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Ex-Grünen-Abgeordnete Barbara Rütting "Ich fühlte mich von der Partei versklavt"

Barbara Rütting kämpft gegen Atomkraft und Rüstung, für Gesundheit und Tierschutz. Dabei lässt sie sich von niemandem vor den Karren spannen. Die Gegner von Stuttgart 21 versuchen es dennoch – aber die Diva überlegt noch. Besuch bei einer alten Dame.

10.11.2010 19:20
Katharina Sperber
Verließ Bayern voller Gram. Jetzt hat Barbara Rütting eine neue Heimat im kleinen Spessartdorf Michelrieth gefunden. Foto: Alex Kraus

Noch liegen ein paar Nebelfetzen über dem Tal. Doch schon bald wird das idyllisch gelegene Spessartdorf Michelrieth in goldene Herbstsonne getaucht sein. Buddhina ist ausgelassen hinunter zum kleinen Teich gerannt. Jetzt steht sie still, schaut uns traurig an. Die Flanken der Hündin zittern wie Espenlaub. „Ich muss mit ihr zum Arzt“, sagt Barbara Rütting und guckt genauso mitgenommen wie ihre Hündin. 2001 hat sie das Tier aus dem indischen Pune mitgebracht, gerettet aus dem elenden Dasein eines indischen Straßenköters.

Schon einmal hat Barbara Rütting einen Hund verloren, das hat ihr fast das Herz gebrochen. Monatelang hat sie mit dem Schicksal gehadert und geweint. Ausgerechnet Barbara Rütting, die sich mit Gesundheitsbüchern wie „Lach dich gesund“ in die Bestseller-Listen geschrieben hat. Aber das eine ist Theorie, das andere Praxis. Und zu Letzterer gehöre auch Heulen, und zwar aus allen Schleusen, sagt die Autorin.

„Irgendwo wird es immer einen kleinen verlorenen Hund geben, der mich davon abhält, glücklich zu sein“, zitiert die Rütting den französischen Dramatiker Jean Anouilh. „Genauso fühle ich. Ich bin der am Angelhaken zappelnde Fisch, ich bin das brüllende der Mutter entrissene Kälbchen – ich bin mein geliebter Hund Osho, dessen Tod einen Riss in meiner Seele hinterließ, für den es keinen Kitt gibt. Kein leichtes Dasein, dieses So-Sein.“

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Trotzdem: Unglück stößt Barbara Rütting nicht in anhaltende Depression. Im Gegenteil, es treibt sie erst um, dann an – und manchmal ist kein Halten mehr. Die Moralistin kennt nur heiß und kalt. Lau-Sein ist ihr ein Gräuel. Sie war einst eine gefeierte Schauspielerin, eine erfolgreiche Gesundheitsberaterin und sie saß sechs Jahre für die Grünen im bayrischen Landtag. Sie eignet sich als Galionsfigur für jedwede gute Sache. Verbiegen aber lässt sie sich für nichts. Da hat sie einen harten Schädel.

Jugendlich beschwingt sieht die 82-Jährige aus, wie sie nun im offenen Parka, den Hund wieder an der Leine, über die nasse Wiese in Michelrieth stapft. Seit einem Jahr ist das Dorf ihre neue Heimat. Sie ist immer ein Star, aber niemals Everybody’s Darling.

In den 80er Jahren hört sie auf, Filme zu drehen, just als sie in Hollywood Erfolg hat, in der weiblichen Hauptrolle neben Kirk Douglas in dem Justizthriller „Stadt ohne Mitleid“. „Die waren alle so ich-bezogen, so wollte ich nicht werden.“ Sie macht einen Schnitt und konzentriert sich auf ihr politisches Engagement für Umwelt-, Tier- und Menschenrechte. 1983 kommt sie in die Schlagzeilen, sie kettet sich beim Pharmakonzern Schering an, um gegen Tierversuche zu protestieren. 1984 wird sie bei den Mutlanger Friedenstagen gegen die Stationierung der Pershing-Raketen festgenommen. In Bulgarien und in einer russischen Klinik für strahlengeschädigte Kinder gibt sie Vollkost-Kochkurse. Sie erfindet das „Rütting-Vollkornbrot“, mit Koriander, Fenchel und Kümmel gewürzt. Bis heute beliebt in Millionen alternativ gesinnten (Rentner)-Haushalten. Heutige Mittdreißiger erinnern sich, dass Rüttings Ernährungsbücher bei Muttern daheim in der Küche wie die Bibel geehrt wurden.

