem Tresen. Er setzt sich nach draußen, an einen der Tische auf dem Bürgersteig. Die Postbotin wuchtet ihr Fahrrad vorbei. „Hast du was für mich?“, ruft Hans Rickert ihr hinterher, sie bleibt stehen, kramt zwei Umschläge aus ihrer Tasche hervor, die Rechnung von der Telekom, die Rechnung von Sky. Rickert seufzt. „Das musst du ja alles mitmachen heutzutage“, sagt er: samstags Bundesligakonferenz und natürlich die Champions-League-Spiele.

In den Achtzigern haben sie die Musik im Hut bis zum Anschlag aufgedreht. „Ein Düsenflieger war ein Dreck dagegen“, sagt Rickert. Jetzt hat er einen Begrenzer eingebaut. Die Anlage schaltet sich von selbst ab, wenn es zu laut wird. Die neuen Schwabinger mögen es leise nachts. Und sie haben genug Geld, um sich eine der Penthousewohnungen im Haus gegenüber vom Hut zu kaufen. „Für mehr als eine Million Euro“, sagt Rickert. Er ist jetzt 58, und seine Parole ist: „Wenn’s nicht mehr läuft, hör’ ich auf einen Schlag auf. Da bin ich Realist.“

Es wird eng für den Hut. Der Hamburger Investor hat einen Bombensuchtrupp über das Gelände geschickt und wieder mit dem Bau begonnen. Und Rickert, der ganz ruhig, hin und wieder an seiner Zigarre paffend, all die zerschlagenen Türen und Fenster vorgeführt hat, wird auf einmal wütend, der dicke Schnauzer bebt, das Ziegenbärtchen am Kinn zittert.

Kratertouristen sind auch gekommen

Denn an der Mauer neben der Bombe, da hing einmal sein Schild, ein riesiges Werbebanner. Man konnte es sehen, wenn man an der Münchner Freiheit aus der U-Bahn stieg. Nachts wurde es von Scheinwerfern angestrahlt, 15 Jahre lang. Doch vor ein paar Wochen hat der Investor eine graue Plane vor sein Schild gehängt, ein paar Tage später war die Plane wieder weg, das Schild übermalt und ein Banner darüber gehängt, mit einer schicken Computergrafik, wie es einmal aussehen soll da, wo das Schwabinger 7 stand. Wo das Projekt Monaco hinsoll.

„Der kann doch nicht einfach mein Schild wegmachen“, ruft Rickert und sagt dann leiser: „Zumindest hätte er fragen können.“

Die Bombe hat das Banner halb heruntergerissen, die schicken Wohnungen darauf sind schwarz vom Ruß der Flammen. Lala sagt: „Manche hier im Viertel nennen die Bombe die Rache des Schwabinger?7.“ Es ist nicht einfach für den Hamburger in Schwabing.

Vor ein paar Monaten hat er im Haus Werbezettel in die Briefkasten werfen lassen, darauf die Preise für die Wohnungen. „830 000 Euro die billigste“, sagt Tom Wilhelm, „das bezahl’ ich aus der Portokasse.“ Wilhelm trägt Lederjacke zu schulterlangem, grauem Haar. Er sitzt vor Lalas Kebab. Der Balkon im ersten Stock, direkt über dem Hut, ist seiner. Von hier unten kann man die Deutschlandflagge in Wilhelms Blumenkasten sehen. Sie ist zur Hälfte geschmolzen. Die Nachbarwohnung ist ausgebrannt, weil ein Lager im Hinterhof Feuer fing. Wilhelm lässt gerade jeden in seine Wohnung, der sehen will, was eine Fliegerbombe so anrichten kann: Journalisten waren da, Freunde, Nachbarn.

Er schließt die Tür auf, zeigt auf die Kratertouristen. „Bombenstimmung hier, oder?“ Gerade steht eine Kindergartengruppe am Zaun. Während Tom Wilhelm die Treppe hochsteigt, erzählt er, wie die Feuerwehrmänner ihm am Mittwochmorgen, zwei Tage nach der Sprengung, einen Helm aufsetzten und ihn in die Wohnung eskortierten. „Ich brauche mein Insulin“, hatte Wilhelm zu ihnen gesagt, „sonst gibt’s hier gleich das erste Bombenopfer.“ Er wusste da noch nichts von den zwanzig toten Mäusen.

Am Montagabend war Wilhelm zum Kartenspielen gegangen, wie jeden Montag, hatte Handy und Zigaretten eingesteckt und das Insulin zu Hause gelassen. „Konnte man ja nicht ahnen, dass sie die Bombe sprengen“, sagt er. Beim Rausgehen hatte er noch seine Bierflasche leer getrunken und auf die leeren Brotkisten gestellt, die Akram, der Iraker, abends immer vor dem Hauseingang stapelt. Als Wilhelm mit der Feuerwehr zurückkam, stand sie noch da. „Wie ’ne Eins“, sagt er. Es gibt gerade vieles, über das sich die Schwabinger wundern können.

Tom Wilhelm fährt mit den Fingern über die Wand in seinem Flur, sie sind jetzt schwarz vom Ruß. Im Bad sind die Fliesen von der Wand geflogen und haben das Waschbecken zertrümmert. „Der Gutachter von der Versicherung war schon da“, sagt Wilhelm, „wird alles bezahlt.“ Er ist keiner, der sich Sorgen macht. Er hat ein paar Jahre als DJ im Hut gearbeitet. Zuletzt war er ein Jahr lang Geschäftsführer im Tiffany, einer Tabledance-Bar. „Ich bin Lebenskünstler“, sagt er.

„Die Leute haben geweint“

„Ich bin Geschäftsmann“, sagt Lala draußen vor dem Kebab. Zwei Angestellte hat er, seine Mutter arbeitet hier, sein Vater auch. Vor zwei Jahren hatte er genug Geld gespart, um ein Stück Land in Punjab zu kaufen. Mit der Wirtschaft in Indien geht es bergauf. Irgendwann wird es sich lohnen zurückzugehen. Weil Lala Geschäftsmann ist, kann er auch den Hamburger Investor verstehen. „Wenn wir zu Penny gehen, wollen wir doch auch ein gutes Brot für wenig Geld“, sagt er. Also darf auch der Investor Luxuswohnungen bauen. Und zumindest ist der Imbiss vom Schwabinger 7 nicht mehr da. „Weniger Konkurrenz für mich“, sagt Lala.

Die Schwabinger suchen nach dem Sinn. Für ein paar Tage stand das Viertel still. „Die Leute haben geweint“, sagt Lala. Weil ein paar Türen von der Druckwelle aus den Angeln gehoben wurden und ein Fenster zerbarsten. „Vielleicht eine Lektion“, sagt Lala. „Die Münchner haben ein bisschen gespürt, wie es so ist, anderswo, in Afghanistan, im Irak, das ist gut.“ Jetzt wird aufgeräumt, noch immer sind Schaufenster mit Planen abgeklebt, noch immer rechnen die Versicherungen, was das alles kosten wird. Erste Schätzungen sagen: Der Schaden wird zwischen vier und zehn Millionen Euro liegen. Der Bund zahlt, die Stadt, die Versicherungen.

Hans Rickert steigt in seinen SUV. Er fährt zum Mediamarkt. Einen neuen Fernseher kaufen.

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