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Finanzmarkt Gier frisst Hirn

Geld regiert die Welt. Das war immer so. Aber versteht man heute noch wie? Eine Reise in die seltsame Welt der Finanzwirtschaft.

Foto: imago

Frank Lehmann ist guter Dinge. Gleich muss er noch in die Frankfurter Fressgass zu Metzger Ebert und Wurst kaufen, aber bis dahin ist noch etwas Zeit, und so schaut er an seinem alten Arbeitsplatz vorbei, der Börse, wo er jahrelang kurz vor der Tagesschau den Deutschen griffig, hessisch und mit Schmackes und Goethe gewürzt erklärte, was sich in der Welt der Finanzen und der Wirtschaft tut. Bei ihm soll die Reise beginnen, die Suche nach Antworten, wie Geld heute die Welt regiert, wie Banken pleitegehen können und sogar Staaten, und was das eigentlich bedeutet.

Frank Lehmann betritt den Börsensaal und ruft: „Kontrolle!“ Die Händler hinter ihren Bildschirmen lachen. Lehmann ist gerade 70 geworden. Manchmal tritt er bei Maischberger auf, manchmal im Radio. Er engagiert sich für die Hanauer Tafel, ein Obdachlosenprojekt.

Seine Welt ist das hier nicht mehr. Lehmann schimpft über die Gier, die sich breitmacht, die verrohten Sitten, die Geschwindigkeit, die keine Zeit zum Nachdenken lässt. Er sitzt in einem Zimmerchen bei der ARD, alte Kollegen schauen rein und grüßen. „Paul Volcker“, sagt Lehmann. „Der alte Chef der amerikanischen Notenbank. Großartiger Mann.“ Von ihm stamme der Satz: „Alle Finanzinnovationen des letzten Vierteljahrhunderts haben keinen sozialen und ökonomischen Gewinn gebracht – mit einer Ausnahme: den Geldautomaten.“

Lehmann, gelernter Industriekaufmann, kann genau beziffern, wann für ihn die Zeit des Irrsinns begann. „1997“, sagt er. Die Börse in Frankfurt am Main bekam eine neue Unterabteilung, den neuen Markt. Internet, Informationstechnologie, Biotech – plötzlich tauchten immer mehr Leute auf mit tollen Ideen, aber ohne Geld. Auf der anderen Seite gab es Banken und Fonds, die nach neuen Anlagemöglichkeiten suchten. Man traf sich auf dem neuen Markt, Name: Nemax. Geld und Ideen fanden zusammen. Oder auch nicht. „Ich weiß noch genau“, erinnert sich Lehmann. „Pickelige Typen, zu große Anzüge, noch größere Pläne – und nur ein Bleistift.“

229 Firmen waren im Nemax gelistet, ihre Aktien gingen weg wie geschnitten Brot. Alle hofften auf große Gewinne. Im März 2000 waren sie 234 Milliarden Euro wert, im Oktober 2002 war die Sause vorbei: 97 Prozent Wertverlust, 200 Milliarden Euro futsch.

Kritische Stimmen unerwünscht

Was war geschehen? Eine Blase war entstanden. Ein Strohfeuer, angeheizt durch übersteigerte Erwartungen. „Die reine Gier“, sagt Lehmann. Zu Anfang habe man diese neuen Unternehmen noch unter die Lupe genommen. Aber dann sei alles laxer geworden. Niemand prüfte, ob deren Zahlen stimmten. Die Börse nicht, die Banken nicht. Kritische Stimmen waren zudem unerwünscht. „Es war Party, und niemand durfte stören.“

Damals, erinnert sich Lehmann, begann die Verrohung der Sitten. Damals drehten bodenständige Leute durch, kauften wie verrückt die neuen Aktien, wurden über Nacht Millionäre und rannten dann ins Verderben, als Firmen aufflogen, weil ihre Ideen doch nichts taugten und sie deshalb keine Gewinne machten.