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Und nun hat sie wieder ein Buch geschrieben – ein politisches. Eine Abrechnung mit der parlamentarischen Demokratie. Bei Politikern existiere offenbar gar keine Empathie, diagnostiziert sie, es gebe kein Mitleid. Sie sei schockiert gewesen als in Bayerns grüner Fraktion überlegt wurde, wie der CSU am besten geschadet werden könne. „Was ist das für eine Politik? Ich wollte im Landtag etwas tun für Mensch, Tier und Natur, aber ich wollte doch niemandem schaden.“

Mit ihrem Werk trifft Barbara Rütting in Zeiten der Demonstrationen gegen die Castortransporte und des Protests gegen das Bahngroßprojekt Stuttgart 21 vor allem den Lebensnerv der Generation 60 plus. Enttäuscht wendet die sich gerade ab von einem Politikstil, der nur noch streitsüchtig, technokratisch und kalt anmutet. Fit und agil verteidigen die Alten das, was sie haben. Und es ist nicht wenig: Häuser, Reisen, Geld und Gesundheit.

Barbara Rütting selbst ist nicht vermögend, sie hat sogar die Pension einer Abgeordneten verwirkt, weil sie sich vorzeitig aus dem Landtag zurückgezogen hat. Geld sei ihr nicht wichtig, sagt sie. Aber sie besitzt die Reputation einer ehrbaren Frau. Auch das ist viel und ein Grund, warum sie doch noch einen Kredit für ihr Michelriether Häuschen bekam, obwohl die meisten Banken Rentnern und Pensionäre n kein Geld mehr leihen.

Geblieben ist den Grauköpfen neben den Vermögen und der Lebenserfahrung auch der ewige Traum vom Guten, Wahren, Schönen. Von einer Welt, „in der Löwe und Lamm friedlich miteinander leben“, sagt Barbara Rütting. Davon habe sie schon als Kind geträumt. Sie sagt es noch immer mit der festen gut ausgebildeten Stimme einer Filmdiva. Da zittert nichts, da piepst nichts. Niemals verhuscht und stets ohne mit der Wimper zu zucken. Was sie für richtig befindet, spricht sie aus. Auch die romantische Vorstellung von Lamm und Löwe, obwohl sie nur zu gut weiß, dass ihr Kater keine Maus in Michelrieth verschmähen würde, nur weil Frauchen eine Tierschützerin ist.

Nun gut, der Kater wird auf Mausefleisch niemals verzichten, das weiß die Rütting auch, aber das sei nun mal seine Natur, sagt sie. Seufzt ein wenig und schlägt die Augen kokett nieder. So lassen sich Widersprüche auch überspielen. Womit sie sich aber absolut nicht abfinden könne, sagt sie nun, schaut einem ins Gesicht und ihre Augen werden dunkel. Was sie gar nicht haben könne, sei Tierquälerei, wozu die bekennende Vegetarierin auch Schlachthöfe zählt.

„Ist für die Tiere jeden Tag Treblinka?“, hat sie eines der Kapitel in ihrem Buch überschrieben. Das ist ein starkes Stück. Was will die Rütting uns damit sagen? Sie vergleicht den Holocaust mit dem für ihren Geschmack völlig unzureichenden Tierschutz und verharmlost damit den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden. „Ich verharmlose gar nichts“, sagt sie nun etwas spitz. Missbilligend schüttelt sie ihren weißen Pagenkopf.

