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Erziehung „Vorlesen ist außerordentlich wichtig“

Wissenschaftlerin Marion Bönnighausen über die Kommunikation zwischen Eltern und Kind, die Bedeutung von ästhetischer Sprache und warum es beim Vorlesen vor allem um Gefühle geht.

Mutter liest ihren Kindern vor
Wer Kinder fesseln will, sollte ihnen spannende, witzige Geschichten vorlesen und mit ihnen dann darüber sprechen. Foto: imago

Frau Bönnighausen, wie wichtig ist das Vorlesen und welche Fähigkeiten fördert es bei Kindern?
Vorlesen ist außerordentlich wichtig. Es fördert als Erstes die sprachliche Entwicklung. Damit verbunden ist ein Hineinwachsen in kulturelle Zusammenhänge, eine Empfindsamkeit, eine Sensibilisierung für Sprache, auch für literarische Sprache. Ein weiterer Punkt ist der soziale Aspekt, die Entwicklung von Gemeinschaftsgefühl und Empathie.

Die Stiftung Lesen hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass Eltern Kindern schon ab drei Monaten vorlesen sollten, auch wenn das Kind die Inhalte noch nicht verstehen kann. Teilen Sie diese Meinung?
Unbedingt. Man muss sich vorstellen, wie sprachliche Entwicklung überhaupt verläuft. Kinder lernen sprechen, weil sie mit uns als Eltern oder mit Bezugspersonen kommunizieren und das heißt in dem Moment nicht, dass die Kinder ganz genau verstehen, was die Eltern sagen. Es geht weniger um die Bedeutung der einzelnen Worte als um die Laute. Das Gute ist, dass Eltern meist sehr intuitiv Laute produzieren und nicht nur in ganzen Wörtern sprechen. Kinder hören auf diesen Klang. Jetzt könnte man schon fast sagen, es reicht, wenn Eltern vernünftig mit ihren Kindern sprechen. Aber wenn sie vorlesen, lesen sie etwas ästhetisch Gestaltetes vor und das hat einen anderen Klang. Und für den werden Kinder schon, sobald sie geboren sind, sensibilisiert.

Was halten Sie vom pränatalen Vorlesen?
Wir wissen ja um die Erkenntnisse des pränatalen Musikhörens. Das ist auch Klanglichkeit, auf die Kinder reagieren. Aber sie brauchen ihnen im Mutterleib nicht vorlesen, sondern können zum Beispiel einfach laut lesen.

Inzwischen gibt es Einschlaf-Apps für Kinder. Dabei werden zum Beispiel Tiere ins Bett gebracht und das Kind gestaltet die Geschichte dazu selbst. Ist Vorlesen noch zeitgemäß?
Ich kann eindeutig sagen, dass diese Möglichkeiten nicht förderlich sind. Denn Vorlesen hat immer ein soziales Element. Kinder ins Bett zu bringen, hat etwas zu tun mit einer sehr ausgeprägten Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Das ist eine soziale Handlung und die kann selbstverständlich in keiner Weise ersetzt werden von einer App. Das Vorlesen ist eine sinnliche Erfahrung durch den Klang der Stimme, und es ist eine soziale Erfahrung, indem es immer verknüpft ist mit Gemeinschaftlichkeit, mit Zuwendung, mit Geborgenheit, mit Gemütlichkeit. Das sind die wenigen Momente, die manchmal noch übrig bleiben für berufstätige Eltern. 

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