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Ex-Mossad-Chef Kfir "Ganz Israel rief nach dem Zorn Gottes"

Am 5. September vor 40 Jahren erschossen palästinensische Terroristen elf israelische Olympioniken. Moti Kfir, der damalige Chef der Mossad-Abteilung für Spezialeinsätze, erzählt, warum der Rachefeldzug für „München 1972“ seinem Geheimdienst Ruhm und Schmach zugleich einbrachte.

04.09.2012 17:08
München, 5. September 1972: Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft werden als Geiseln genommen. Einer der Terroristen sieht nach der Polizei. Foto: dapd

Juristisch sind die Morde bis heute nicht aufgearbeitet: Elf israelische Olympia-Teilnehmer und ein deutscher Polizist starben, als am 5. September 1972 in München Terroristen des Kommandos „Schwarzer September“ aus dem Umfeld der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) Geiseln nahmen, um Häftlinge in Israel freizupressen.

Die Täter wurden nie angeklagt, auch in Deutschland nicht. Doch Israel setzte seinen Geheimdienst auf die Verantwortlichen an. Offiziell hat der Mossad die Menschenjagd nie bestätigt, die für ein Dutzend Terroristen tödlich endete – gerade das trug zu seinem Mythos bei.

Jetzt hat Moti Kfir, einst Leiter der Mossad-Abteilung für „Special Operations“, ein Buch über dem Rachefeldzug für München veröffentlicht – und beschreibt darin, wie Mossad-Spione die Drahtzieher und Täter ausspähten und umbrachten. Im Mittelpunkt steht aber eine Frau, die er selbst für den Job rekrutierte.

"Behörden nahmen Hinweise nicht ernst"

Herr Kfir, nach allem, was heute bekannt ist: Wie konnte es zum Massaker von München kommen?

Die palästinensischen Terroristen waren wild entschlossen, die Weltbühne der Olympischen Spiele für ihre Zwecke zu nutzen. Und obwohl es vorher Hinweise darauf gegeben hatte, nahmen die Behörden sie nicht ernst genug.

Hätte die Geiselnahme verhindert werden können?

Ich bedauere zumindest, wie die deutschen Behörden agierten. Aus bislang unveröffentlichten Akten erfahren wir nun, dass damals ein Psychologe den Sicherheitsstab beriet und genau davor gewarnt hatte. Aber die Polizei ignorierte ihn. Auch, weil die deutschen Geheimdienste nichts lieferten, was die Warnung stützte. Dabei hatten sie von ausländischen Diensten etliche konkrete Hinweise bekommen.

Laut den Akten – unter anderem von einer Sonderkommission, der Staatsanwaltschaft und Geheimdiensten – baten die Deutschen Israel um Hilfe bei den Verhandlungen mit den Geiselnehmern und der Befreiung. Israels Behörden sollen sich geweigert haben.

Nein, das ist absolut falsch. Ich kenne Akten, die belegen, dass die israelischen Behörden sofort Mitarbeiter nach München schickten um zu helfen. Der damalige Mossad-Chef Tzwi Zamir flog persönlich nach München. Die Deutschen weigerten sich, ihn einzubinden. Die Affäre wurde zur schweren Belastung der deutsch-israelischen Beziehungen. Erst später hat der Mossad wieder intensiv mit den deutschen Kollegen zusammengearbeitet.

In Israel gibt es einen Gedenktag für die Opfer. Gehört zur Behandlung des Themas immer auch das Mossad-Kommando, das die Täter zur Strecke bringen sollte?

Sicher.

Inwiefern?

Die Entscheidung unserer damaligen Ministerpräsidentin, das Kommando zusammenzustellen, findet ungebrochen große Unterstützung. Damals rief ganz Israel nach Vergeltung – die der Mossad als Operation „Zorn Gottes“ umsetzte. Bis heute unterstützen 80 Prozent der Israelis die Politik der „physischen Prävention“, wie wir sie nennen.

Das heißt, es ging weniger um Rache als um Vorbeugung künftiger Anschläge?

Davon bin ich überzeugt. Im Endergebnis war die Rache natürlich ein Teil davon. Ganz sicher für die Hinterbliebenen.

"Sie sind doch eine Heldin"

Wie wurde die Operation „Zorn Gottes“ überhaupt in der Öffentlichkeit bekannt? Der Mossad hat sie bis heute nicht bestätigt.