Sie steht jetzt sehr aufrecht neben einem kleinen Teich und macht eine Kunstpause. „Ich zitiere den jüdischen Literaturnobelpreisträger Isaac Singer, der das gesagt hat. Die Massenmörder haben fast alle mit Tierquälerei begonnen. Empathie ist nicht teilbar, sie gilt dem Menschen genauso wie der Natur.“ Barbara Rütting kann noch immer posen, auch auf einer Wiese. Sie provoziert jetzt, das weiß sie.

Selbst aber lässt sie sich selten aus der Ruhe bringen. Ist sie die Brigitte Bardot Deutschlands?

Sie zuckt mit den Achseln, als sie das vor wenigen Wochen auf der Frankfurter Buchmesse gefragt wird. Anders ihre zahlreichen Fans. Sie sind gekommen, um sich ihr Buch signieren zu lassen, und halten nun hörbar die Luft an. „Unverschämtheit“, ruft einer. Barbara Rütting kann an sich nichts entdecken, was der französischen Diva, die in ihrem Kampf für mehr Tierschutz ins rechtsextreme Lager abgeglitten ist, gleichen würde. Auf der Messe überhört sie die Frage glatt. Hier, zeigt ihre stolze Körperhaltung im schwarzen Clubsessel, hier sitzt keine alte übergeschnappte Frau, sondern eine Kämpferin für das Wohlergehen der Schöpfung. „Machen Sie weiter so“, ruft eine Endsechzigerin und nickt. Das ist für die Rütting wie ein Stichwort auf einer Bühne: „Danke. Aber ich sage Ihnen, hören Sie auch nicht auf, sich zu wehren. Geben Sie nicht auf!“ Applaus brandet auf – für die Autorin, aber auch für all jene, die sich hier selbst beklatschen.

Sechs Jahre lang hat Barbara Rütting als grüne Abgeordnete im bayrischen Landtag versucht, ihrer Herzensangelegenheit Tierschutz noch mehr Gehör zu verschaffen. Ohne Erfolg, wie sie heute bitter feststellt. Die CSU sei sowieso dagegen gewesen und in der eigenen Fraktion habe sie hören müssen: deine blöden Hühner sind mir egal. Anfangs hatte sie noch Renate Künast an ihrer Seite geglaubt. Damals, als die grüne Bundeslandwirtschaftsministerin es schaffte, den Tierschutz im Grundgesetz zu verankern. Ohne Verbandsklagerecht freilich, so dass der Tierschutz mehr oder weniger bis heute nur auf dem Papier steht. Das, sagt die Rütting, habe sie sogar noch verkraften können, ihr sei klar, dass in der Politik dicke Bretter gebohrt werden müssen und das lange dauern kann. Aber was dann im vergangenen September in der ARD zu sehen war, habe ihr die Schuhe ausgezogen und ihren Austritt aus der Partei nach mehr als 20 Jahren Mitgliedschaft besiegelt.

Künast hatte in der ARD-Sendung „Abgeordnet“ vor laufender Kamera einen Saibling erschlagen. Drei Hiebe auf den Fisch, dann war er tot. „Künast wollte damit ihre Praxistauglichkeit unter Beweis stellen“, empört sich Barbara Rütting noch heute. „Und damit ist sie ein gutes Beispiel für die Anbiederung der Grünen. Sie tun inzwischen fast alles, damit sie gewählt werden – auch von Jägern, Bauern und Anglern. Sie machen sich für jeden wählbar – aber für mich sind sie das nicht mehr.“

Stattdessen wählt Barbara Rütting heute die Tierschutzpartei, auch wenn die in keinem einzigen deutschen Parlament sitzt und kaum politische Gestaltungsmacht hat. „Ich meine, es ist besser, in der Opposition zu sein, als um der Macht willen die eigenen Ideale zu verraten.“ Sagt es und läuft jetzt behende durch den Park der Klinik in Michelrieth, in der sie schon früher oft dem Alltagsstress einer Politikerin entkam. Ihre Hündin hat sich wieder berappelt und folgt ihr rasch. Sechs Gänse rennen schnatternd auf die beiden zu, schlagen mit den Flügeln. „Guten Morgen, ihr Lieben“, ruft die Rütting fröhlich. Ob Nachbar oder Federvieh, Barbara Rütting macht da keinen Unterschied.

