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Evakuierung Die Bombe von Koblenz

HC 4000 LB ist die Fachbezeichnung für die Luftmine, die drei Meter lang ist und mit 1400 Kilo Sprengstoff gefüllt wurde. Sie versetzt die Stadt am Rhein in Alarmstimmung . Halb Koblenz wird evakuiert.

03.12.2011 17:47
Harald Biskup
Ein Damm aus Sandsäcken wird rund um die Luftmine im Rhein errichtet. Foto: dpa

Der Countdown läuft unerbittlich. Bis spätestens Sonntagfrüh um neun müssen 45.000 Koblenzer ihre Wohnungen und Häuser verlassen haben. Wegen der Bergung und Entschärfung einer Luftmine erlebt die Stadt die größte Evakuierungsaktion seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch von Hektik oder gar Unruhe ist wenig zu spüren. Nach 25 problemlos verlaufenen Sicherungsaktionen seit 1999 sehen die Menschen dem Ereignis in einer Mischung aus stoischer Gelassenheit und Gleichgültigkeit entgegen. „Hamsterkäufe wurden bislang nicht beobachtet“, sagt nicht ganz ironiefrei Kriminalhauptkommissar Heinz Peter Ackermann vom Leitungsstab, der mit seinem Team unweit des Rheinufers arbeitet.

Gelbe Bändchen zur Sicherheit

Zu den Verantwortlichen gehört auch Volker Grabe vom Deutschen Roten Kreuz. Trotz langjähriger Erfahrung mit den Folgen von Bombenfunden spricht er „schon von einer riesigen Herausforderung, wenn praktisch die halbe Stadt evakuiert werden muss“. Grabe muss dafür sorgen, dass zwei Krankenhäuser komplett geräumt und die Kranken auf andere Hospitäler verteilt werden. Intensiv-Patienten sind bis dahin schon verlegt worden. Insgesamt sind von der Aktion etwa 1?000 Menschen betroffen, denn auch sieben Altenheime müssen evakuiert werden. Mehr als 300 Kranken- und Rettungswagen werden im Einsatz sein.

Wie sich die Koblenzer die Verlegung der Senioren vorstellen, kann man in der Geschwister-de-Hayeschen-Stiftung sehen. Gelbe Armbändchen, die an die Identifizierung von All-inclusive-Urlaubern in großen Ferienanlagen erinnern, sind sehr wichtig. In Koblenz steht „gelb“ für die Geschwister-de-Hayeschen-Stiftung auf der Karthause. „Damit niemand unter die Räder kommt“, sagt Heimleiter Thomas Weber lachend, und zählt die Armbänder durch. Alle 325 Bewohner und fast 200 Mitarbeiter sind betroffen. Nach einem ausgeklügelten Plan werden sie vorübergehend auf andere Einrichtungen verteilt.

Schon sechs Mal war sein Haus seit 1999 von Evakuierungsaktionen betroffen, „bisher haben wir aber immer Leute aus anderen Altenzentren bei uns aufgenommen“, sagt Weber. Umziehen muss auch Elsa Wolf, eine rüstige 85-Jährige. Die meisten Mitbewohner“, erzählt sie, hätten für die Vorsichtsmaßnahme Verständnis. Schließlich handle es sich um eine Luftmine und deren Sprengkraft sei halt auch nach mehr als 60 Jahren noch gewaltig. Meldungen über Bombenfunde lösen bei ihr wie bei vielen alten Koblenzern 66 Jahre nach Kriegsende unweigerlich Erinnerungen an den Luftkrieg aus. Zum Beispiel an die „Christbäumchen“, wie im Volksmund die von Briten und Amerikanern vor dem eigentlichen Angriff abgeworfenen Markierungsbomben hießen. Um den zunehmenden Angriffen zu entgehen, wich die Familie Wolf 1944 in das nahe Schloss Bassenheim aus. Wie durch ein Wunder blieb das elterliche Haus weitgehend unzerstört.

Brücken als Ziel

Ein etwas kleinerer Radius hätte es vermutlich auch getan, findet Helmut Schnatz. Der pensionierte Geschichtslehrer gehört zu den Experten für alles, was mit dem Bombenkrieg zusammenhängt. „Es war damals Volkssport, die zurückfliegenden Bomber zu zählen, erinnert sich Schnatz. Am 6. November 1944 ist Koblenz durch britische Luftangriffe praktisch vernichtet worden. Warum war die Stadt so ein begehrtes Angriffsziel? Schnatz hat herausgefunden, dass Fliegerverbände auf ihren Rückflügen die Stadt als Verlegenheitsziel nutzten, wenn sie die Bomben nicht auf eigentlich ausgewählte Industrieanlagen abwerfen konnten. Später erkannte die Air Force die strategische Bedeutung der Koblenzer Verschiebebahnhöfe und Eisenbahnbrücken. Nach Sichtung alliierter Archivunterlagen hat Schnatz herausgefunden, dass 256 Luftminen des jetzt durch das extreme Niedrigwasser gefundenen Typs über Koblenz abgeworfen wurden, insgesamt sollen es 50.000 Bomben gewesen sein. Eine Faustregel besage, dass zehn bis 15 Prozent nicht explodiert sind. „So schnell“ orakelt er, „kommen wir hier nicht zur Ruhe. Das braucht noch Jahrzehnte.“

Mit ihrer Erblast und vor allem mit den Unannehmlichkeiten gehen die Koblenzer souverän um. Die meisten haben sich einen Besuch bei Bekannten oder Verwandten vorgenommen. Das ebenfalls von der Räumung betroffene Gefängnis veranstaltet, so ein Justizwachtmeister vielsagend, einen Betriebsausflug, in dessen Verlauf die 200 Häftlinge auf andere Gefängnisse verteilt werden. „Am Montag sind alle wieder da“, sagt der Mann – wenn alles planmäßig verläuft.

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