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Eurovision Song Contest Babuschki – boom, boom!

Russland lässt sich beim Eurovision Song Contest von Greisinnen aus einem Dorf in Udmurtien vertreten. Ein Besuch bei den „Omas von Buranowo“.

Die russische Folklore-Gruppe Buranowskije Babuschki. Foto: dpa

Russland lässt sich beim Eurovision Song Contest von Greisinnen aus einem Dorf in Udmurtien vertreten. Ein Besuch bei den „Omas von Buranowo“.

Der Frühling ist noch nicht nach Buranowo gekommen, vielleicht ist ihm Udmurtien zu abgelegen. Dorfhunde schieben ihre Schnauzen durch den Schnee, in Bäumen glitzert fingerdick der Reif, und morgens beim Wasserholen knirscht es unter den Stiefeln. Buranowo ist ein schönes Dorf. Der Stolz von einst, die Sowchose „10 Jahre Udmurtische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“, mag verfallen sein wie die Kornspeicher am Dorfeingang. Aber es gibt andere Gründe, auf Buranowo stolz zu sein.

Ein paar von diesen Gründen sitzen gerade im Dorfklub und trinken Tee. Der Klub ist ein niedriger Ziegelbau, er hat einen Vortragssaal und sogar ein kleines Museum über die 300-jährige Geschichte des Dorfes. Im Vorraum, neben dem Pingpongtisch, hängt eine gerahmte Urkunde. „Diplom“ steht darüber, und dass die Gruppe „Buranowskije Babuschki“ – zu deutsch „Omas von Buranowo“ – die nationale Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest 2012 gewonnen haben.

Das war Anfang März, und es war eine Sensation. Nicht Moskauer Pop-Prominenz wird das Land beim Finale in Baku vertreten, der Sänger Dima Bilan etwa, sondern ein greises Volksliedensemble aus Udmurtien. Sogar die Abendnachrichten zeigten den Auftritt der sechs Omas. Ihr Lied „Party for Everybody“ war zwar ein einfallsloses Potpourri aus „House of the Rising Sun“ und traditionellen Melodien, schlecht gesungen und für die russischen Hörer unverständlich – schließlich ist der Text udmurtisch. Aber das junge Publikum war begeistert. Es jubelte den fröhlichen Omas zu, die in Bastschuhen über die Bühne hüpften und heftig mit den Armen ruderten, wenn der Refrain kam: „Come on and dance, come on and … Boom! Boom!“

Fototermin für die Omas

Die Damen sitzen im Hinterraum des Dorfklubs von Buranowo – Agrafjona und Soja und Valentina, und Galina Nikolajewna, die den strengen Gesichtsausdruck einer sowjetischen Kindergärtnerin annehmen kann. Galina Nikolajewna ist 73 Jahre alt, sie ist noch in der Dorfkirche getauft worden, die unter Stalin dann verschwand. Sie hat als Kind den Krieg erlebt, der in der Ferne tobte und sein Leid bis nach Udmurtien trug, obwohl das näher an Sibirien liegt als an Moskau. Sie erinnert sich an den Geschmack des Grases, das sie nach dem Krieg aßen. In Bastschuhen ist sie zur Schule gegangen. Und wenn ihr Leben voller Gesang war, dann sicher nicht, weil es unbeschwert gewesen wäre, sondern weil Freude und Verzweiflung gleichermaßen in ein Lied passen.

Das muss man sich alles dazudenken, wenn man die Omas von Buranowo auf der Bühne sieht. Sie haben jetzt viel Besuch, sie sind Kultfiguren der Pop-Industrie geworden, jedenfalls so lange die Pop-Industrie kein neues Spielzeug gefunden hat. Wenn man sie fragt, wie sie mit diesem neuen Ruhm umgehen, rufen sie fröhlich im Chor: Wir haben’s ja noch gar nicht verstanden.

Erst feierte man sie in Buranowo. Ein Blasorchester stand im Schnee vor dem Dorfklub, als sie von der Moskauer Vorrunde zurückkamen, und die herrische Galina Nikolajewna weinte, als ihre kleine Schwester, die Schuldirektorin, sie in den Arm nahm. Die Einwohner witzelten, dass Buranowo nun ja selbst Austragungsort des Song Contests 2013 werde, und dann würden endlich mal die Straßen asphaltiert.

Seither kommt ein Strom von Besuchern. Gerade erst haben die Omas einen Fototermin hinter sich. Sie wurden in ein Freilichtmuseum in der Nähe gebracht, da sollten sie in traditionellen Schürzen Pelmeni kneten und im Schnee kochen, wie man das in Udmurtien tut – damit die Energie der Natur in die Teigtaschen fährt und sie noch besser schmecken. Anschließend sollten die Omas auf Skiern durch den Schnee fahren. Es wirkte nicht, als würde sie das anstrengen. Sie sangen in einem fort, Volkstümliches war darunter und weniger Volkstümliches, zum Beispiel „We are the Champions“ auf Udmurtisch. Dazu wiegten sie ihre Häupter, und auf der Brust leuchtete reicher Schmuck aus Münzen, von sowjetischen Rubelstücken bis zu Silberrubeln aus der Zarenzeit.