„Wo bitte geht’s ins Paradies?“

Und kommt doch trotz aller frohen Weltzugewandtheit manchmal ins Straucheln. Ihr Abschied von den Grünen war lang und am Ende voller Gram. Barbara Rütting ist darüber krank geworden, ausgebrannt gab sie ihr Mandat zurück, verließ ihre Heimat, das Chiemgau, und ihre Partei. „Die Grünen wollten mich nicht wirklich, die haben mich nur als Zugpferd benutzt.“

Und wieder war ein Schnitt im Leben fällig. Jetzt, ein Jahr später sieht man ihr an, zumindest körperlich hat ihr der Abschied gut getan. Der Burnout hat sie nicht gebeugt. Bereut sie es nicht, dass sie die Grünen verlassen hat, ausgerechnet jetzt, wo die Partei in der Wählergunst in ungeahnte Höhe steigt? „Nein, ich fühlte mich von der Partei versklavt, ich musste mich ständig rechtfertigen, mit wem und wogegen ich demonstrieren wollte. Das ist jetzt zu Ende.“

Die Sonne hat sich durch den Nebel gekämpft und leuchtet nun durchs bunte Laub der Michelriether Gärten. Idylle pur, könnte man meinen. Ist es aber nicht. Dort wo Barbara Rütting lebt, ist Unruhe und in ihrer neuen Heimat Michelrieth herrscht Religionskrieg. Auf dem Gottesacker hinter der großen, alten Linde finden laut Friedhofsordnung nur Evangelische und Katholische ihre letzte Ruhe. „Ich also“, sagt die bekennende Nicht-Christin Rütting, „werde in Marktheidenfeld beerdigt werden“ – und amüsiert sich über den dörflichen Streit, der sich bis in den Tod fortsetzt.

Das „Universelle Leben“ hat sich hier seit ein paar Jahren festgesetzt, eine Gemeinschaft von Anhängern der Gabriele Wittek, die hier wohnt und sehr zum Ärger der Kirchen behauptet, Christus spreche direkt zu ihr. Ihre Anhänger folgen urchristlichen Idealen, glauben, dass das „hochschwingende Ortskarma“ des Spessart sie beim bevorstehenden Weltuntergang weitgehend verschonen werde, und bauen auf ihren Feldern und Wiesen Obst und Gemüse an, das die Frankfurter in ihrer feinen Kleinmarkthalle gerne kaufen.

Ist die Rütting jetzt Mitglied einer Sekte, wie ihr gelegentlich angedichtet wird? „Quatsch“, sagt sie, „aber ich beteilige mich auch nicht an der Diffamierung religiöser Minderheiten. Ich fühl' mich hier wohl. Im Dorf halten die Menschen zusammen, mich interessiert überhaupt nicht, wer zum ,Universellen Leben’ gehört und wer nicht. Sie helfen mir, zum Beispiel im Winter beim Schneeschippen.“ Die Dörfler seien wohl ein wenig ruppig, aber freundlich, eben anders als im vornehmen München. Dass das „Universelle Leben“ von ihrer Berühmtheit profitieren könnte, bekümmert die Rütting nicht.

„Wo bitte geht’s ins Paradies?“ ist der Titel ihres neuen Buches. Hat sie es im Spessart gefunden? Jetzt lächelt sie das Lächeln einer alte Dame: „Nein, dieses Leben ist nur eine Besserungsanstalt. Das Paradies ist anderswo.“ Wo immer es ist, seine Entdeckung muss warten. Unlängst erhielt Barbara Rütting einen Anruf aus Stuttgart. Ob sie mit Fallschirm auch aus einem Hubschrauber springen würde, haben Stuttgart-21-Gegner sie auf der Suche nach originellen Widerstandsformen mit hohem Aufmerksamkeitswert gefragt. Wieder soll sie ein Zugpferd sein. Wird sie es machen? „Ich ruf Sie an, wenn es soweit ist“, sagt sie, verabschiedet sich und geht mit Buddhina ab. Ganz Star – dickköpfig, unbequem und in keiner Schublade zuhause.

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