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Fall Lena Im Namen der Meute

Während der Fahndung nach dem Mörder von Lena rufen einige Internetnutzer zur Lynchjustiz auf. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Urheber des Aufrufs.

03.04.2012 18:26
Jörg Schindler
Menschen vor der Polizeistation in Emden. Foto: dapd

Die Urteile in Volkes Namen ließen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. „Es gibt nur eins: Erschießen“, schrieb einer. Ein anderer: „Diesen ehrenlosen herzlosen hund sollten sie foltern und töten.“ Mit ein paar Jahren Knast werde das „Monster“ allzu glimpflich davonkommen. Also rief ein junger Mann zur Selbstjustiz auf: „Lasst uns die Polizei stürmen und den Kerl rausholen.“ So wurde gegeifert auf Facebook, nachdem vor einer Woche in Emden ein – völlig unschuldiger – 17-Jähriger im Fall der ermordeten Lena festgenommen worden war. In der Nacht zum Mittwoch standen dann tatsächlich rund fünfzig Menschen vor der Polizeiwache im Ostfriesischen und forderten die Herausgabe des Täters, von einem „Aufruf zur Lynchjustiz“ sprachen entgeisterte Ermittler. Für einige aus dem Mob könnte die Sache nun allerdings drastische Folgen haben.

Die Staatsanwaltschaft Aurich jedenfalls hat Ermittlungen wegen des öffentlichen Aufrufs zu einer Straftat aufgenommen. „Wir haben eine Person im Fokus“, sagte eine Sprecherin der Polizeikommissariats Emden am Montag der Berliner Zeitung. Dabei müsse es aber nicht bleiben: „Durch die Ermittlungen könnte sich noch einiges mehr ergeben.“ Damit scheint eine Forderung der Gewerkschaft der Polizei in Erfüllung zu gehen. Deren Bundesvorsitzender Bernhard Witthaut hatte gefordert: „Wer hinter den Lynchaufrufen steckt, muss die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.“ Es könne nicht sein, so Witthaut, dass „einige soziale Netzwerker glauben, in unserem Rechtsstaat Wild-West-Methoden wiederbeleben zu dürfen.“

Fahndung nach dem Eisbahnrüpel

Der Gewerkschafter will mit seiner Philippika zwar offensichtlich auch von Ermittlungspannen seiner Kollegen ablenken. Sein Vorwurf geht gleichwohl nicht ins Leere. Tatsächlich scheinen sich über soziale Netzwerke wie Facebook immer häufiger Menschen zusammenzurotten, die ein fragwürdiges Rechtsverständnis miteinander teilen. Die Zahl der Verleumdungen, Rufmorde und Aufrufe zur Selbstjustiz habe deutlich zugenommen, sagt etwa der Düsseldorfer Medienanwalt Daniel Elgert. „Die sozialen Netzwerke haben eine Eigendynamik freigesetzt. Immer mehr Leute glauben, das Internet sei ein anonymer und rechtsfreier Raum, in dem sie sich alles erlauben können.“

Der Emder Fall war dabei nicht einmal der drastischste. Im schleswig-holsteinischen Luftkurort Leck an der dänischen Grenze zum Beispiel demonstrierte Anfang März ein Mob von rund fünfzig Menschen gegen einen 18-Jährigen, der noch als Minderjähriger wegen einer Sexualstraftat verurteilt worden war. „Todesstrafe für Kinderschänder“ forderten die Demonstranten. Einige versuchten, in die Wohnung des 18-Jährigen einzudringen. Zu der Demo hatten sich die Bürger ebenfalls via Facebook verabredet.

Das Internet-Portal wird so allmählich zu einer Art Universal-Pranger und rechtsfreiem Ermittlungsinstrument, das mancher nach Gusto für seine Zwecke nutzt. Anfang des Jahres schrieb ein Vater aus Hamburg einen Jungen, den er zufällig fotografiert hatte, öffentlich zur Fahndung aus. Dessen Vergehen: Er hatte die Tochter des Mannes beim Schlittschuhfahren auf der Alster umgerempelt. Im österreichischen Gleisdorf suchte der Bürgermeister persönlich über Facebook nach zwei „Vandalen“ – die beiden 15-Jährigen hatten eine abgesperrte Rutsche im Freibad genutzt.

Vor allem aber sind es immer wieder tatsächliche oder vermeintliche Kinderschänder, die von einem wütenden Mob online und dann meist auch offline gejagt werden. Dass oft die Falschen ins Visier der Hobby-Fahnder geraten, nehmen diese genauso hin wie die Tatsache, dass ihre Wut von Rechtsextremen instrumentalisiert wird.

Die NPD als Ermittler

So erfreute sich die NPD-Facebookseite „Keine Gnade für Kinderschänder“, auf der Hasspamphlete und Fahndungsaufrufe verbreitet wurden, über viele Monate größter Beliebtheit, bevor sie nach Protesten Ende 2011 geschlossen wurde. Es war nicht das erste Mal, dass sich Facebook in dieser Hinsicht hartleibig zeigte. Kein Wunder: Auch die Polizei nutzt das Portal immer häufiger zur Verbrecherjagd.

Beim Landeskriminalamt Niedersachsen etwa hieß es am Montag, 2011 hätten die Polizeidienststellen des Landes acht Fälle durch die Fahndung via Facebook aufdecken können. Das Instrument soll daher ausgeweitet werden, die Federführung soll das LKA übernehmen. Natürlich sehe man „auch die Kehrseite“, sagte ein LKA-Sprecher der Berliner Zeitung. Gerade ein Fall wie Emden zeige, „wie leicht es ist, zu allem Möglichen aufzurufen“. Auf die Idee, wegen dergleichen auf Facebook zu verzichten, sei deshalb aber noch keiner gekommen.

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