Frank Lehmann lebt in Hanau, besitzt ein Haus und eine Eigentumswohnung. Aktien? Spekulieren? „Nein“, sagt er. „Ganz konservativ. Als Familienvater ist man vorsichtig.“

Das Scheitern des Neuen Marktes 2002 war für ihn der Anfang. Der Crash der amerikanischen Lehman-Bank 2007 und die anschließende Weltfinanzkrise die Fortsetzung. „Man hat keine Lehren gezogen“, sagt er. „Die Augen leuchten immer noch, die Gier frisst das Hirn.“

Auch der Hesse Frank Lehmann wollte zuerst nicht glauben, was sich in Amerika zusammengebraut hatte: Banken und Fonds kauften und handelten weltweit mit Papieren, die wie Geburtstagsgeschenke daherkamen: ein bunter Karton, darin aber Holzwolle und kleinere Kartons. Darin Holzwolle und noch mehr kleine Kartons. Am Ende kleine Schachteln, darin Zigtausende Hauskredite aus den USA, gute, schlechte. Und miserable: Kredite von Leuten, die arbeitslos waren, wenig verdienten und, als in den USA die Zinsen stiegen, ihre Kreditraten nicht mehr abzahlen konnten und pleitegingen. Aus ihren Traumhäusern wurden die Albträume von Leuten, die diese „Finanzmarktinnovationen“ genannten Papiere gekauft hatten. 2008 ging die Lehman-Bank pleite. 600 Milliarden Dollar Schulden, allein sie hatte 900?000 dieser Schrottpapiere ausgegeben. Es war wie bei einer Versteigerung von übriggebliebenen Gepäckstücken auf einem Flughafen: große Erwartungen und dann doch nur verschwitzte Dreckwäsche.

Damals, sagt Frank Lehmann, habe der Mist begonnen, mit dem sich die Welt heute herumschlage: Banken drohten abzuschmieren, Staaten sprangen ein, übernahmen Garantien, verschuldeten sich über beide Ohren und wurden selbst zu Wackelkandidaten. Das, so Lehmann, sei das Neue und Bedrohliche. Früher hätten sich Staaten in Europa unbesehen Geld borgen, das heißt Anleihen verkaufen können. Man vertraute ihnen, sie konnten ja nicht pleitegehen. „Heute gucken ihnen die Rating-Agenturen genau auf die Finger und vergeben ihre Noten.“

Wäre Frank Lehmann nicht nur munterer Rentner, sondern auch noch König von Europa, er würde sofort die Spielregeln und Kontrollen verschärfen, Leitplanken einziehen und eine Steuer auf Finanzgeschäfte einführen. Auch an der Börse, vor allem aber außerhalb davon würde er schärfer auf die Finger gucken lassen. 70 Prozent aller Geldgeschäfte, schätzt er, laufen nicht über die Börse. Banken und Hedgefonds handelten heute wie vor der Lehman-Pleite mit gigantischen Summen und undurchschaubaren Produkten. „Die Dinge haben sich verselbstständigt“, sagt er. Ein Hedgefonds sei an sich nichts Schlechtes, er übernehme Risiken, wo sich andere nicht trauten. Dahinter steckten beispielsweise Pensionsfonds, Lehrer aus Kalifornien mit ihrer Alterssicherung. „Aber wenn sich niemand mehr dafür interessiert, was sie eigentlich handeln, dann wird es gefährlich“, sagt er. Sein Fazit: „Man blickt nicht mehr durch. Schön ist das nicht.“

Das mit der Geschwindigkeit, sagt Lehmann zum Schluss, könne am besten Rainer Riess erklären, der habe den deutschen Börsenhandel schnell gemacht.

Sie nennen ihn „the Cube“, den Würfel. Ein bläulich schimmernder Turm aus Stahl und Glas, 21 Stockwerke hoch in Eschborn, vier Kilometer von Frankfurt City entfernt. The Cube, das ist die Deutsche Börse. Sie ist seit einem Jahr nicht mehr in Frankfurt am Main. Dort hat sie nur noch ihren Firmensitz und einen alten Börsensaal mit ein paar Dutzend Händlern, die hinter Bildschirmen und vor der großen Anzeigetafel mit den Aktienkursen sitzen. Sie geben das Bild ab, das Gesicht der Börse, das jeder aus den Fernsehnachrichten kennt.

Das große Spiel läuft lautlos

In Wahrheit ist die Börse längst eine gigantische, superschnelle und weltweit vernetzte Rechenmaschine. Computerprogramme kaufen und verkaufen, sie ermitteln die besten Momente, sie entscheiden über Aktienmengen, sie testen den Markt und verfolgen Strategien. Algo-Trading heißt das heute, Hochfrequenzhandel. Auf dem Parkett in Frankfurt handeln nur noch wenige Spezialisten mit kleineren Aktien. Das große Spiel jedoch läuft lautlos in Großrechnern.

