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ESC Schauplatz politischer Provokationen

Früher standen die Musiker und Musikerinnen und ihre Lieder beim ESC im Mittelpunkt. Der Eurovision Song Contest ist aber mittlerweile Ort politischer Auseinandersetzung geworden.

ESC
Darf nicht zum ESC: Die Russin Julia Samoilowa. Foto: dpa

Der Boykott ist ziemlich allumfassend. Die ukrainische Staatsmacht boykottiert die behinderte russische Sängerin Julia Samoilowa und lässt sie im Mai nicht zum Eurovision Song Contest nach Kiew einreisen: Weil sie auf der von Russland annektierten Krim aufgetreten ist, und damit gegen ukrainische Gesetze verstoßen hat.

Das russische Staatsfernsehen antwortet mit einem Boykott der Veranstaltung, die Europäische Rundfunkunion EBU erwägt deshalb einen Ausschluss Russlands vom Eurovision-Schlagerwettbewerb 2018, im russischen Föderationsrat droht man seinerseits mit einem zeitlich unbegrenzten Boykott… Der europäische Sängerwettstreit hat sich im Wirrwarr der propagandistischen Schützengräben des Russland-Ukraine-Konfliktes verrannt.

EBU-Direktorin Inrid Deltenre schimpft auf das „absolut inakzeptable Verhalten“ der Ukraine. „Der Eurovision Song Contest soll Millionen Menschen erfreuen und zusammenbringen, er darf nicht benutzt werden, sie gegeneinander aufzuhetzen.“ Aber: Seit 2014 trennen die russische Annexion und der Krieg in der Ostukraine Millionen von Menschen. Wut und Hass sind alltägliche ostslawische Nachbarschaftsgefühle geworden.

Manche behaupten, die Russen hätten die Rollstuhl fahrende und Krim erprobte Samoilowa aufgeboten, um ukrainische Überreaktionen zu provozieren. Andere hoffen noch immer, 2017 ließe sich in der Hauptstadt der Ukraine ein unpolitisches gesamteuropäisches Harmoniefest austragen.

Tatsächlich nutzen längst vor allem postsowjetische Staaten die alljährlichen Schlagerwettbewerbe für politische Provokationen. 2009 – ein Jahr nach Russlands Eingreifen in den Südossetien-Krieg – rächte sich Georgien und nominierte für Moskau das Schlagerquartett „Stefane and 3G“ mit dem englischen Song: „We don’t wanna put in!“. Was sich vokal durchaus anhört wie: „Wir wollen keinen Putin!“ Die EBU wertete den Text jedenfalls als politisch, die Georgier aber weigerten sich, die Passage umzudichten und boykottierten. Genauso schnitten 2012 die Armenier den Contest im aserbaidschanischen Baku – seit 1991 zanken die kaukasischen Nachbarländer um die armenische Enklave Berg Karabach.

Zum Gipfel des Politischen aber geriet Stockholm 2016. Für die Ukraine startete die krimtatarische Soulsängerin Jamila, mit einer Ballade über die Deportation ihres Volkes durch Stalin – ein lyrischer Wink mit dem Zaunfall auf die neuen russischen Repressalien gegen die 2014 mit annektierten Krimtataren.

Sergei Lasarew, einer der schnuckeligsten Popstars Russlands, sollte Jamilas Sieg mit einer bombastisch inszenierten Liebesschnulze verhindern. Die Krimtatarin gewann trotzdem, der ukrainische Präsident Petro Poroschenko jubelte, die ganze Welt habe sich erhoben, um sein Land zu unterstützen. Moskauer Beobachter aber schimpften gar, die Nato habe dieses Ergebnis abgekartet.

Nur logisch, dass Russland dieses Jahr Julia Samoilowa in ihrem Rollstuhl auffahren ließ, um den Lieblingsfeind am Dnjepr so richtig schlecht aussehen zu lassen. Mit einem schlichten Einreiseverbot haben die ukrainischen Behörden vielleicht die am wenigsten schlimme Antwort gefunden. Angesichts der aufgeheizten Stimmung wären in Kiew auch Eierhagel, Farbattacken oder Übleres gegen die Russin möglich gewesen.

Aber man darf schon jetzt gespannt sein, welche Schlagergroßmacht dort gewinnen wird. Und wie brisant und boykottträchtig sie als Austragungsland des nächstes Wettbewerbs werden könnte.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier ESC

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