Das ist der Unterschied zwischen den Omas von Buranowo und den anderen Volksliedensembles der Gegend: dass sie vor vier Jahren angefangen haben, Rock- und Popmusik in ihrer eigenen Sprache zu singen. Die Idee stammte von einem Veranstalter in Ischewsk, der Hauptstadt Udmurtiens. Als erstes sangen sie „Ein Stern namens Sonne“ von Russlands Rock-Ikone Viktor Zoj, ein Lied über das frühe Sterben. Irgendwer stellte ein Video ins Internet, es wurde ein Riesenerfolg.

Seither hat Klubleiterin Olga Tuktarewa alles Mögliche umgetextet, von „Let it be“ und „Smoke on the Water“ bis Juri Schewtschuk. Eine Moskauer Produzentin nahm sich der Sache an, und 2010 fuhren die Babuschki das erste Mal aus Buranowo in die Hauptstadt zu einer Eurovisions-Vorausscheidung. Es war ein denkwürdiger Besuch. Moskau ist 17 Zugstunden von Ischewsk entfernt, die Fahrt unbezahlbar teuer. Die Babuschki wunderten sich über den ersten Afrikaner auf der Straße und besichtigten Lenin im Mausoleum (ein Besuch, den der Priester nicht billigte). Und die Welt bestaunte die Babuschki. Ihr Lied „Die lange, lange Birkenrinde und wie man aus ihr einen Kopfputz macht“ handelte von der Verzweiflung einer einsamen Frau. Dass die Babuschki dabei fröhlich über die Bühne steppten, passte eigentlich nicht, aber beim Publikum kam es gut an. Immerhin hatte das Lied eine udmurtische Melodie, und den rührenden Text hatte die uralte Babuschka Lisa selbst gedichtet. Das neue Lied „Party for Everybody“ dagegen ist ein Moskauer Produkt.

Einnahmen für einen guten Zweck

Vielen ist der Weg der Omas vom Volkslied zum globalen Pop ein Graus. „Alle Kenner udmurtischer Musik nennen das eine Schande“, sagt Pawel Posdejew, jener Ischewsker Promoter, der die Babuschki zur Rockmusik brachte. Aber musikalisch dürfe man das Ganze ohnehin nicht betrachten, sagt er. Die Omas sind für ihn ein PR-Projekt zur Propagierung udmurtischer Kultur, „und das wird in die Lehrbücher des Kulturmanagements eingehen!“. Denn was weiß die Welt bisher von Udmurtien? Posdejew hat gefordert, im Song für Baku auch noch das englische „Boom! Boom!“ durch den udmurtischen Ausruf „Jyk! Jyk!“ zu ersetzen.

Neulich waren Galina und die Dorfklubleiterin Olga Tuktarewa im Fernsehen, bei der russischen Ausgabe von „Wer wird Millionär“. Beide trugen Volkstracht und Silberschmuck. „Sie sind ja eine Turbo-Babuschka“, sagte der Moderator schmeichelnd zu Galina. „Was ist das?“, fragte sie kühl zurück. Sie wirkte, als trete sie täglich im Fernsehen auf. Die meiste Zeit hörte man Galina und Olga auf Udmurtisch ihre Antworten absprechen. Posdejew wird sich gefreut haben.

Der Gewinn aus der Sendung und künftige Einnahmen des Projekts sollen einem guten Zweck zufließen: dem Wiederaufbau der Dorfkirche von Buranowo. Die wurde ein Jahr nach Galinas Taufe geschlossen und 1949 abgerissen. Aus den Ziegeln haben sich manche der etwa 600 Dörfler neue Öfen gemauert. „So haben wir uns Krankheiten und Unglücke in unser Haus geholt“, sagt Galina. Wo die Kirche stand, ist nun das Kriegerdenkmal, aber ein neuer Bauplatz ist schon gefunden. Im Mai, wenn der Boden auftaut, sollen die Arbeiten beginnen – vielleicht noch bevor die Babuschki ins heiße Baku abreisen.

„Das Geld für die Kirche haben wir ohnehin beisammen“, sagt die Produzentin der Babuschki-Truppe in Moskau. Es ist eine überraschende Auskunft. Der edle Zweck für die Propagierung des Projekts ist also in Wahrheit längst erfüllt. Wo das Geld hinfließt, das im Namen der Babuschki gemacht wird, ist unbekannt. Über Kommerzielles redet man nicht.

Dass die Omas beim Song-Contest-Finale am 22. Mai in Baku siegen können, glauben in Buranowo viele. Aber soll man es ihnen überhaupt wünschen? Im Dorf wächst der Neid. Kritiker sagen, die Omas werden ausgenutzt und die Gunst des Publikums wird so schnell vergehen, wie sie gekommen ist. Es ist nicht einfach für die Babuschki. Aber in ihrem langen Leben hat es schon härtere Zeiten gegeben. Und mit viel Singen haben sie auch die überstanden.

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