Im gläsernen Fahrstuhl hoch, 13.?Stock, ein nüchterner Besprechungsraum. Rainer Riess, Managing Director, 46?Jahre alt, sportlich, dunkler Anzug, hellgrüner Schlips, hat sich einen Tee gebrüht.

Er hat 1997 Xetra eingeführt, das elektronische Handelssystem. Vor hundert Jahren, erklärt er, handelten ehrenwerte Herren in Frack und Zylinder etwa zwei Stunden am Tag an der Börse. Ihre Informationen bekamen sie aus der Zeitung. Alles sehr gemächlich und überschaubar.

Heute loggen sich 5?000 Händler von Malta bis England in Eschborn ein. In Millisekunden ordern sie Aktien, in Millisekunden stellt der Rechner Angebot und Nachfrage gegenüber, ermittelt einen Preis, in Millisekunden kauft ein anderer. Aktien wie die von Siemens werden pro Sekunde gleich mehrmals hin- und hergehandelt. Unterm Strich machte das im vergangenen Jahr 285 Millionen Handelsabschlüsse mit einem Umfang von 1,48 Billionen Euro. An einem durchschnittlichen Xetra-Handelstag, der um neun Uhr beginnt und um 17.30 Uhr endet, sind das 4,9 Milliarden Euro.

Börse funktioniere immer noch wie früher, sagt Riess. Sie ist der Ort, an dem Angebot und Nachfrage an Kapital zusammenkommen, wo sich Erwartungen an die Zukunft in Kursen ausdrücken. Nur eben heute mit Lichtgeschwindigkeit und nicht per Zuruf oder Zettel wie früher. „Geschwindigkeit ist nichts Schlechtes“, sagt Riess. „Börsenhändler können nicht Millionen Transaktionen pro Tag vornehmen.“

Es geht um Wimpernschläge, und deshalb stehen viele Rechner der großen Banken, die an der Börse mitmischen, direkt neben den Xetra-Rechnern. Nähe wird zu Geld. Sie verkürzt die Übertragungswege der Daten und damit die Zeiten. Fünf Millisekunden dauert ein Transfer von London nach Frankfurt. In einer halben Millisekunde kann Xetra aber Geschäfte abwickeln. Da kann dem Händler in London einiges entgehen.

Börsenkenner wie der ehemalige ARD-Berichterstatter Frank Lehmann mahnen allerdings zur Entschleunigung und verweisen gerne auf den 6. Mai 2010. Damals kam es an der New Yorker Börse aus dem Nichts zu einem Zusammenbruch der Kurse. Von jetzt auf gleich wurde eine Milliarde Aktien gehandelt, viel mehr als üblich. Kurse brachen ein bis in den Keller. Kritiker hielten den Computerhandel für den Auslöser, sprachen von Dominoeffekten und Herdentrieb: Programme belauerten Programme, folgten ihnen, aus einem rollenden Kieselstein wurde eine Lawine. „Damals hat ein Mensch fälschlicherweise eine Order abgesetzt, der Markt reagierte kaskadenartig.“

In Frankfurt haben sie eine Bremse eingebaut. Volatilitätsunterbrechung heißt das Programm. Volatilität ist das Auf und Ab der Kurse, das Programm sucht darin nach auffälligen Unregelmäßigkeiten. Es hält den Börsenhandel für zwei Minuten an, wenn seltsame Orders auftauchen. Klärt sich der Fall nicht, wird noch einmal angehalten und Menschen wie Rainer Riess sehen sich die Sache an. Bis zu 20?Mal am Tag tritt der Computer auf die Bremse. In New York gab es eine solche Bremse nicht.

Der automatische Computerhandel ist ein stiller Kampf, der überaus raffiniert ausgefochten wird. Automatische Programme belauern sich, machen anderen Programmen etwas vor. Es gibt „Schnüffler“, superschnelle Programme, die andere Programme ausspionieren und blitzschnell zuschlagen. Es gibt Programme, die in sich selbst hin- und herhandeln und den Verkauf von Aktien vortäuschen, also einen Scheinumsatz erzeugen, der womöglich das Kaufinteresse anderer Programme oder Händler weckt. Es gibt Programme, die einen Trend suchen und sich dranhängen und solche, die unendliche viele Anfragen starten, was unter Umständen den Börsen-Rechner lähmt und eine winzige Zeitspanne schafft zwischen einem alten und dem aktuellen Kurs, mit der sich Geld verdienen lässt. An der Frankfurter Wertpapierbörse geht das alles nicht: Dort dürfen pro Händler nur 150 Orders pro Sekunde abgegeben werden.