Bald nach München wurden in Paris, Rom, Athen und Zypern erste Mitglieder des „Schwarzen September“ von Unbekannten getötet. Der Mossad hat sich nie dazu bekannt, aber die allgemeine Auffassung war schnell, dass er beteiligt sein müsse. Spätestens durch den Fehlschlag von Lillehammer wurde es dann quasi offiziell bekannt.

Gerade dieser Fehlschlag zeigte schon 1973 die Risiken und das moralische Dilemma der Taktik: Im norwegischen Lillehammer hielten Mossad-Agenten einen unschuldigen marokkanischen Kellner für einen der PLO-Terrorfürsten – und erschossen den Falschen vor den Augen seiner Frau.

Wir haben das sehr bedauert und uns entschuldigt. Israel hat der Witwe eine Entschädigung gezahlt. Und Norwegen bestand darauf, mehrere unserer Agenten vor Gericht zu stellen und zu langjährigen Haftstrafen zu verurteilen. Anders, als es in solchen Fällen sonst üblich ist, wurden sie nicht nach dem Urteilsspruch heimgeschickt, sondern mussten mehrere Jahre absitzen.

Eine davon war die gebürtige Südafrikanerin Sylvia Rafael, die Sie für die Einheit rekrutiert hatten. Entlang ihrer Biografie erzählen Sie nun in einem Buch die Ereignisse von damals nach. Warum?

Sie war eine Ausnahmeerscheinung: ungewöhnliche Persönlichkeit, vielseitig talentiert, enorm aufopferungsvoll. Und sie war eine Frau – zu dieser Zeit beim Mossad sehr ungewöhnlich. Sylvia ist bis heute eine bekannte Figur in Israel. Als sie nach zwei Jahren Gefängnis heim nach Israel kam, erkannte man sie auf der Straße: „Sie sind doch die Heldin von Lillehammer!“

Heldin? Lillehammer war grobes Versagen. Ein Unschuldiger starb.

Das bezog sich darauf, dass sie für ihr Land ins Gefängnis ging, dass sie beim Verhör nichts, rein gar nichts verraten hat über ihren Einsatz. Sie blieb eisern, bis Israel einen Anwalt schickte, der ihre Tarnung aufdeckte. Das machte sie nicht nur in Israel zur Heldin. In den Gerichtsakten fand ich den Satz des Richters: „Ich wünschte, auch Norwegen hätte eine Sylvia.“

Hatten Sie damals ein schlechtes Gewissen, als Sie vom Tod des Zivilisten in Lillehammer erfuhren?

Ich glaube daran, dass der Mossad seine moralischen Leitlinien besonders wichtig nimmt. Vielleicht mehr als andere Geheimdienste. Dazu zählt, dass wir immer wieder Einsätze – auch bei „Zorn Gottes“ – abbrachen, um keine Zivilisten zu gefährden. Selbst wenn hochrangige Terrorführer das Ziel waren, die nur extrem schwer zu lokalisieren waren. Wenn etwa die Familie des Terroristen auftauchte, waren wir stets extrem zögerlich. Wir versuchten dann, eine andere Situation zu finden, in der er allein war, ohne Kinder, ohne Nachbarn.

"Wir leben im Kriegszustand"

Aber gerade der „Zorn Gottes“-Feldzug schuf das Image, der Mossad gehe gegen seine Feinde besonders kaltblütig vor.

Aber da ist nichts dran. Lillehammer war ein Fehler, ein Versagen. Es war ja nicht Ziel der Operation, absichtlich einen Unschuldigen umzubringen. Sehen Sie sich die erfolgreichen Operation von „Zorn Gottes“ an: Sie werden kein einziges Opfer finden, das unnötig in Kauf genommen wurde. Glauben Sie mir, es wäre viel leichter gewesen, eine Bombe zu werfen und zu sagen: „Was geschieht, geschieht eben. Hauptsache, dein Ziel wird getötet.“ Aber so operiert der Mossad nicht.

Aber als 1979 in Beirut schließlich der zentrale Hintermann der München-Geiselnahme, der PLO-Getreue Ali Hassan Salameh, vom Mossad getötet wurde …

Griffen wir zu einer Autobombe, ja. Aber auch da gab es nur ein theoretisches Risiko, Zivilisten zu verletzen. Praktisch wussten wir, dass niemand in der Nähe war, außer seinen Bodyguards, die verletzt wurden.

