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Festivals Männer geben den Ton an

In der Musikbranche sind die Frauen ganz klar eine Minderheit. Das zeigt sich bis auf wenige Ausnahmen auch in den Line-ups der Festivals. Einige wollen das ändern.

Beth Ditto
Teilt sich die Bühne gerne mit Männern: Beth Ditto. Foto: Lisa Meinen

Madonna und Katy Perry haben eines gemein: Sie gehören beide zu einer Minderheit. Auf den ersten Blick fällt dies Musikfans und Festivalgängern womöglich nicht auf, dabei ist die teils gnadenlose Unterrepräsentation von Frauen in der Musikbranche auf und hinter den Bühnen weder ein neues noch ein unbekanntes Phänomen. Es nimmt seinen Anfang in den oberen Etagen: In Führungspositionen der Major-Labels Sony, Universal Music oder Warner Music sind Frauen selten. Die Problematik besteht aber auch auf nahezu allen anderen Ebenen der Branche.

Wer einen noch deutlicheren Eindruck braucht, wie es 2018 um die Rolle der Frau in der Musikbranche steht, sollte sich die Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises der Gema vom März vor Augen führen: „Die Musikautorinnen und Musikautoren“ würden weit mehr als Aufmerksamkeit oder Wertschätzung verdienen, sollten sie doch von ihrer Arbeit leben können, sagte die CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters, Regierungsbeauftragte für Kultur und Medien. Dass der Schirmherrin der Veranstaltung die Verwendung des Plurals hinsichtlich möglicher Preisträgerinnen nicht um die Ohren flog, war einzig der Tatsache zu verdanken, dass – abgesehen vom Nachwuchspreis – wenigstens zwei Frauen nominiert waren. Neben 30 Männern. Immerhin: Die siebenköpfige, wohlgemerkt rein männliche Jury, zeichnete die beiden aus.

„Puls“, ein Programm des Bayerischen Rundfunks, hat bereits vor Jahren gemeinsam mit der Gema eine Datenanalyse zu Urhebern und Komponisten der erfolgreichsten Radiotitel zwischen 2001 und 2015 vorgenommen. Der Frauenanteil lag bei rund elf Prozent. Bei veröffentlichten Alben, die ihren Weg in den ersten knapp drei Quartalen 2017 in die offiziellen deutschen Charts fanden, stammten laut Auskunft des Marktforschungsinstituts Gfk 32 Prozent von Männern, neun Prozent von Frauen, der Rest von teils gemischten Bands oder aus Soundtracks. Insgesamt liegt der Frauenanteil bei 23 Prozent.

Die Männerdominanz der Branche findet sich auch auf den Festivalbühnen wieder: Im Mai untersuchte die US-amerikanische Musikwebseite Pitchfork den Frauenanteil der Line-ups auf 20 der größten genreübergreifenden Festivals – mit einem Fokus auf heimische Veranstaltungen. Dort stehen in diesem Sommer 19 Prozent Acts mit ausschließlich Frauen auf der Bühne (2017 waren es 14 Prozent). Gruppen mit mindestens einer Frau machen elf Prozent aus (2017: zwölf Prozent); bei 70 Prozent bespielen ausschließlich Männer die Bühnen. Bemerkenswert ist allerdings, dass drei Festivals bereits zur Hälfte Frauen auf der Bühne verzeichnen. Andere erreichen mit weiblichen und gemischten Acts zusammen nur knapp die 20-Prozent-Marke. Erwähnenswert ist zudem das Bunbury-Festival in Cincinnati, Ohio, dessen Machern es gelang, die Anzahl der Frauen-Acts auf der Bühne gegenüber 2017 zu verdoppeln – von einer auf zwei.

In einer ähnlichen Untersuchung nahm „Puls“ sich für den Festivalsommer 2015 den deutschen Markt vor: In einer Bilderserie stehen Festivalplakaten, die das Line-up bewerben, die gleichen Plakate gegenüber, auf denen nur noch Acts mit weiblichen Interpreten oder Bandmitgliedern aufgeführt sind. Das Ergebnis war ernüchternd: Beim „MS Dockville“ in Hamburg-Wilhelmsburg blieben von 45 Künstlern bloß vier übrig, 60 aufgeführte Top-Acts des Nürnberger „Rock im Park“ wurden auf fünf reduziert. Gegentendenz? Fehlanzeige.