„Es gibt kein Zurück“, sagt Rainer Riess und lächelt, wenn man ihn fragt, ob das nicht alles Irrsinn ist. „Das Internet lässt sich auch nicht mehr abschaffen. Man braucht klare Regeln und Kontrollen. Börse ist immer noch Börse, nur Methoden und Werkzeuge haben sich geändert.“

Die wahren Probleme sieht er woanders: Fast die Hälfte aller Aktien und gut 90?Prozent aller Derivate werden gar nicht mehr an der Börse gehandelt, sondern frei zwischen Banken, Hedgefonds, Versicherungen. Eine unkontrollierte Welt, die 2008 zum Crash der Lehman-Bank und in die Finanzkrise führte. „Das ist eine wirklich bedenkliche Entwicklung“, sagt der Börsianer aus dem Cube in Eschborn.

Höchste Zeit, über Geld zu reden, sehr viel Geld. Dafür eignet sich niemand besser als Klaus Kaldemorgen, eine Legende unter Deutschlands Fondsmanagern, ein Milliarden-Mann.

Wenn es in den Nachrichten heißt, der Finanzmarkt reagiere nervös oder gereizt, dann ist Klaus Kaldemorgen dabei. Er ist unter den Fondsmanagern, was Jupp Heynckes unter den Bundesligatrainern ist. Kaldemorgen betreut drei Fonds der Deutsche- Bank-Tochter DWS mit insgesamt fast zehn Milliarden Euro. Seit 30 Jahren legt er das Geld Tausender Menschen an. Er ist einer der größeren Spieler. Er kauft Aktien von Unternehmen und Banken überall auf der Welt, alle Branchen, alle Länder. Er kauft Gold, er kauft Staats- und Unternehmensanleihen oder fremde Währungen, Dollar und Franken. Liegen die Gewinne über dem Dax, dem deutschen Aktienindex, oder einem internationalen Index namens MSCI Welt, dann hat er seine Sache gut gemacht.

An diesem Morgen um halb neun Uhr ist Klaus Kaldemorgen leicht nervös. Sagt er jedenfalls. Der Yen hat abgewertet und dies bedeutet Chancen für japanische Aktien. Nach außen hin wirkt Kaldemorgen allerdings wie die Ruhe selbst. „Wenn ich wirklich nervös bin, stehe ich nachts um drei auf und sehe im Fernseher nach, wie die Börse in Japan eröffnet hat“, sagt er.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren, erzählt er, sei alles einfach gewesen: Man kaufte Aktien, wartete und verdiente Geld. „Zwei Jahrzehnte ging es stetig nach oben. Seit 2000 ist das anders.“ Jetzt herrscht „Riesenstress“, die Aktienmärkte ächzen unter heftigen Kursschwankungen. Kunden suchen nach alternativen Anlagemöglichkeiten mit einem geringeren Stressfaktor. Der Finanzmarkt ist heute anders: Profis wie er machen die Geschäfte, private Investoren haben sich so gut wie verabschiedet.

Herdentrieb und ungebremste Schulden

Früher hat man sein Geld in Aktien angelegt. Heute kauft und verkauft man Aktien, um von den Kursschwankungen zu profitieren, die Richtung ist egal, solange man auf der richtigen Seite ist. Profis wie Kaldemorgen sind schnell, sie haben Analystenteams an ihrer Seite, Risikomanager, die wissen, wo was brennen kann. Die Finanzprofis von heute bedienen sich neuer Finanz-Instrumente. Sie greifen auf Derivate zurück, sie hebeln und blähen ihre Geldsummen durch zusätzliche Kredite auf. Sie surfen im Internet, sie haben gleichzeitig dieselben Informationen. Sie unterscheiden sich kaum.