Seine schwangere Frau musste zusehen, wie er starb. Auch bei anderen Taten, die dem Mossad zugeschrieben werden, wurden die Ehefrauen der „Zielobjekte“ verletzt – oder gar unschuldige Passanten. Ab wann wird die Vergeltung selbst zum Terror?

Nun, der Unterschied zwischen einer Geheimdienstoperation und Ihrem Alltagsleben ist, dass ein Spion sich manchmal dafür entscheiden muss, moralische Leitlinien zu brechen. Man muss das dann gegen die höheren Ziele abwägen. Wie hätten wir nach München vorgehen sollen? Immerhin wurden die Täter nie angeklagt, auch nicht von der deutschen Justiz. Im Gegenteil: Die drei überlebenden Täter wurden schon im Oktober gegen eine entführte Lufthansa-Maschine ausgetauscht.

Wäre es denkbar gewesen, die Täter zu fangen und vor Gericht zu stellen – wie es der Mossad zuvor mit Adolf Eichmann geschafft hatte, dem führenden Architekten des Holocaust?

Nein, das hätte nicht funktioniert. Nein, nein. Dann hätten die Terroristen versucht, weitere Anschläge zu verüben, um ihre Kameraden zu befreien. Für Israel wäre alles noch gefährlicher geworden. Vergessen Sie nicht: Wir leben im Kriegszustand, auch wenn keine Schüsse fallen.

Wie sieht das die israelische Öffentlichkeit? Ließ zum Beispiel Lillehammer Zweifel an der Methode der Rachejustiz aufkommen?

Kaum. Für ein paar Jahre litt der ruhmreiche Ruf des Mossad, weil die Operation in Lillehammer so schlampig vorbereitet war. Jeder fragte sich: „Wie konnte dem berühmten Mossad das passieren?“ Doch nach ein paar Jahren gab es wieder – natürlich unbestätigte – Erfolgsmeldungen. Die Methode der gezielten Tötungen findet nach wie vor breite Zustimmung in Israel.

Obwohl sie rechtswidrig ist?

Weil es vor allem um künftigen Schutz ging, um Abschreckung – weniger um Rache. Die Israelis wollten nach München nicht mehr, dass Juden sich je wieder so behandeln lassen müssen. Dazu müssen Sie den historischen Hintergrund verstehen: Terrorismus durch Araber, Palästinenser, hat eine Geschichte von mehr als 100 Jahren. Wir werden geboren im Bewusstsein, dass wir uns, unser Land und unser Volk verteidigen müssen. München war ein großer Akt eines Terrorismus, den das israelische Volk schon seit Jahren kannte – und für viele weitere Jahre, bis heute.

"Zusammenhalt einer kleinen, bedrohten Nation"

Aber warum hörte der Terrorismus gegen Israel trotz der erfolgreichen Vergeltung gegen die München-Täter nie auf?

Wir werden nie genau wissen, wie viel mehr Anschläge es ohne die Abschreckung gegeben hätte. Man kann das nicht messen. Ich glaube aber, dass es Israel half, das Bewusstsein zu schaffen, dass jeder, der uns angreift, getötet wird. Sicher, das konnte den Terrorismus nicht abschaffen. Aber meine Antwort ist: Ohne die Abschreckung wären es noch mehr Terroristen, noch mehr Anschläge.

Seit Lillehammer musste der Mossad weitere Fehlschläge einstecken: die Aufdeckung eines Mordanschlags in Dubai vor zwei Jahren, das Scheitern vieler Anschläge auf Jassir Arafat und Saddam Hussein. Im Mai dieses Jahres richtete der Iran einen angeblichen israelischen Agenten hin. Hat der Mossad seinen weltweiten Ruf einer großen dunklen Macht eingebüßt?