Doch das soll sich nun ändern, zumindest wenn es nach den Initiatoren der internationalen Kampagne Keychange geht. Sie fordern einen Frauenanteil von 50 Prozent auf den Festivalbühnen bis 2022. Die Teilnahme ist auf freiwilliger Basis – gut 100 Veranstalter von Festivals und Konferenzen haben sich bislang angeschlossen, fünf davon sind aus Deutschland: das „Reeperbahn-Festival“, die „VUT Indie Days“ (im Rahmen des Reeperbahn-Festivals), „Pop-Kultur“ in Berlin, das „Alinae Lumr“-Festival in Storkow und das Jazzfest Berlin. Passenderweise handelt es sich überwiegend um Veranstaltungen, bei denen Talentförderung eine Rolle spielt. Große Namen prominenter Festivals fehlen in der Aufzählung. Alexander Schulz, Geschäftsführer des „Reeperbahn-Festivals“ und Mitinitiator von Keychange, zeigt dafür jedoch Verständnis: Schließlich könnten die Veranstalter im Konzertprogramm nur das buchen, was der Markt hergibt.

Gezielte Frauenförderung

Die Veranstaltung an der Reeperbahn hat es in der Sache tendenziell einfacher, da sie mehr als eine reine Musikveranstaltung ist. Neben dem Bühnenprogramm, das um die 40 000 Besucher anlockt, gilt die Veranstaltung mit zahlreichen Konferenzen einerseits als wichtiger Treffpunkt für Vertreter der globalen Musikindustrie und legt andererseits Wert auf die Unterstützung neuer Talente in der Branche. Es ist quasi ein Schaulaufen für Newcomer unter den Augen der Firmen.

Bei Keychange geht es jedoch nicht nur um die 50-Prozent-Agenda, sondern auch um gezielte Frauenförderung: Ein Talentförderungsprogramm unterstützt zunächst bis ins nächste Frühjahr 60 aufstrebende weibliche Künstlerinnen und Musikwirtschaftende aus Europa, die unter anderem zu internationalen Festivals eingeladen werden. Neben dem Erschaffen einer Plattform für diese Musikerinnen und Innovatorinnen sollen mittel- bis langfristig die bestehenden Strukturen aufgebrochen und ein neues Bewusstsein verankert werden. Der von der EU geförderten Kampagne scheinen aber mit einem Budget von 200 000 Euro klare Grenzen gesetzt.

Hinter der Kampagne steht eine Stiftung, die sich seit vielen Jahren der Talentförderung verschrieben hat, die PRS Foundation aus London. Die Macher von Keychange haben sich 2017 für die angestrebte Veränderung eine ambitionierte Fünfjahresfrist gesetzt. Manche Veranstalter allerdings, heißt es seitens der Initiative, hätten bereits einen Frauenanteil von 50 Prozent erreicht und nutzten die Kampagne wiederum, um ihre Erfolge zu bewerben.

Dass es auch ganz anders geht, zeigt ein Beispiel aus Frankfurt: Auf 100 Prozent Frauen setzt dort das „W-Festival“, früher unter dem Namen „Women of the World“ bekannt. Die mehrtägige Veranstaltung, die sich auf mehreren Bühnen der Mainmetropole und Umgebung abspielt, will Künstlerinnen „jenseits aller Klischee- oder Emanzipationsdebatten“ präsentieren, „um ein Unikat in der manchmal maskulin anmutenden Festival-Landschaft zu bieten“ – so die Selbstbeschreibung. Im Mai gastierten unter anderem „Morcheeba“ mit Frontfrau Skye Edwards in Frankfurt.

Genaue Zahlen über das Geschlechterverhältnis in der kompletten Branche gibt es nicht – Keychange gibt einen Frauenanteil von höchstens 20 Prozent für beteiligte Länder an. Die Dynamik, die sich jedoch just in der Kreativindustrie um die Gleichstellung entwickle, biete eine Möglichkeit, wirkliche Veränderungen zu erreichen, hoffen die Initiatoren. Auch die Macher der Pitchfork-Studie haben das ambitionierte Ziel von Keychange registriert und in ihrer Studie erwähnt. Den meisten Festivals sei es gelungen, den Frauenanteil verglichen zum Vorjahr zu steigern. Wenn der Trend anhalte, sei ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis auch irgendwann möglich. Bis 2022 könnte das allerdings knapp werden.

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