„So entsteht Herdentrieb“, nennt es Kaldemorgen. „Alle rennen in dieselbe Richtung.“ Was alle machen, ist aber nicht immer richtig. Seit den Reagonomics in den USA, als die Finanzmärkte von der Leine gelassen wurden, werden immer mehr Geschäfte über Kredite gemacht. „Das ist das Bedrohliche dieser Tage.“ Herdentrieb und ungebremste Schulden. Erst 2008, erzählt Kaldemorgen, fiel amerikanischen Banken auf, dass dort Hypothekenverträge mit schlechten Schuldnern unterlegt waren. Lehman-Pleite, Banken-Krise, die Staaten sprangen mit Milliarden ein. Und erst 2010 merkten alle in Europa, wie schwach Griechenland auf der Brust ist.

Staaten retteten Banken. Und jetzt? „Der Retter in der Not ist in Schwierigkeiten. Staaten haben hohe Defizite und die schwächeren bekommen Geld nur noch zu horrenden Zinsen geliehen. Wir betreten Neuland.“ Die Zentralbank vergibt 1?000 Milliarden Euro Kredit an die Banken Europas, der Geldmarkt wird geflutet. „So viel Geld gab es noch nie“, sagt Kaldemorgen. „Ich habe noch gelernt, dass die Menge des Geldes in einem vernünftigen Verhältnis zu den produzierten Gütern und Dienstleistungen stehen muss. Ist zu viel Geld da, werden die Güter teurer und das Geld entwertet. Aber das scheint alles außer Kraft gesetzt zu sein.“ Er macht eine kleine Pause. „Zuviel Geld ist auch ein Problem“, sagt er. Alles funktioniere doch nur, wenn Vertrauen in den Wert des Geld da sei. „Sollte das einmal schwinden, dann schwindet auch die Basis unseres Wohlstandes.

Ist der Finanzmarkt außer Kontrolle? „Das nicht“, sagt er. Der Staat sollte den Rahmen neu fassen, in dem sich alles bewege, und Banken mehr Eigenkapital haben. „Vielleicht sollten Institute auch kleiner sein, damit sie nicht in einer Krise alles einreißen. In einer weltweit verflochtenen Wirtschaft werden aber große Banken benötigt, um die gewaltigen Investitionen und Handelsströme zu finanzieren. Keine einfache Aufgabe für die Politik.

Und das arme Griechenland? „Das Kind ist im Brunnen“, sagt er. „Europa hat Griechenland Opfer abverlangt, die von der Regierung getragen werden, aber nicht vom kleinen Mann auf der Straße.“ Ob Griechenland die Opfer bringe und den Euro behalte oder mit eigener Währung aussteige, der Wohlstand der Bevölkerung werde drastisch sinken, so oder so. Das Land habe einfach keine funktionierende Wirtschaft. „Womit soll Griechenland denn Autos, Computer, Handys, Fernseher aus dem Ausland bezahlen? Es sieht ziemlich übel aus.“

Ein paar Hundert Meter von Kaldemorgens Büro entfernt liegt vor dem Turm der Europäischen Zentralbank ein kleines Zeltlager der Occupy-Bewegung. An einem Mast hängt ein unmissverständliches Transparent: „Sie betreten den antikapitalistischen Sektor.“

Klaus Kaldemorgen ist der Protest da draußen zu diffus, zu undurchdacht. „Natürlich, es gibt das Unbehagen, was Märkte und Banken betrifft. Man kann aber weder den Markt noch die Banken abschaffen. Banken erledigen wichtige Aufgaben.“ Weltweiter globalisierter Handel gehe nicht ohne starken Finanzmarkt. Der Staat sei auch nicht der bessere Banker. Arbeitsteilung sei gefragt: „Der Staat schafft einen neuen stabilen Ordnungsrahmen, in dem sich die Banken verloren gegangenes Vertrauen neu erwerben müssen.“

Stimmt das? Reicht das? Was sagt die Gegenseite? Was fordert eigentlich Occupy?

Kantine des Frankfurter Schauspielhauses, Mittag, Hochbetrieb. Der Mann, 37 Jahre alt, Anzug, dunkelrote Krawatte, hat eigentlich überhaupt keine Zeit, er spricht rasend schnell und möchte Otto Normal genannt werden. Er arbeitet als Finanzanalyst in einer Auslandsvertretung und ist Aktivist bei Occupy, das sein Lager vor der Europäischen Zentralbank aufgeschlagen hat. Seine Chefs müssen das nicht unbedingt erfahren. Er nennt sich selbst einen Pussyrevolutionär, weil er nur zweimal im Camp übernachtet hat seit dem 15. Oktober 2011, als es losging in Frankfurt. „Ich habe Familie“, sagt er.