Der Ruf, dass der Geheimdienst unserer kleinen Nation mit ihren nur sieben Millionen Einwohnern in derselben Liga spielt wie CIA und KGB, also den riesigen, reichen Diensten der Supermächte – dieser Ruf stammt aus der Nachkriegszeit. Vor allem durch den Fall Eichmann: Obwohl Argentinien so weit weg ist, konnte der Mossad Eichmann lokalisieren, identifizieren und entführen. Dann gab es Berichte, wonach der Mossad in den 60er-Jahren deutsche Wissenschaftler durch Briefbomben tötete, die Ägyptens Raketenprogramm zuarbeiteten. Ich kann dazu nichts weiter sagen, weil mir das als Verrat von Regierungsgeheimnissen ausgelegt werden könnte und unter Strafe steht. Aber gerade aus dieser Ungewissheit, wer wirklich hinter welchen Aktionen steht, entstand die Legende des Mossad.

Wie schafft es der Mossad, mit CIA und KGB mitzuhalten, obwohl er so klein ist? Arbeitet er anders als die großen Dienste?

Nein, praktisch würde ich sagen, dass jeder Geheimdienst dieselbe professionelle Ausbildung hat. Was den Mossad unterscheidet, ist die Motivation und der Rückhalt.

Wie das?

Hinter dem Erfolg steckt der Zusammenhalt einer kleinen, bedrohten Nation. Das Gefühl, dass der Staat ein Teil von uns ist. Wenn Sie auf einer kleinen Farm in den USA leben, ist Ihre Identifikation mit Washington sehr begrenzt. Aber die Israelis sind sehr stolz auf ihren Geheimdienst. Das ist vermutlich einer der großen Unterschiede zu anderen Geheimdiensten in der Welt. Wir halten den Mossad für einen wichtigen Schutz der Nation. Die Israelis wertschätzen den Mossad für die erfolgreichen Operationen, die nach und nach bekanntwurden.

Debattierten die Medien dann jeweils über diese Fälle? Darüber, ob gezielte Angriffe die beste Methode für Terrorismusbekämpfung sind?

Es darf ja gar nicht offen darüber berichtet werden. Das verbietet die Zensurbehörde. Man darf lediglich ausländische Quellen zitieren, die darüber schreiben. Auch die Journalisten spekulieren nicht selbst über die Rolle des Mossad. Sie müssen sich stets auf ausländische Quellen berufen.

"Es gibt manchmal keinen anderen Weg"

Und der Leser ...

Lächelt und sagt sich: Ich glaube schon, dass der Mossad damit zu tun hat. So funktioniert das ja weltweit.

Zuletzt wurden dem Mossad Anschläge auf iranische Atomwissenschaftler zugeschrieben.

Auch das verfolgt die israelische Öffentlichkeit mit großer moralischer Unterstützung. Wir wissen zwar nicht, ob es Mossad-Operationen waren. Aber wenn sie es wären, fänden sie Unterstützung.

Das naheliegende Gerücht war weltweit sofort: Der Mossad will den Bau einer iranischen Atombombe sabotieren. Inzwischen wurden innerhalb von zwei Jahren mindestens drei führende iranische Nuklearforscher ermordet.

Israel hat das nie dementiert oder bestätigt. Aber werden in der israelischen Öffentlichkeit sofort Rufe nach dem Mossad laut, wenn man davon hört, dass im Iran an Nuklearwaffen gebaut wird? Auf jeden Fall.

Einer der Wissenschaftler wurde vor dem Kindergarten seiner Tochter in Teheran erschossen, vor den Augen von Frau und Tochter. Ein weiterer Professor für Atomphysik fiel 2010 einem Autobombenanschlag zum Opfer, seine Frau wurde schwer verletzt ...

Wie gesagt: Als Agent steckst du in einem Spiel, dessen Regeln du nicht bestimmst. Es gibt für den Staat manchmal keinen anderen Weg, sich zu schützen, als durch eine Balance des Terrors. Diese iranischen Wissenschaftler waren Leute, die laut internationalen Atomexperten an der Atombombe arbeiteten. Die Zeitung Ha’aretz berichtete jüngst, innerhalb der Regierung werde gestritten, wie effektiv solche Mordkampagnen seien. Nur: Als Alternative sei ein Militärschlag gefordert worden. Ob das moralisch besser wäre?

Interview: Steven Geyer

Moti Kfirs Buch (mit Ram Oren) „Sylvia Rafael. Mossad-Agentin“ ist im Arche Literatur-Verlag erschienen. Zürich 2012, 334 Seiten, 21,95 Euro.

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