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Eurovision Song Contest „Shit, des ist ka Hit!“

Putzkolonnen-Contest, ESC-Seminare und Zwitscher-Wettbewerbe – in wenigen Wochen geht in Wien der Eurovision Song Contest über die Bühne. Schon jetzt stehen viele Kopf.

17.04.2015 14:29
Iris Mostegel
Sie holte den ESC nach Wien, jetzt wird sie ihn als Moderations-Assistentin begleiten: Conchita Wurst. Foto: REUTERS

Als Österreichs öffentlich-rechtlicher Kulturradiosender Ö1 kürzlich den ‚Birds‘ Song Contest‘ lancierte – die schönsten Vogelmelodien werden von einer Jury, darunter ein Ornithologe, gekürt; Hauptpreis ist ein Fernglas für die Vogelbeobachtung – als also der Radiosender diesen Vogel Song Contest ins Leben rief, muss es auch den letzten in der Alpenrepublik gedämmert haben, dass der – wahre – Song Contest nicht mehr weit weg sein kann.

Nachdem Conchita Wurst beim vorjährigen Song Contest in Kopenhagen mit ihrem Song „Rise Like A Phoenix“ einen furiosen Sieg eingefahren hatte, ist dieses Jahr Wien mit seinen 1.8 Millionen Einwohnern die Gastgeberstadt. Am 23. Mai ist es dort soweit – dann wird das pompöse Finale des 60. Eurovision Song Contests in der Wiener Stadthalle über die Bühne gehen und die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren.

Während in diesen Tagen mehrere hundert LKWs 3500 Tonnen Material zum Austragungsort transportieren, feilen die Organisatoren an einem akribischen Sicherheitskonzept, die Hotellerie indes rüstet sich für 30 000 Nächtigungen: Die Preise haben bereits angezogen, aber „wenn Spätentschlossene ein Zimmer brauchen, werden sie auch eines bekommen“, so Walter Straßer von WienTourismus.

Doch die Mehrheit der Song Contest-Anhänger kümmert diese Frage nur wenig, denn sie wird das Event traditionell am Fernsehgerät verfolgen: Der Song Contest ist eine der weltweit meistgesehenen TV-Shows – allein im Vorjahr waren es knapp 200 Millionen Zuschauer in mehr als 40 Ländern.

Einer dieser Zuseher vergangenes Jahr war Wiens „Schoko-König“ Wolfgang Leschanz (65). Als Österreichs siegreicher Beitrag über den TV-Bildschirm flimmerte, beschloss der Konditor eine Eurovisions-Torte zu kreieren – eine Conchita Wurst aus 20 Kilo Bio-Schokolade.

Im Februar begann er an ihr zu arbeiten. Nach 250 Arbeitsstunden steht er nun in seiner Backstube vor einem vollendeten Abbild der österreichischen Drag Queen. „Wenn sie mir jetzt versehentlich runterfliegen würde, wäre ich suizidgefährdet“, lacht er. Verkäuflich ist das Werk nicht – als Schaustück in der Vitrine seines Geschäfts soll es Touristen anlocken.

Doch der Konditor ist nicht der einzige, der sich den Song Contest-Hype zunutze macht, auch die Politik ist auf den Zug aufgesprungen.

Umweltstadträtin Ulli Sima etwa, die die diesjährige Sauberkeitskampagne der Stadt als „Eurowischn Putz Contest“ deklarierte und – in Anspielung auf Wiens Lieblingsthema: die fachgerechte Entsorgung von Hundekot – mit Plakaten wie „Shit, des ist ka Hit!“ für Schmunzeln bei den Wienern sorgt.

Von ganz anderer Seite kommt indes Dean Vuletic: Der 37-jährige Historiker hält an der Universität Wien ein Proseminar zum Song Contest ab. „Das Event war schon immer ein Spiegel politischer Befindlichkeiten. Bis 1968 etwa gaben Deutschland und Österreich einander kaum oder gar keine Punkte – eine Nachwirkung des Zweiten Weltkriegs: Beide wollten der Welt signalisieren, mit großdeutschen Projekten abgeschlossen zu haben“, erklärt er. „Bis heute ist der Song Contest eine ideale Gelegenheit, um sein Image aufzupolieren.“ Dies vor allem für das Gastgeberland – der Werbewert der Veranstaltung wird auf mindestens 100 Millionen. Euro geschätzt, über herkömmliche Wege also faktisch kaum zu erreichen.

Das wissen auch Wiens Song Contest-Organisatoren, weshalb sie alles daran setzen wollen, sich im internationalen Scheinwerferlicht als weltoffene, hippe Stadt zu positionieren – fernab von Tralala-Klischees wie Walzer, Sängerknaben und Apfelstrudel. Und die marketingtechnischen Ingredienzen des Eventkonzepts sind – bis auf das eher matte Wettbewerbsmotto „Building Bridges“ – auch ziemlich gut: Moderiert wird das Mega-Spektakel von einem dreiköpfigen und optisch multikulturellen Frauenteam, als Assistentin fungiert Conchita Wurst.

Zum ersten Mal in der 60-jährigen Geschichte des Song Contests werden die Show-Acts zusätzlich in Internationaler Gebärdensprache performt; ein Service für die 750 000 gehörlosen Menschen in Europa. Nicht unter den Scheffel stellen die Wiener ebenfalls, dass es sich um den ersten Öko-Contest handelt, so unter anderem durch Verwendung grüner Energie, Konzerttickets, die auch als Fahrscheine gelten und Eventmaterialen, die man später recycelt.

Doch Wien wäre nicht Wien, wenn manche seiner Einwohner und Einwohnerinnen nicht auch diesmal ihrem Nationalsport frönen würden: dem Raunzen und Granteln, also dem für Wien so typischen, aber nicht uncharmanten, Herumgejammere.

Kaffeehausbesitzerin Eleni Brey (64): „Wenn ich Kulturministerin wär‘, hätt‘ ich den Song Contest ganz anders aufzog’n: Viel Walzer und a bisserl Biedermeier.“ Die beleibte Dame schüttelt resigniert den Kopf. „Was is nur aus Wien g’wordn?“

Ernsthaften Grund zur Besorgnis gibt es aber nicht, denn erst, wenn in Österreichs Hauptstadt einmal niemand mehr raunzt und jammert, wüsste man, irgendetwas liefe falsch. So gesehen also: Alles läuft nach Plan – Willkommen beim Eurovision Song Contest in Wien.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier ESC

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