An diesem Tag zittern wieder die Griechen, Europa hilft mit Krediten, aber ob das alles funktioniert? „Natürlich, die haben über ihre Verhältnisse gelebt und müssen jetzt sparen. Aber so? Das ist doch furchtbar. Armes Volk. Es geht nur noch runter, runter, runter. Eigentlich bräuchten sie eine eigene Währung, aber das wäre auch schlimm.“

Er redet sich schnell in einem Knoten fest. „Eigentlich geht es um das gesamte Finanzsystem auf dem Globus. Wir müssen was machen. Wir können nicht mehr auf die Politik warten. Wenn die es nicht schafft, menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen, müssen wir es tun.“

Wie denn?

„Schwierige Frage. Erst einmal Bewusstsein schaffen“, sagt er. Immer mehr Leute müssten begreifen, was geschieht. „Das Geldsystem ist krank und pervers“, sagt er immer schneller werdend. „Es ist doch unbegreiflich, dass wir Hunderte Milliarden aufbringen, um kaputte Banken zu retten und nicht mehr Millionen haben für soziale Projekte.“ Seine Stimme überschlägt sich fast: „Alles ist doch aus den Fugen. Die ganze Welt müsste Revolution machen.“

Wo denn anfangen? Hedgefonds verbieten?

„Nun ja“, sagt Otto Normal, Aktivist und Analyst. Eigentlich sei nichts dagegen einzuwenden, wenn reiche Leute ihr Geld in solche Fonds steckten und damit riskante Geschäfte machten. Diese Fonds würden nur dann zum Problem, wenn sie gigantisch groß würden, sich Unternehmen kauften, sie in ihre Einzelteile zerlegten, diese profitabel verkauften und die Reste hoch verschuldet zurückließen. „Legalisierte kriminelle Praktiken“, schimpft er. „Ökonomisch und moralisch sinnlos.“ Die Politik müsste Hedgefonds stark regulieren. „Tut sie aber nicht.“

Im Camp vor der Zentralbank ist an diesem Nachmittag nichts los. Eine Frau sonnt sich und beantwortet Fragen von Touristen, die vorbeischlendern und sich über das Zeltlager wundern. 50 Leute übernachten hier, wenn es nicht zu kalt ist. Einige Obdachlose sind untergeschlüpft und werden mit Essen versorgt. Otto Normal sagt: „Alles sehr heterogen.“

Die Revolution, wo soll sie denn anfangen? Was ist mit Leerverkäufen? Abschaffen?

Otto Normal atmet kurz durch. „Schwierig“, sagt er. „Ungedeckte Leerverkäufe. Man handelt mit etwas, das man gar nicht besitzt. Gott sei Dank ist das in Deutschland verboten. So was ist Casino und reine Spekulation und Manipulation. Krank.“ Ansonsten seien geregelte Leerverkäufe durchaus sinnvoll.

Und die berühmt-berüchtigten CDS-Papiere?

Eigentlich doch auch sinnvoll, als Versicherung gedacht. Aber dass sie einfach so gehandelt werden können, ohne dass ein Kredit dahintersteht, ist aberwitzig. Wie die Feuerversicherung, die jemand ausbezahlt haben möchte, wenn es brennt, obwohl ihm das Haus gar nicht gehört. „Es ist aberwitzig“, schimpft er und wechselt schnell, die Mittagszeit ist knapp, zum Thema Finanzinnovationen und Verbriefungen. „All diese Papiere aus Amerika, diese Immobilienverbriefungen, die mit anderen Papieren so kompliziert verpackt wurden, bis keiner mehr begriffen hat, womit er eigentlich handelt. Aberwitzig“, sagt er.

Otto Normal möchte sich ein Haus kaufen. Aber Frankfurt ist teuer. Er hat sein Erspartes erst einmal als Festgeld und in Sparbriefen angelegt. Demnächst will er Kunde bei der GLS-Bank werden und sein Geld ethisch vertretbar anlegen.

Und die Revolution im Finanzsektor? Wann soll die stattfinden?

„Bewusstsein schaffen, eine kritische Masse werden, dann Einfluss nehmen“, fasst er den Plan zusammen. Aber dafür muss es noch ein bisschen wärmer werden in Frankfurt auf der Wiese vor der Europäischen Zentralbank. Sonst kommt keiner.

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